„Die wenigen Ziviltoten fallen nicht ins Gewicht“. GERICHT / Vorwurf der Terrorismusfinanzierung: Putzfrau (40) überwies Geld an eine extremistische Separatistenorganisation.

Erstellt am 16. Juli 2012 (00:00)
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VON CLAUDIA STÖCKLÖCKER

ST. PÖLTEN / „Der liebe Gott kennt meine Seele. Ich muss etwas machen, ich will, dass Menschenrechtsverletzungen aufhören.“ Das sagt eine gebürtige Tschetschenin (40) aus St. Pölten. Terrorismusfinanzierung wird der vierfachen Mutter vorgeworfen im Prozess am Landesgericht St. Pölten.

Doku Umarov gilt als  russischer Osama bin Laden

An die islamistisch-extremistische Separatistenorganisation um Doku Umarov überwies die Reinigungskraft im März und April 2011 in sechs Tranchen über Western Union 7.000 Euro via Türkei und Belgien.

Doku Umarov gilt als Russlands Staatsfeind Nr. 1, wird als „russischer Osama bin Laden“ bezeichnet. Sprengstoffanschläge auf die Moskauer Metro im Jahr 2010 mit 39 Toten sollen auf sein Konto gehen, zum Anschlag am Flughafen Moskau-Domodedowo 2011, bei dem 36 Menschen starben, bekannte er sich ausdrücklich.

Seit 2011 steht er auf der von den Vereinten Nationen geführten Terroristen-Liste. Sein Ziel: ein Emirat im Kaukasus.

„Ich glaube, es war meine  menschliche Pflicht“

Ob die Angeklagte eine terroristische Organisation unterstützen wollte? Sie bejaht: „Ich glaube, es war meine menschliche Pflicht. Eine Frau hat mich auf einer Parkbank in St. Pölten angesprochen und mich darum gebeten. Was in Tschetschenien passiert, ist Verbrechen. Wir sollen zusehen, wie wir ermordet werden.“ Ihre beiden Schwestern seien verschwunden, sagt sie. Ermittler meinen anderes: Eine starb bei einem Flugzeug-Terroranschlag, die zweite beim Massaker in Beslan. 2004 brachten dort Terroristen rund 1.100 Kinder und Erwachsene in einer Schule in ihre Gewalt. Bei der Erstürmung durch russische Einsatzkräfte kam es zum Blutbad.

Ob es akzeptabel ist, dass Zivilisten getötet werden? „Sie wollen, dass ich antworte. Warum beantwortet niemand meine Fragen? Die Russen haben uns mit allem Erdenklichen bombardiert. Mit Phosphorbomben, Nagel- und Splitterbomben. Die wenigen Zivilen, die wir getroffen haben, fallen nicht ins Gewicht. Ich weiß nicht, ob Anschläge helfen, aber ich weiß, Tschetschenien wird frei sein wird. Leute, die Geld geben, machen sich Sorgen, haben Mitgefühl.“ Ob sie weiterhin Bares überweisen wird? „Auf jeden Fall nicht über Western Union“, sagt sie. Mit einem Lächeln im Gesicht.

Ihr letztes Wort? „Es gibt in Tschetschenien einen russischen Militärstützpunkt. Dort gibt es auf einem Feld Erdlöcher, die zugedeckt sind mit einem Gitter. In jedem Loch ist ein nackter Tschetschene, völlig verwildert.“

Dass die Angeklagte kein Einzelfall ist, bestätigt ein Ermittler vom Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. „In ganz Österreich gibt es viele Aktivitäten. Hauptdrehscheibe für Überweisungen ist die Türkei.“ Und: „Aufgrund ihrer Erfahrungen ist die Angeklagte hasserfüllt.“

„Es wurde ein glaubwürdiger Eindruck hinterlassen. Nämlich, dass sie ist, was sie behauptet: eine stolze Islamistin, die in Kauf nimmt, dass Menschen getötet werden. Das ist aufgrund unserer Rechts- und Moralauffassung falsch“, meint Ankläger Mag. Karl Wurzer.

Nicht rechtskräftiges Urteil:  ein Jahr auf Bewährung

Richterin Mag. Doris Wais-Pfeffer verurteilt die bislang Unbescholtene zu einem Jahr bedingt. „Wenn man in Österreich lebt und finanziell großzügig unterstützt wird, hat man auch die Justiz zur Kenntnis zu nehmen. Ich war knapp daran, eine andere Lösung zu finden. Überlegen Sie das gut, falls Sie weiterhin hier bleiben wollen!“

Zum Prozess wurde die Tschetschenin übrigens von der Exekutive begleitet, dem ersten Termin blieb sie nämlich unentschuldigt fern. Warum? „Ich habe die Ladung ignoriert.“