Rainer Handlfinger: Motto „Stärker aus Krise“ passte. Eine erste Bilanz über die aktuelle Funktionsperiode in Zeiten von Corona zieht Ober-Grafendorfs Bürgermeister Rainer Handlfinger. Wichtigstes Projekt: der Hauptplatz.

Von Nadja Straubinger. Erstellt am 10. September 2021 (05:13)
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Bürgermeister Rainer Handlfinger freut sich auf den Hauptplatz mit Aufenthaltsqualität.
Straubinger

Ober-Grafendorfs Bürgermeister Rainer Handlfinger zieht beim Sommergespräch mit der NÖN eine erste Bilanz über die aktuelle Funktionsperiode, spricht über die Herausforderungen der Corona-Krise und über Aktivitäten der Gemeinde für den Klimaschutz.

NÖN: Rund 1,5 Jahre sind nach der Wahl vergangen. Welche Bilanz ziehen Sie?

Rainer Handlfinger: Wir haben Corona relativ gut gemeinschaftlich geschafft. Wir haben den Vereinen in Ober-Grafendorf die Möglichkeit geboten, mit Sanierungsmaßnahmen am Vereinsleben festzuhalten. Der Fußballverein hat viel selbst gemacht, der ESV hat die Tennisplätze hergerichtet und die Kegelbahn erneuert. Es gibt viel Zulauf aus der Jugend, auch beim ESK sind viele neue Familien dabei. Wir haben nach dem Motto „Stärker aus der Krise“ gehandelt. Bisher ist uns das gut aufgegangen.

„Wir haben nach dem Motto „Stärker aus der Krise“ gehandelt. Bisher ist uns das gut aufgegangen.“

Wie hat sich Corona auf dieGemeinde ausgewirkt?

Wir können den Hauptplatz nicht in einem umsetzen, sondern voraussichtlich in zwei Abschnitten. Die Ertragsanteile sind geringer, wir müssen vorsichtig haushalten.

Wie ist die Gemeinde alsArbeitgeber mit der Pandemie umgegangen?

Die Mitarbeiterwaren, wenn möglich, im Home-office. Viele Sitzungen fanden über Zoom statt. Noch jetzt bieten wir die Gemeinderatssitzung als Hybrid an. Jeder kann frei entscheiden, ob er kommen möchte oder nicht.

Wie hat Corona die Bevölkerung verändert?

Für die Jugendlichen ist es hart. Zum Beispiel für meine Tochter: Das Jungscharlager fand zum zweiten Mal nicht statt. Das war ihr immer besonders wichtig. Man kann sich nicht vorstellen, was das mit Kindern macht. Da hat man Verständnis, wenn sie ausbrechen wollen.

Wie ist die Wirtschaft mitder Situation umgegangen?

Die Wirte haben sich sehr schnell angepasst, der Handel hat mit „Click and Collect“ begonnen. Alle haben versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Frisöre und andere Dienstleister konnten nicht aufsperren, sie waren die Leidtragenden. Dieser Verlust ist nicht aufzuholen. Für Einrichtungshäuser hingegen gab es danach einen Boom.

Am Hauptplatz sitzen zu können und was zu essen und trinken, wird eine komplett neue Erfahrung.

Was sind die wichtigsten Projekte der nächsten Monate?

Das Hauptplatz-Projekt, der Radweg nach Rennersdorf sowie nach St. Pölten. Dieser wird überregional evaluiert. Außerdem wollen wir eine Gemeinwohlbilanz legen. Damit haben wir auch schon begonnen.

Das Erscheinungsbild von Ober-Grafendorf wird mit dem Hauptplatz ganz neu. Wie sehen die Bürger das?

Die Eingewöhnung wird keine einfache sein. Aber am Hauptplatz sitzen zu können und was zu essen und trinken, wird eine komplett neue Erfahrung. Das hatten wir bis jetzt nicht, bisher gab es nur einen Parkplatz. Auf diese Aufenthaltsqualität freue ich mich schon.

Die Präsentation der Hangwasserstudie ist schon einige Zeit her. Wird diese genutzt?

In Ober-Grafendorf wird laufend damit gearbeitet. Bei jedem Starkregenereignis fahre ich meine Runden und sehe mir an, wo die Problemstellen sind. Teilweise gibt es jetzt Unwetter mit Regenmengen, die man eigentlich bei der Apokalypse erwarten würde. Dann sagen die Leute: Warum tut ihr nichts dagegen? Das wird immer häufiger, aber das ist der Klimawandel. Immer höhere Temperaturen, damit kann auch mehr feuchte Luft aufgenommen werden. Das Wort Klimanotstand wird von vielen belächelt, aber wir müssen etwas tun. Je länger wir warten, umso teurer werden die Maßnahmen.

Ich glaube, wenn es eine Möglichkeit gäbe, das S34-Projekt auf ein Mindestmaß zu reduzieren, dass es dann eine gute Gesprächsbasis gäbe.

Thema öffentlicher Verkehr und Radweg. Wie ist Ober-Grafendorf aufgestellt?

 Wir haben jetzt unsere Radabstellanlage in Betrieb genommen. Da können auch E-Bikes sicher abgestellt werden. Der Radweg entlang der Hauptstraße führt fast durchgängig vom Gemeindeamt bis nach Gattmannsdorf. Wir wollen auch einen Radweg nach St. Pölten. Den muss man aber so planen, dass er in fünf bis zehn Jahren das Zielpublikum anspricht. Die E-Bike-Mobilität wird sich noch stark erhöhen. Da sind Steigungen kein großes Problem mehr. Mit den Öffis sind wir sehr zufrieden. Wir überlegen aber, im Ebersdorfer Feld eine zusätzliche Bushaltestelle zu machen. Das wird bei den Verhandlungen mit dem VOR das nächste Mal Thema.

Was tut Ober-Grafendorf für den Klimaschutz?

Viel, viel, viel. Das ist eines der wichtigsten Themen. Wir wollen die Gemeinde enkeltauglich machen. Wir leisten unseren Beitrag und nehmen an vielen Projekten teil, um unsere Maßnahmen zu evaluieren. Wir sind e5-Gemeinde, Klimawandelanpassungsmodellregion sowie Klima- und Energie-Modellregion. Der Hauptplatz wird in Zusammenarbeit mit der Firma Greenpass umgesetzt, zur natürlichen Kühlung werden Grünräume geschaffen und Bäume gepflanzt. Außerdem werden die Parkanlagen ökologisiert, Schmetterlingsgärten und Bienenwiesen werden angelegt. Unser Ziel ist es auch, dass die Menschen ohne Zweitauto leben können.

Der Kontakt zu St. Pölten ist gut. Wie gehen Sie mit der Pro-S 34-Einstellung der Stadt-SPÖ um?

Ich habe Verständnis für die Stadt, die dieses Projekt nicht aufgeben kann. Es gibt eine starke Belastung der St. Georgener Bevölkerung. Ich glaube allerdings, wenn es eine Möglichkeit gäbe, das Projekt auf ein Mindestmaß zu reduzieren, dass es dann eine gute Gesprächsbasis gäbe. Ein Autobahnkreuz in der Größe vom Voralpenkreuz in Oberösterreich für neun Kilometer Autobahn und eine Untertunnelung für einen Flugplatz wie Völtendorf, das gibt es in ganz Europa nicht. Dieses Projekt gehört in das vorige Jahrhundert.