„Bin Bürger der Region“. Schauspieler Ulrich Reinthaller eröffnete vor einem Jahr das Dialogikum Phönixberg. Im NÖN-Interview gibt er Einblick in seine Ideen und Zukunftsvisionen.

Von Markus Glück. Erstellt am 17. Juni 2014 (08:01)
NOEN, Nina Goldnagl
Auch bei den Dreharbeiten für „Unterwegs in Österreich“ wurden auch die Dialoge im Pielachtal porträtiert. Foto: Nina Goldnagl

Im August jährt sich die Eröffnung des Dialogikum Phönixberg. Wie sieht ihre erste Bilanz aus?
Ulrich Reinthaller: Die positive Bilanz des vergangenen Jahres hat uns kraftvoll ins heurige Jahr getragen. Die neue Saat ist im Blühen, wir stehen ja kurz vor der Eröffnung des zweiten Dialogikum Phönixberg.

„Kunstbetrieb oft nur mehr als entbehrliches Freizeitangebot wahrgenommen“

Wie viele Gäste haben in der Vergangenheit an Veranstaltung in und rund um das Dialogikum teilgenommen?
Wir hatten ungefähr 650 Gäste an nur zwei Veranstaltungstagen. Wohlgemerkt: Wir sind eine reine Redeveranstaltung, also kein Entertainment im üblichen Sinn.

Sind Sie überrascht über das große Interesse an den Veranstaltungen im Pielachtal?
Nein, ich war überzeugt davon, dass Menschen Dialog suchen, Fragen haben, sich mit aktuellen Themen und Inhalten konkret auseinandersetzen wollen.

Am 9. Juli startet das zweite Dialogikum Phönixberg. Was dürfen sich die Besucher von dieser Veranstaltungsreihe erwarten?
Das diesjährige fünftägige Dialog ist der Mystik, der Kunst und der Wissenschaft gewidmet, beginnend mit dem Eröffnungsvortrag von Walter Kohl. Ihm folgen durchwegs Topreferenten, Bestsellerautoren und herausragende Künstler in Vorträgen und Seminaren, die die Themen des jeweiligen Vorabends genauer unter die Lupe nehmen. Wir beobachten eine zunehmende Fachspezialisierung in allen möglichen Bereichen des Lebens. Wissenschaft setzt sich immer weniger mit Kunst auseinander, der Kunstbetrieb wird oft nur mehr als entbehrliches Freizeitangebot wahrgenommen. Was übrig bleibt, ist oft nur mehr Markt und Konsum. Mensch zu sein, bedeutet mehr, als ums Überleben zu sorgen. Wir wollen diesen Fragen auf den Grund gehen. Dabei ist die Formulierung der Fragen am Anfang viel wichtiger als das Finden von patenten Antworten.

„Dialog ist Kulturform, nicht Entertainment“

Ein Ziel von Ihnen war es, Dialoge mit dem ganzen Tal zu führen. Mit der neuen Veranstaltungsreihe sind sie diesen Schritt näher gekommen. Wie schwierig war es, alle Gemeinden von ihrem Vorhaben zu überzeugen?
Es ist meine Vision, dass im ganzen Tal – und darüber hinaus– ganz selbstverständlich untereinander echter Dialog geführt wird. Ich bin nur ein Bürger dieser Region. Dialog, so wie ich ihn verstehe, ist Kulturform des Zuhörens und des Sprechens, des gemeinsamen Nachdenkens. So wie jemand tagsüber als Landwirt beruflich mit dem Traktor seine Arbeit verrichtet, oder jemand anderer in der Freizeit regelmäßig Sport betreibt, so kann auch ganz selbstverständlich Dialog praktiziert und gepflegt werden. Und ich meine damit keine Diskussionen, keine Kaffeehauskränzchen oder das übliche „Freunde-Treffen“, so wichtig sie dem Einzelnen auch sein mögen. Ich meine Dialog. Dialog ist Kulturform, nicht Entertainment oder Verwandtschaftspflege.

Wo liegt die Motivation darin, Dialog zwischen den Menschen zu fördern?
Die globale Digitalisierung der Welt hat auch Schattenseiten. Dem „Alles ist hier und jetzt möglich“ steht eine große Überforderung des Einzelnen gegenüber. Aus dem überwältigenden Überangebot erwächst oft die frustrierende Erkenntnis, dass der Einzelne bedeutungslos ist, der einzigartige Ausdruck des Einzelnen niemanden mehr interessiert – außer an der Wahlurne.

„Lebe inmitten einer freundlichen, interessierten Bevölkerung“

Wie fühlen Sie sich von den Menschen im Tal aufgenommen?
Ich lebe seit 2011 im Pielachtal und leite das Seminar.Kunst.Haus Phönixberg in der Gemeinde Rabenstein, inmitten einer schillernden, freundlichen, interessierten Bevölkerung. Da ich meine halbe Kindheit im Erlauftal verbracht habe, habe ich mich hier nie als Fremder gefühlt. Ich bin im Pielachtal zu Hause.

Im nächsten Jahr ist die Landesausstellung im Pielachtal zu Gast. Wie wird sich das Dialogikum Phönixberg im Rahmen der Landesausstellung engagieren?
Wir setzen unsere Arbeit intensiviert fort und bleiben eine verlässliche Konstante in dieser Region, auch im kommenden Jahr der NÖ-Landesausstellung. Noch in diesem Jahr beginnen wir im Spätsommer eine mehrteilige Dialogprozessbegleiter-Ausbildung am Phönixberg. Ideal für alle, die zwischen Familie, Lehrberuf, Firmenführung und politischem Amt den Dialog erforschen wollen. Die Veröffentlichung unserer Themen zur Landesausstellung wird nach dem Ende des diesjährigen Dialogikums bekanntgegeben.