Hundehaltegesetz: „Schießt über das Ziel hinaus“. Tierärzte und Trainer sehen wie viele Besitzer die verschärfte Leinen- und Maulkorbpflicht eher kritisch.

Von Thomas Werth, Martin Gruber-Dorninger und Marlene Groihofer. Erstellt am 12. November 2019 (04:03)
Johann Weiss mit Tochter Johanna (stehend) und Gast Margit Moravek mit Dirndl und Paco.
Marie Eder

Für ein Aufjaulen sorgt das neue vom Landtag beschlossene Hundehaltegesetz. Kritik hagelt es vor allem für die verstärkte Beißkorbpflicht „bei größeren Menschenansammlungen“. Gesammelt werden nun sogar Unterschriften für eine Volksbefragung. Die NÖN hörte sich in der Region um, wie dort die verschärften Bestimmungen für Vierbeiner ankommen.

Auch in der Region St. Pölten überwiegt die Skepsis gegenüber dem neuen Hundehaltegesetz und insbesondere der erweiterten Maulkorbpflicht. „Das neue Gesetz schießt über das Ziel hinaus, die bisherige Lösung mit Leinen- oder Maulkorbpflicht war in den meisten Fällen ausreichend“, ist die St. Pöltner Tierärztin Mathilde Fuchs überzeugt. Sie weist auch darauf hin, dass gewisse Rassen wie Mops oder Boxer ohnehin schlecht Luft bekommen. „Durch einen Beißkorb sind sie zusätzlich eingeschränkt.“

„Wichtiger ist es, dass der Besitzer geschult ist, wie er mit seinem Tier umgehen muss.“ Josef Kronister, Bezirkshauptmann

Johann Weiss, Betreiber der Steinschaler Naturhotels in Rabenstein, zählt viele Hundebesitzer zu seinen Gästen. Auch er sieht die Regelungen sehr kritisch: „Ich wünsche mir eine praxisgerechte Lösung“, so Weiss, der auch einen Schaden für touristische Betriebe fürchtet, wenn Hundefreunde ihre Vierbeiner nicht mehr mitbringen dürfen. Er erlebe Hunde, die im Familienverband daheim sind, als „extrem gut sozialisiert“: „Liegt ein Golden Retriever bei seiner Familie in unserem Restaurant unter dem Tisch, so weiß man nicht einmal, dass er mit ist.“ Besitzer würden sehr viel Rücksicht nehmen. Und fühle sich jemand von Hunden gestört, so gebe es auch getrennte Bereiche im Lokal.

Der St. Pöltner Tierheimleiter Davor Stojanovic hofft ebenfalls noch auf Verbesserungen des Gesetzes. „Das Ergebnis ist noch nicht optimal. An Blindenhunde oder Rollstuhlfahrer ist dabei nicht gedacht worden.“ Für Stojanovic scheint die Novelle übers Knie gebrochen worden zu sein. „Es ist gut, dass das Thema aufgegriffen wird, aber man sollte auch die Wissenschaft einbinden“, schlägt er vor.

„Gar nichts“ hält Hundetrainer Anton Schopp von dem Gesetz. „Es wäre gescheiter, wennjeder eine Hundeschule besucht, als dass pauschal alle Hunde bestraft werden.“ Für Schopp ist es selbstverständlich, in Bussen oder Zügen Maulkorb und Leine anzulegen. „An der Traisen genügt aber eines davon. Beides ist ja auch für den Hund eine Qual.“

Seiner Entlebucher Sennenhündin Lea will Bezirkshauptmann JOsef Kronister nicht ständig den Beißkorb umhängen. In gewissen Situationen sei das aber vertretbar. Viel wichtiger sei es aber, dass die Besitzer besser geschult werden.
Werth

Auch Bezirkshauptmann Josef Kronister, selbst seit über sechs Jahren Besitzer der Entlebucher Sennenhündin Lea, appelliert an die Hundehalter, sich intensiver mit dem Tier auseinanderzusetzen. „In gewissen Situationen ist ein Beißkorb vertretbar, dauerhaft aber nicht. Viel wichtiger ist es, dass der Besitzer geschult ist, wie er mit seinem Tier in unterschiedlichen Situationen umgehen muss“.

Auslöser für das Nachbessern beim Hundehaltegesetz ist die zunehmende Zahl an Hundebissen in NÖ. In der Region wurde erst in der Vorwoche ein dreijähriges Mädchen beim Spazierengehen von einem unbekannten Mischlingshund in den Oberarm gebissen. Auffälligkeiten gab es in den vergangenen Jahren in der Region aber keine, wie Polizei und Behörde betonen. Im Bezirk wurden bei der Polizei heuer bislang 56 Hundeattacken gemeldet, im Vorjahr 75. Auf der Bezirkshauptmannschaft wurden heuer 108 Hundebisse registriert, 2018 waren es 121. In der Landeshauptstadt gab es laut Polizei heuer fünf Hundebisse (2018 waren es drei), der Magistrat berichtet von 31 Bissverletzungen im heurigen Jahr, genauso viele wie 2018.

Die Einhaltung der Leinen- und Maulkorbpflicht wird nach Inkrafttreten von der Polizei kontrolliert.

Bis das Gesetz in Kraft tritt, wird es aber noch adaptiert. Die VP kündigte eine „Klarstellung“ in der Landtagssitzung am 21. November an. In Gaststätten und Schwimmbädern mit weniger als 150 Personen könne zwischen Leine und Maulkorb gewählt werden.

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