Ärztin behandelt Flüchtlinge in Bosnien. Ärztin Karin Tschare-Fehr verbrachte ihren Urlaub mit der Versorgung von Flüchtlingen.

Von Birgit Kindler. Erstellt am 14. August 2019 (04:25)
Kindler
Für Karin Tschare-Fehr ist es selbstverständlich, dass sie hilft. Sorgen bereitet ihr der kommende Winter im Flüchtlingslager in Bosnien.

In der Sonne liegen, dem Meeresrauschen zuhören und sich mit einem Cocktail in der Hand entspannen – so verbringen viele Menschen ihren Urlaub. Ganz anders sieht das bei Karin Tschare-Fehr aus. Die Ärztin mit der Praxis in Purkersdorf, verbringt seit 2015 ihre Urlaube in Flüchtlingslagern. Heuer in Bihac in Bosnien nahe der kroatischen Grenze. Erst vor ein paar Tagen ist Tschare-Fehr zurückgekehrt, diese Woche fährt sie wieder hin, um die Menschen medizinisch zu versorgen.

Erholend ist der Urlaub für die Gablitzerin naturgemäß nicht – sondern das krasse Gegenteil. „Es ist wie im Krieg“, berichtet Tschare-Fehr. Den jungen Männern, die vorwiegend aus Afghanistan und Syrien kommen, nehme die Polizei ihre Kleidung, Schuhe und Handys weg.

„Danach werden sie geschlagen und in das Flüchtlingslager nach Vucjak getrieben. Bei 40 Grad müssen sie zehn Kilometer ohne Wasser dorthin gehen. Das ist unmenschlich. Die Leute haben gebettelt um Wasser“, sagt sie. Das Lager befindet sich auf einer ehemaligen Mülldeponie. Nur notdürftig wurde diese Fläche mit etwas Schotter zugeschüttet. „Was sich darunter befindet weiß niemand“, meint die Medizinerin.

Eine Decke für drei Personen

Zwischen 400 und 700 Personen lebten dort, als die Gablitzerin ankam. „Als ich gefahren bin, waren es schon über 1.000.“ Die großteils Minderjährigen zwischen 14 und 16 Jahren müssten zu siebt in einem Zelt schlafen, sich zu dritt eine Decke teilen. Als Essen gibt es zwei Scheiben Brot und eine Dose Thunfisch in der Früh und am Abend einen Eintopf.

„Das sind sicher nicht mehr als 500 Kalorien am Tag, manchmal gibt es auch gar nichts“, so Tschare-Fehr, die sich die Frage stellt, warum solche Zustände in Europa überhaupt möglich sind. „Würden wir in Österreich Tiere so halten, hätten wir ein Problem mit den Tierschützern.“

Im Lager behandelt Tschare-Fehr pro Tag hundert Personen. „Die meisten haben Wunden an den Füßen, die bei den Bedingungen auf der Müllhalde zu eitern beginnen.“ Häufig ist auch Krätze. Im Lager stehen nur vier Dusch- und WC-Container zur Verfügung.

Ein Partyzelt als „Ordination“

Manche Krankheiten und Verletzungen lassen sich nur sehr schwer behandeln. „Wenn jemand Zahnweh hat, kann ich nur ein Schmerzmittel geben. Wir haben hier ja keinen Zahnarzt.“ Versorgt werden müssen die Flüchtlinge auch nach „The Game“, wie sie es nennen. Dabei versuchen sie über die Grenze ins nahe gelegene Kroatien zu kommen. „Schaffen sie es nicht, kommen wie wieder ins Lager und versuchen, Kräfte für einen erneuten Versuch zu sammeln“, weiß die Ärztin. Ihre „Ordination“ ist in einer Art Partyzelt untergebracht, auf Biertischen und Bänken werden die Leute behandelt.

Arye Wachsmuth
Auf einer ehemaligen Mülldeponie müssen die geflüchteten Menschen leben.

Tschare-Fehr ist bei keiner Organisation tätig, sie finanziert sich den Aufenthalt mit sämtlichen Kosten selbst und bringt auch die notwendige medizinische Ausstattung mit. „Ich habe einen Rucksack mit Geräten, Verbandsmaterial und meine Apotheke, in der sich auch homöopathische Mittel befinden“, erklärt die ausgebildete Homöopathin.

„Ein Kind wurde mit Antibiotika gegen seinen Husten behandelt, aber nichts hat geholfen. Ich habe ihm dann Globuli gegeben und der Husten war weg“, meint Tschare-Fehr, dass Homöopathie schöne Erfolge bringe. „Aber ich gebe auch herkömmliche Medizin. Das, was eben notwendig ist. Es geht ums Wohl der Patienten.“

In Griechenland hat die Gablitzerin einen Diabetiker mit offener Zehe hinterm Bahnhof auf der Straße behandelt. „Ich habe die Verbände gewechselt und das Insulin eingestellt. Das habe ich vorher noch nie gemacht, aber in dieser Nacht habe ich es gelernt. Die Zehe ist im Laufe der Behandlung immer schöner geworden. Der Mann ist mir um den Hals gefallen aus Dankbarkeit.“

Arye Wachsmuth
Karin Tschare-Fehr muss im Flüchtlingslager häufig Wunden an den Füßen versorgen.

In Kontakt ist sie auch noch mit einem jungen Mann aus Syrien, der ihr hin und wieder schreibt. „Er hat sich gewunden vor Schmerzen, ich habe gesagt, dass wir unbedingt einen Notarzt brauchen – aber der wäre erst nach sieben oder acht Stunden gekommen.“ Sie hat versucht, den Zustand des Mannes zu stabilisieren. „Ich bin die ganze Zeit bei ihm geblieben. Ich konnte ihn nicht alleine lassen. Es ist ihm dann etwas besser gegangen, und er wurde dann doch vom Notarzt geholt und musste eine Woche im Krankenhaus behandelt werden, weil er eine Bombenverletzung im Bauchraum hatte.“ Sie verbringt ihre Reisen helfend. „Jeder Tag ist anders, als ich ihn mir vorstelle, und ich komme reich beschenkt wieder zurück.“

Dass sie den geflüchteten Menschen hilft, ist für Tschare-Fehr eine Selbstverständlichkeit. „Das ist Menschlichkeit. Man hilft, wenn es jemandem schlecht geht. Wir haben Verantwortung. Ich würde auch rennen, wenn meine Familie in Gefahr wäre und es nur besser werden kann.“ Es sei nicht fair, dass die Leute so scheitern. Die Gesellschaft kranke an allen Ecken und Enden. „Wenn wir nichts ändern, dann müssen wir uns auch von der Menschenrechtskonvention verabschieden.“

„Das ist Menschlichkeit. Man hilft, wenn es jemandem schlecht geht. Wir haben Verantwortung. Ich würde auch rennen, wenn meine Familie in Gefahr wäre und es nur besser werden kann.“

Die Medizinerin ist überzeugt, dass man auch als Einzelperson etwas bewegen kann. Das beginnt schon bei „Gablitz hilft – Flüchtlingshilfe“ einem Verein, der sich um die cirka 70 in Gablitz lebenden Flüchtlinge kümmert. „Viele Tropfen machen einen Ozean“, ist ihr Motto.

Bevor sie aus Bosnien wegfuhr, sei sie von 100 Männern umringt worden. „Sie haben gesagt, wir wissen wie andere hier Urlaub machen und du kommst zu uns in deinem Urlaub. Danke.“ Sie sei auch die Erste gewesen, die die Flüchtlinge vor Ort wie Menschen behandelt hätte – und nicht wie Müll. „Die Männer sind wohlerzogen und kultiviert, bevor ich mich nicht hingesetzt habe, haben sie sich auch nicht hingesetzt. Obwohl sie in so einer schrecklichen Situation sind, sind sie sehr diszipliniert“, sagt Tschare-Fehr. Zum Abschied haben die Männer sie auch noch gefragt: „Wer schaut denn jetzt auf uns.“

„Mein Herz ist dort“, meint die Ärztin. Deswegen wird sie diese Woche wieder nach Bosnien aufbrechen. Und für September hat sie sie auch einige Zeit freigeschaufelt.