Bereits 1.600 Geburten begleitet . Martina Klasz aus Gablitz ist mit Leib und Seele Hebamme. Sie unterstützt nicht nur die Mütter, sondern die ganze Familie.

Von Nadja Büchler. Erstellt am 29. Februar 2020 (03:14)
Martina Klasz unterstützt als Hebamme Mütter vor, während und nach der Geburt. privat
Privat

Seit 13 Jahren lebt Martina Klasz mit ihrer Familie in Gablitz und schätzt die Kombination aus dem Leben am Land und der Nähe zur Großstadt Wien. Ihre dreijährige Ausbildung zur Hebamme absolvierte sie an der Wiener Semmelweis-Klinik. Danach folgte eine Anstellung am St. Josef-Krankenhaus im 13. Wiener Gemeindebezirk. Nach sechs Jahren entschied sie sich für den Schritt in die Selbständigkeit. 1.600 Geburten hat sie begleitet, als Hebamme lebt sie ihren Kindheitstraum.

NÖN: Sie sind freiberufliche Hebamme. Können Sie uns etwas über ihren Werdegang erzählen?
Martina Klasz: Nach meiner Matura habe ich zwei Jahre studiert. Damals startete nur alle drei Jahre ein Ausbildungslehrgang. Die Ausbildung habe ich in der Semmelweis-Klinik absolviert. Diese teilte sich zwischen Praxis und Theorie auf. Nach meinem Abschluss habe ich mit 23 Jahren im St. Josef-Krankenhaus als Hebamme begonnen. Wir waren sechs Hebammen – drei weltliche und drei geistliche. Wir sind ins kalte Wasser gesprungen, da wir alleine im Dienst waren.
Die geistlichen Hebammen standen uns rufbereit als Back-up zur Verfügung. Mittlerweile arbeiten über 100 Hebammen im St. Josef-Krankenhaus. Ich war sechs Jahre angestellt und habe in dieser Zeit über 1.000 Geburten gemacht. Dafür bin ich sehr dankbar, denn diese Vielzahl an Erfahrungen gab mir das nötige Rüstzeug für den Schritt in die Selbständigkeit.

Wie ging es als freiberufliche Hebamme weiter?
2010 habe ich mit zwei Kolleginnen das Geburtshaus in Wien, im 13. Bezirk, gegründet und bis Jänner 2020 mitgearbeitet. Dabei war viel Pionierarbeit notwendig, da es davor in Österreich kein Geburtshaus in dem Ausmaß gab. Nebenbei war ich auch schon bei Hausgeburten im Einsatz.

Was ist das Besondere an einem Geburtshaus?
Es bietet ein Mittelding zwischen Hausgeburt und Spital an und ist in der Stadt gefragter als am Land. Paare, die eine Hausgeburt machen wollen aber in hellhörigen Wohnungen leben, können im Geburtshaus die private, wohnungsähnliche Atmosphäre nutzen. Sie erleben eine reine Hebammengeburt mit den gleichen Spielregeln wie bei einer Hausgeburt.

Während der Schwangerschaft wird die ganze Familie von Martina Klasz
zVg

Was bieten Sie als freiberufliche Hebamme an?
Ich biete Hausgeburten an und bin auch Wahlhebamme im St. Josef-Krankenhaus. In beiden Fällen bin ich von Anfang an dabei. Von der Geburtsvorbereitung über die Geburt bis zur Nachbetreuung. Als Wahlhebamme betreue ich die Geburt im Spital. Wenn es losgeht, fahre ich zuerst zu den werdenden Eltern nach Hause und kontrolliere den Geburtsfortschritt. Gemeinsam fahren wir zur Geburt ins Spital. Manche Paare entscheiden sich in dieser Situation spontan für eine Hausgeburt. Auch darauf bin ich vorbereitet.

Unter welchen Umständen ist eine Hausgeburt möglich?
Es gibt ganz klare Spielregeln für eine Hausgeburt und es ist ganz wichtig, diese einzuhalten. Da wäre die klare Zeitzone (frühestens erster Tag der 38. Woche und längstens 14 Tage über dem Termin), es darf keine Schwangerschaftserkrankung wie Bluthochdruck oder insulinpflichtige Diabetes vorliegen, das Baby muss mit dem Kopf nach unten liegen und es darf nur ein Baby sein.
Ganz klar ist: Wir dürfen nicht mit Medikamenten eingreifen. Ich kenne in meinen 20 Jahren Berufserfahrung Katastrophen-Geburten im Spital, aber nicht Zuhause. Wenn man sich die Geburten ansieht, bei denen es dem Baby nicht gut geht, waren immer Schmerz- oder Wehenmittel im Spiel. Sei es gerechtfertigt oder nicht. Da wir bei Hausgeburten keine Medikamente verabreichen dürfen, komme ich gar nicht in diese Situation. Sollten wir doch welche benötigen, müssen wir sowieso ins Krankenhaus fahren und dann sind wir an einem Ort, an dem man schnell reagieren kann.

Mit der Frage zur Sicherheit bei einer Hausgeburt werden Sie sicher oft konfrontiert. Wie lautet Ihre Antwort?
Eine Hausgeburt ist genauso sicher wie eine Geburt im Spital – eben weil ich als Hebamme nicht eingreifen darf. Wenn es aus irgendeinem Grund nicht weitergeht bei der Geburt, muss man sowieso ins Spital fahren. Es ist wichtig, die davor genannten Spielregeln einzuhalten. Ich kann nicht immer versprechen, dass wir jede Geburt daheim durchziehen können, aber dass wir kein Risiko eingehen.

Sie haben einige Zusatzausbildungen. Welche sind das?
Da wäre die Akupunkturausbildung. In der freien Praxis ist es gut, ein zusätzliches Handwerkszeug anbieten zu können. Wir dürfen in der Hausgeburtshilfe keine schulmedizinischen Medikamente verwenden. Die Akupunktur ist eine wertvolle Hilfe bei der Geburtsvorbereitung und eine wunderbare Alternative zu Wehenmitteln.

Eine Hausgeburt ist genauso sicher wie eine Geburt im Spital

Welche Personen entscheiden sich für eine Hausgeburt?
Menschen mit alternativen Lebensweisen, Systemkritiker und Menschen aus höheren Bildungsschichten.

Sie haben auch eine Ausbildung als Eltern- und Familien-Coach. Wie unterstützt Sie diese bei Ihrer Tätigkeit als Hebamme?
Ich biete Geschwister-Kurse an. Jeder, der schon einmal Mama oder Papa wurde, weiß, was das für ein schönes Ereignis ist, aber eine Geburt stellt das bisherige Leben auf den Kopf. Auch für die Geschwister ändert sich viel. Man kann und soll Kinder gut vorbereiten. Ich erkläre ihnen eine Geburt, lasse sie auf einen Geburtshocker setzen und rede mit ihnen über die Veränderungen daheim. Den Eltern rate ich, die übliche Routine bei den Geschwisterkindern unbedingt beizubehalten. Für die Kinder ändert sich in dieser Zeit sehr viel und die Routine bietet Sicherheit. Die Kurse mache ich für Kinder zwischen zwei und sieben Jahren.

Gibt es viele Hebammen, die Hausgeburten anbieten?
Wir erleben leider bei der neuen Hebammen-Generation, dass für diese die Work-Life-Balance sehr wichtig ist und sie die Rufbereitschaft nicht machen wollen. Ich persönlich finde es großartig. Meine Familie und ich leben super mit der Rufbereitschaft. Ich habe viel Tagesfreizeit und könnte mir ein typisches Arbeitsleben in einem Büro nicht vorstellen. Hebammen, die nur im Spital arbeiten, versäumen das Ganzheitskonzept, Familien durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu begleiten.

Sind Hebammen immer weiblich?
Fast immer. Momentan gibt es, glaube ich, zwei Männer, die diesen Beruf ausüben. Es bewerben sich sehr wohl auch Männer für die Ausbildungsplätze an der FH. Aber bei 20 Plätzen auf 400 Bewerber ist das Auswahlverfahren recht streng. Ich finde, dass männliche Hebammen im Spital gut aufgehoben sind. Im privaten Umfeld einer Hausgeburt bevorzugen Frauen eher Frauen. In dem Fall wird die ganze Familie betreut und für das Thema Stillen ist den Müttern auch eine Frau lieber.

Momentan gibt es, glaube ich, zwei Männer, die diesen Beruf ausüben

Ist Österreich ein Vorreiter in Sachen Hausgeburt?
Nein. Etwa zwei Prozent aller Geburten sind Hausgeburten. Das ist in den letzten 30 Jahren gleich geblieben. In Holland liegt die Hausgeburtshilfe bei fast 50 Prozent. Die Unterschiede sind in Europa sehr groß. In den nordischen Ländern sind Hausgeburten selbstverständlicher. Österreich liegt im Mittelfeld, aber ich denke, der Bedarf wird mehr werden. Die Idee, Krankenhäuser als Zentral-Krankenhäuser nach ihren Spezifikationen zusammenzulegen, wird beim Fach Geburtshilfe nicht so gut angekommen. In dem Bereich suchen Menschen eine intime Umgebung.