Rabenstein an der Pielach , Lilienfeld

Erstellt am 04. Juli 2018, 05:43

von Nadja Straubinger

Menschlichkeit direkt an der Front: Ärzte ohne Grenzen. Kader Karlidag (33) war in zwei Jahren bei Einsätzen in Uganda, Bangladesch, Kenia, Gaza und in Mossul.

Kader Karlidag ist seit 2016 für „Ärzte ohne Grenzen“ im Einsatz.  |  NOEN, privat

Sie ist 33 Jahre alt, Pharmazeutin und immer wieder in Kriegsgebieten unterwegs: Die in Lilienfeld aufgewachsene Rabensteinerin Kader Karlidag setzt sich seit 2016 für „Ärzte ohne Grenzen“ ein. Ihre Motivation ist die Hoffnung, die sie in den Augen der Kinder aufblitzen sieht. Und das Frauenbild, das sie auf den Einsätzen vermittelt. „Die jungen Mädchen sehen uns als Vorbild. Ich habe schon öfter gehört: Wenn ich groß bin, werde ich so wie du.“

Obwohl es früher nur einen kleinen Bedarf an Pharmazeuten bei „Ärzte ohne Grenzen“ gab, entschied sie sich für das Studium der Pharmazie an der Universität Wien. „Man muss einige Jahre Erfahrung haben, bevor man sich für den Einsatz bewerben kann“, berichtet Karlidag.

Schon für ihre Diplomarbeit über Naturheilkunde begab sich die junge Frau nach Anatolien, das immer wieder von Unruhen betroffen ist. Außerdem war sie mit einer internationalen Delegation für Frauen- und Menschenrechte in Syrien und im Irak. „Wir haben Frauen interviewt, die in der Gewalt des IS waren und einen Bericht darüber für die UNO verfasst“, so Karlidag. Dadurch sei eine posttraumatische Behandlung für 1.100 Frauen und Mädchen möglich geworden.

„Es war gerade Regenzeit und es war sehr schwierig, zwischen den beiden Stationen und dem Quartier herumzufahren.“ Kader Karlidag

Ihren ersten „Ärzte-ohne- Grenzen“-Einsatz hatte Karlidag in Uganda. Dort half sie in einem Jugendzentrum bei der Aufklärung über Infektionskrankheiten wie HIV und Tuberkulose. Als es dort nach Wahlen zu Ausschreitungen kam, wurde aus dem Aufklärungseinsatz ein Noteinsatz. Das Team musste die lokalen Krankenhäuser unterstützen. Da war für sie klar: „Ich möchte Noteinsätze machen.“

Zum Mossulkrieg in den Irak

Nach dem Einsatz bereitete sie sich in Rabenstein für einen nächsten im Südsudan vor. „Stattdessen kam der Anruf, dass ich in den Irak soll. Ich kannte mich in der politischen Lage dort gut aus und habe auch sofort zugesagt.“ Karlidag war mit dem ersten Team vor Ort und baute ein neues Feldlazarett. Anfangs war es schwierig, die Brücke über den Tigris war zerbombt, erst später baute das Militär eine provisorische Brücke. Fünf Kilometer war das Zelt von der Frontlinie entfernt. Verwundete wurden nach Dringlichkeit behandelt und Leichen mussten aus dem Zelt gebracht werden. „Es war körperlich sehr schwer“, so Karlidag.

Es folgten Einsätze an der Grenze von Kenia und Uganda sowie in Bangladesch. In Afrika galt es eine Epidemie durch das Marburg-Virus zu verhindern. Das Virus ist eng verwandt mit Ebola. „Es war gerade Regenzeit und es war sehr schwierig, zwischen den beiden Stationen und dem Quartier herumzufahren“, berichtet Karlidag. Da wurden aus 20 bis 40 Minuten Fahrzeit plötzlich vier bis fünf Stunden. Bei der Behandlung der Symptome der Kranken wurde ein strenger Desinfektionsprozess eingehalten.

"Ein kleiner Fehler kann dafür verantwortlich sein, dass ein ganzes Gebiet angesteckt wird.“

„Hier muss man sehr genau sein. Ein kleiner Fehler kann dafür verantwortlich sein, dass ein ganzes Gebiet angesteckt wird.“ Auch in Bangladesch war Hygiene gefragt. Bei der Rohingyakrise galt es, Diphtherie einzudämmen. „Das letzte Therapieschema dafür war 50 bis 60 Jahre alt“, erklärt die Pharmazeutin. Bei ihren Einsätzen arbeitet sie mit lokalen Pharmazeuten zusammen. „Die Voraussetzungen sind sehr unterschiedlich“, so Karlidag. Am Gazastreifen waren die Menschen bestens ausgebildet. Karlidag war für die Sicherung der Arzneimittel-Qualität zuständig. Weil keine internationalen Produkte eingeführt werden durften, mussten lokale verwendet werden.

Derzeit ist Karlidag in Österreich. Wo der nächste Einsatz hingeht, weiß sie noch nicht.