Die letzten 132 Tage

Erstellt am 14. Mai 2022 | 08:00
Lesezeit: 11 Min
Das letzte Kapitel der habsburgischen Herrschaft wird im Marchfeld geschrieben. Ein britischer Offizier stellt die Weichen für die Abfahrt des Kaisers ins Exil aus dem Marchfelder Dorf Kopfstetten.
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Es ist Anfang November 1918 in Wien:  Nur einen Tag nach der Abdankung des deutschen Kaisers Wilhelm II. wartet nun auch Kaiser Karl in Schönbrunn auf die Vorlage des ihm bereits angekündigten Manifests: „Den ganzen 10. November über wartete ich auf die angekündigte Verzichtserklärung, doch erst am 11. November um 11:10 vormittags erschienen Minister Geyer und Lammasch.. [… ] Die beiden Minister erklärten, daß, wenn das Manifest nicht bis zwölf Uhr mittags erscheinen könne, 200.000 Wiener Arbeiter die Arbeit niederlegen und die Ausrufung der Republik in Schönbrunn mit Gewalt erzwingen würden. Ich fragte Geyer, ob irgendeine Möglichkeit bestehe, die Revolution niederzuschlagen. Mit Tränen in den Augen versicherte er mir, daß wir keinerlei wirksame Machtmittel mehr hätten.“ Wie aus den Tagebuchaufzeichnungen von Finanzminister Josef Redlich hervorgeht, wurden aus Rücksicht auf Kaiserin Zita und ihre Vorstellung vom göttlichen Herrscheramt jegliche Reizbegriffe wie etwa „Abdankung“ bewusst vermieden.

Karl unterzeichnet nolens volens diese Verzichtserklärung – mit Bleistift – und setzt damit einen Schlussstrich unter genau 640 Jahre Herrschaft der Habsburger in Österreich. Er und seine Familie harren der nächsten Verfügungen bezüglich seines weiteren Verbleibs, die von Schönbrunn bis zum Schweizer Exil reichen, wie sich Karl nachträglich erinnert: „Nach der Unterzeichnung des deutsch-österreichischen Manifests tauchte die Frage auf, was nun geschehen solle. Der Staatsrat erlaubte mir gnädig, in Schönbrunn zu bleiben. Schober wollte, ich solle in die Burg gehen, andere wollten, ich solle in die Schweiz. Ich erklärte, ich bleibe im Lande. Aber nicht in Wien, unter den fortgesetzten Schikanen des Staatsrates, sondern ich begebe mich, und zwar sogleich, nach dem der Familie gehörigen Gut Eckartsau.“

Karl entscheidet sich ganz bewusst für den Aufenthalt in seinem Schloss Eckartsau, weil er sich bei etwaigen Revolten in der jungen Republik wohl wieder eine Chance auf den Thron machte: „Mein Land wollte ich nicht freiwillig verlassen, denn wer ohne Zwang seine Getreuen in der Not im Stiche läßt, hat seine Partie ausgespielt.“

Bei der Proklamation der Republik kommt es tatsächlich zu Panik und blutigen Zwischenfällen im Parlament, die laut Arbeiter-Zeitung von „kommunistischen Wirrköpfen“ ausgehen und diesen Festakt überschatten: „Mit solchen Helfern werden sie der großen Sache des Proletariats, die innig verknüpft ist mit dem Schicksal der Republik, keinen Dienst erweisen. Der Bourgeoisie, die vor Furcht schon ganz blöd ist, ist dadurch nur ein Vorwand gegeben, die Schuld an solchen Ereignissen nur der Sozialdemokratie zuzuschieben und mit ihr der Roten Garde.“

 Am 13. November kamen die Ungarn nach Eckartsau

Und so verlässt Karl mit seiner Familie, mit Gefolge und Leibgardisten unmittelbar nach der Unterzeichnung der Verzichtserklärung an diesem 11. November 1918 um 19 Uhr Schönbrunn und fährt in einem Konvoi von sieben Automobilen hinaus nach Schloss Eckartsau im Marchfeld. „Der Monarch war in Zivil, Ihre Majestät trug ein einfaches dunkles Reisekleid und weiten Mantel“, wie das Wiener Salonblatt in vertrauter „Seitenblicke-Manier“ noch hinzufügt.

Zu diesem Zeitpunkt hofft Karl auch noch immer auf den Machterhalt in Ungarn, denn er hat vorerst nur auf die Mitwirkung an den Regierungsgeschäften in der österreichischen Reichshälfte verzichtet. Doch nur zwei Tage nach dem Verlassen Wiens trifft am 13. November in Eckartsau bereits eine ungarische Delegation ein, die von ihm ebenfalls die formelle Abdankung als König von Ungarn fordert. Auch hier unterzeichnet er – im grauen Salon – nur eine Verzichtserklärung, wie Karl in seinen Erinnerungen schreibt: „Am 13. November kamen die Ungarn nach Eckartsau und verlangten eine ähnliche Erklärung, wie sie für Österreich erlassen worden war. Führer dieser Deputation war Baron Vlasics. Er erklärte mir, daß, sollte ich dieses Manifest nicht erlassen, die Dynastie am nächsten Tage abgesetzt würde.“ Er setzt damit nach fast vierhundert Jahren auch einen Schlussstrich unter die Regentschaft der Habsburger in Ungarn, die mit dem Pressburger Landtag vom 17. Dezember 1526 begonnen hatte.

Die kaiserliche Familie lebt hier in Eckartsau durchaus standesgemäß und verfügt über genügend Personal, das auch aus der Bevölkerung der Umgebung rekrutiert wird. Hier profitiert Karl, der auch gerne mal in den Donauauen auf die Jagd geht, besonders vom vorrätigen Wild, wie er dies auch schreibt: „Eckartsau [...] war Privateigentum, dabei nicht weit weg von Wien – was den Machthabern gottlob ein Dorn im Auge war, und infolge seiner Ökonomie und Jagd war ein Verhungern ausgeschlossen.“ Trotzdem fühlt er sich hier nicht wohl: „Der ganze Aufenthalt in Eckartsau war wirklich nichts Angenehmes. Jeden Tag war man darauf gefaßt, daß irgendein Gesindel herauskommen würde. Oft hörten und lasen wir von Drohungen. Dabei war auch die Sicherheit in der ganzen Umgebung sehr gering.“

Gleichzeitig werden Karls Verbleib im Lande wie auch seine Nähe zu Wien als politische Gefahr für die junge Republik betrachtet, was auch die Arbeiter Zeitung kritisiert: „Ein Monarch kann niemals Bürger des Staates sein, dessen Herrscher er gewesen. [...] Wer einmal den Kitzel des Herrschers verspürt hat, den verläßt er nicht. Er wird sich vielleicht ducken und schweigen, wird aber seine Zeit und Gelegenheit erlauern. [...] Was wäre diesem Manne, der so wenig Manneszüge zeigt, nicht alles zuzutrauen?“ Diese offensichtliche Abrechnung mit Karl lässt auch die Nervosität der Sozialdemokraten im Vorfeld der für den 16. Februar 1919 angesetzten Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung erahnen, zumal einzelne Exponenten der Christlichsozialen Partei, wie etwa der spätere Bundespräsident Wilhelm Miklas, damals noch mit Nachdruck für die Beibehaltung der Monarchie eintreten.

Punkt 17 Uhr kommt die Kaiserin

Karl überschätzt allerdings seinen politischen Einfluss und hofft noch immer auf seine Wiedereinsetzung. Er hält daher auch hier in Eckartsau standesgemäß Hof und verbringt mit seiner Familie das letzte Weihnachten auf österreichischem Boden. Damals halten sich 125 Personen im Schloss auf, darunter viele Bedienstete, die jedoch auch außerhalb des Schlosses wohnen: Neben dem Kaiser und seinen Familienangehörigen sind es ein Geistlicher und ein Arzt, eine kleine Abteilung sogenannter „Burggendarmen“, zahlreiches Haus- und Küchenpersonal, Chauffeure, Kutscher sowie mehrere Jäger und Jagdgehilfen.

So berichtet der damalige Chefkoch Rudolf Munsch über den Verlauf des Weihnachtsfestes: „Kaiser Karl war an Grippe erkrankt und wohnte daher nur der Weihnachtsfeier im Familienkreis bei, die um 15 Uhr nachmittags im Bibliotheksraum stattfand. Die Weihnachtsbescherung für das Personal war um 17 Uhr im großen Stiegenhaus angesetzt, wo ein drei Meter hoher Christbaum aufgestellt war. Daneben befanden sich Tische mit Geschenken, die mit Zweigen und Misteln dekoriert waren.“

Den Auftritt der Kaiserin beschreibt der damalige Chefkoch wie folgt: „Punkt 17 Uhr kommt die Kaiserin, sehr schön und lieb in einer rosa Toilette und sofort beginnt die Beteilung.“ Jeder Anwesende wird namentlich aufgerufen und erhält aus der Hand der Kaiserin sein Geschenk, die Damen Schmuck und Kleiderstoffe, die Herren Taschenuhren, Tabakdosen oder Zigarren, außerdem Teller mit Obst und Striezel. Um 19 Uhr folgt ein festliches Abendessen und um Mitternacht die Christmette in der Schlosskapelle.  Zum Ausklang trifft man sich in der Küche bei Bouillon mit Kalbfleisch, Tee und Weihnachtsbäckerei; erst um halb zwei Uhr früh geht die Feier zu Ende.

Es war im Grunde ein sanftes Drängen zur Abreise

Anfang Jänner 1919 unternimmt der neue Staatskanzler Karl Renner einen Versuch, Karl persönlich zur Abreise aus Österreich zu überreden, und begibt sich deshalb nach Eckartsau. Weil er sich aber nicht offiziell angemeldet hat und ihn Karl krankheitshalber nicht empfängt, kann er sein Anliegen lediglich Karls Flügeladjutantem Emmerich Zeno von Schonta vortragen: „Der Staatskanzler [...] wurde nicht empfangen, trachtete jedoch im Gespräch mit mir alles anzubringen, was der Kaiser hören sollte. Es war im Grunde ein sanftes Drängen zur Abreise. Rührende Rücksicht auf die Gesundheit des Monarchen, dem die feuchte Luft der Auen nicht zuträglich sein könne, war der Auftakt des Gespräches. [...] Das sanfte Drängen blieb fruchtlos und der Kaiser in Eckartsau!“ Karl ergänzt: „Er hatte bloß eine Unterredung mit Schonta und sah einen Tafeldecker, der ihm einen kleinen Imbiß vorsetzte. Zuhause angelangt aber erzählte er im Kabinettsrat, daß er bei mir gewesen wäre.“

Anzeichen für einen Angriff auf Eckartsau

Nach den Wahlen zur Konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919 gilt die republikanische Staatsform in Österreich nun endgültig etabliert. Die siegreichen Sozialdemokraten bilden unter Renner eine Koalition mit den Christlichsozialen, während der Anteil jener, die sich eine Wiedereinsetzung des Hauses Habsburg wünschen, deutlich schwindet. Und weil sich Karl noch immer weigert, das Land zu verlassen, wird für ihn die Lage immer kritischer, wie er notiert: „Die letzte Phase war, daß die Rote Garde verlangte, sie wolle an Stelle der Polizei die Wache beziehen. Dabei sekkierte mich die Regierung fortwährend, ich solle Eckartsau verlassen und nach Persenbeug oder Ischl gehen. Ich erklärte kategorisch: ,Nein‘.“

Von diesem Nein kann Karl erst durch eine britische Intervention abgebracht werden: Um Solidarität mit den europäischen Königshäusern zu demonstrieren, nimmt sich nun König Georg V. von England des Falles an. Man schickt einen Vertreter der britischen Mission in Wien, den Chef der britischen Militärmission, Oberstleutnant Sir Thomas Cuninghame, am 5. Februar nach Eckartsau, um ihm als „Ehrenkavalier“ zur Seite zu stehen. Der Brite soll, so der Wunsch der österreichischen Regierung, den Kaiser zur bedingungslosen Abdankung und Abreise ins Exil bewegen. Weil aber Cuninghame beim Kaiser nichts ausrichtet, wird nun der schottische sowie katholische Aristokrat und britische Oberstleutnant Edward Lisle Strutt von den Royal Scots mit dieser delikaten Aufgabe beauftragt.

Für Sonntag, 23. März 1919, wird die Reise ins Exil fixiert

Kaiserin Zita konfrontiert ihn gleich nach seinem Dienstantritt in Eckartsau mit einem großen Anliegen: Er möge ihrem damals dreijährigen Sohn Felix wegen schwerer Unterernährung doch die Ausreise in die Schweiz zu ihrer Mutter, der Herzogin von Parma, ermöglichen. Strutt bewerkstelligt dies eine Woche später und gewinnt damit das Vertrauen Zitas.

Ihm gelingt es schließlich, auch Karl zur Abreise ins Exil zu bewegen. Strutt bedient sich einer Doppelstrategie: Er kann Karl erst mit dem Versprechen zum Gang ins Exil bewegen, weil er ihm im Gegenzug zusagt, vorher nicht abdanken zu müssen. Renner lässt er hingegen wissen, dass die dringend notwendigen britischen Lebensmittellieferungen für Wien gestoppt werden könnten, wenn er Karl ohne Abdankung nicht ausreisen lasse. Damit gelingt es Strutt letztendlich, den letzten österreichischen Kaiser samt seiner Familie zur Abreise ins Schweizer Exil zu bewegen, die für Sonntag, den 23. März 1919, fixiert wird.

Der Organist spielte Melodien aus Parsifal

Diesen denkwürdigen Tag hält Strutt auch in seinem Tagebuch fest: „Um 10:00 war Gottesdienst in der Hauskapelle. Sie war zum Ersticken voll. Die Kaiserfamilie war auf der Galerie. Otto ministrierte dem Bischof. Der Gottesdienst war kurz. Der Organist spielte Melodien von Wagner, hauptsächlich aus Parsifal. Es war äußerst eindrucksvoll. Zum Schlusse wurde vielleicht zum letzten Mal vor einem österreichischen Kaiser die Volkshymne gesungen. Alles schluchzte, auch mir war eigenartig zu Mute.“ Für Mittag bereitet der einzig verbliebene Hofkoch des Hauses Habsburg, Rudolf Munsch, das Abschiedsessen für Karl und seine treuesten Gefolgsleute im kaiserlichen Speisezimmer von Schloss Eckartsau vor. Die Menüfolge ist vergleichsweise schlicht: Consommé aux fridattes (Frittatensuppe), Filets de gibier variées, legumes (Filets von verschiedenem Wild, Gemüse) sowie Tranches aux griottes (Weichselschnitten). 

Laut Menükarte nehmen an diesem denkwürdigen Mahl auch die Hofdamen Gräfin Agnes Schönborn und Gräfin Gabrielle Bellegarde, die Flügeladjutanten Oberst Graf Wladimir Ledochowski und Korvettenkapitän Zeno von Schonta, der Hofbischof Dr. Ernest Seydl, Sektionschef Dr. Schager, Graf Josef Hunyady, Alexander Esterházy, Paul Esterházy und Oberstleutnant Edward Strutt teil, der über den weiteren Verlauf berichtet: „Wir fuhren um 15:30 nach Kopfstetten, der Zug lief pünktlich um 15:45 ein. Es nahm sich in der weiten Ebene ungeheuerlich aus. Es muß auf dieser Nebenbahn nicht leicht gewesen sein, ihn herzubringen.“

Ein garstiges Geschäft im Dunkel

„Kleine Gruppen von Dorfbewohnern begannen sich anzusammeln, als die ersten Lastautos mit dem Gepäck vom Schloß kamen. Die Leute verhielten sich ruhig und achtungsvoll. Um 17:05 eilte ich fort, verschaffte mir Axt und Säge und suchte und fand den schon vorher festgestellten Knotenpunkt der Wien–Preßburg–Marchegg–Telegraphenlinien. Ich hackte die Stangen auf einer Strecke von einigen 50 Meter nieder, schnitt alle Drähte durch und zerrte die beschädigten Drähte ungefähr 200 Meter weit auseinander – ein garstiges Geschäft im Dunkel, nur mit einer Taschenlampe. Um 18:35 kamen Kaiser und Kaiserin Arm in Arm die große Treppe herab. Alles sank in die Knie. Das Kaiserpaar war von unbeschreiblicher Würde, doch alles war so furchtbar traurig.“

Der Kaiser beugte sich vor und rief: „Auf Wiedersehen!“

Dann ging der Konvoi über die damals grässlich holprige Straße nach Kopfstetten, das man um 18:55 erreichte. Es war bereits stockdunkel und regnerisch. „Die Vorhänge eines Salonwagens, des letzten, waren herabgelassen; das Deckenlicht in diesem Abteil und die Stirnlichter der Automobile warfen ihren Schein auf die vordersten einer 2.000 Köpfe zählenden Menschenmenge (die Straßen, die Felder, selbst die Gleise waren voll Menschen); alles war ganz still; die Menschen, die ich sehen konnte, schluchzten. [...] Ich befahl den Bahnbeamten die Abfahrt. Der Kaiser beugte sich vor und reif einfach: ,Auf Wiedersehen!‘ Die Kaiserin winkte.“

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