Einst Kriegskind in Kirchberg, heute Schlagersänger. Wilhelm Fichtner wuchs mit Entbehrungen im Zweiten Weltkrieg auf. Danach machte er im Job wie privat Karriere.

Von Gerhard Hackner und Gila Wohlmann. Erstellt am 18. November 2020 (03:59)
Das Gitarrespielen und das Seemannsdasein sind die großen Leidenschaften von Wilhelm Fichtner.
Hackner

Mitten im Ortsgebiet von Kirchberg steht das Elternhaus von Wilhelm Fichtner. Damals wie heute ist es ein Frisörgeschäft, wenn auch nicht mehr von der Familie Fichtner geführt. Friseurmeister Wilhelm Fichtner, 80 Jahre, genießt seinen Ruhestand. Der gebürtige Kirchberger blickt auf ein ereignisreiches Leben zurück. Unvergessen sind ihm die Wirren des Zweiten Weltkriegs.

„Kinder haben mit Totenschädeln gespielt“

„Erschossene Russen wurden neben der Kirche begraben. Die Kinder haben mit den Totenschädeln gespielt; sie als Fußball verwendet“, erinnert er sich. Es sei eine harte Zeit gewesen. Als kleines Kind verstand man nicht alles, was sich an Gräuel zutrug. Von Eschenau wurde mit Kanonen ins Pielachtal geschossen. Ein hoher Offizier nahm sich das Haus der Fichtners als vorübergehende Bleibe. „Kein Nachteil“, meint Fichtner, denn: „Bei uns ist nie eingebrochen worden.“ Die Russen seien, betont er, „zu Kindern immer nett gewesen.“

Die Gitarre war ab der Jugendzeit der Begleiter von Willi Fichtner.
privat/Fichtner

Es war nicht einfach. „Die Mutter ging zu Bauern, um Essen zu bekommen“, weiß er. Er sei sehr dünn gewesen und wurde daher auf Erholung in die Schweiz geschickt. „Dort holte mich ein junges Mädchen ab. Sie kaufte mir ein Stück Schokolade. Das vergesse ich nie!“. Ebenso denkt er noch gerne an einen US-Soldaten. Dieser steckte ihm einen Kaugummi in den Mund. „Das gab es bei uns noch nicht“, schmunzelt er.

Von klein auf war er im Geschäft des Vaters dabei. Herren wie Damen und Kinder zählten zur Kundschaft. Was damals, wie auch in seiner Lehrzeit, noch üblich war: die Bartrasur mit dem Messer. Als er als Lehrling das erste Mal einem älteren Herren den Bart stutzen durfte, warnte ihn dieser: „Wennst‘ mich reinschneidest, hast a Watschn, dass du bis an die Türe fliegst.“

Nach drei Jahren Lehrzeit bei Vater Wilhelm Fichtner schloss er als bester Teilnehmer von ganz Niederösterreich ab. Später hat er auch die Meisterprüfung absolviert.

Fichtner war schon immer ein Weltenbummler. Als er 17 Jahre alt war, fuhr mit dem Fahrrad nach Italien, um die dortigen Städte zu erkunden. Über Südtirol ging es retour. Vor allem das Seemannsdasein faszinierte ihn. Er war auch immer wieder auf hoher See und später am Attersee. Seine Auftritte – seit seinem 15. Lebensjahr spielt er Gitarre – als Schlager singender „Käpt’n Willi“ und mit der Musikband „Flamingos 2000“ sind weit über die Region hinaus legendär, ebenso wie seine Haustiere: Eine Zeit hatte Willi Fichtner einen Kapuziner-Affen an seiner Seite. Dann fand ein großer Papagei ein Zuhause bei ihm, ebenso eine riesige Deutsche Dogge. Haare schneidet Fichtner heute keine mehr. Tipps für junge Hairstylisten hat er aber immer parat.