Erwin Kiennast: „Meine Droge ist die Musik“. Stillstand ist für Erwin Kiennast das Schlimmste. Im NÖN-Gespräch erzählt er über seine musikalischen Tätigkeiten.

Von Birgit Kindler. Erstellt am 10. September 2020 (04:26)

 „Tischlereibetrieb“ steht auf einer gelben Tafel, die am Haus in der Brauhausgasse angebracht ist. Doch nach draußen dringen Töne, die mit Tischlerarbeiten wenig zu tun haben. Vielmehr ist imposante Musik zu hören. Zuständig für diese Laute ist Erwin Kiennast. Der Gablitzer, der vergangene Woche seinen 65. Geburtstag feierte, hat gerade die Filmmusik für den Thriller „Cortex“ von und mit Moritz Bleibtreu fertig komponiert.

Nur wenige Wochen waren Zeit dafür. Denn die Filmmusik war bereits fertig, allerdings hat sie den Verantwortlichen nicht gefallen, und so ist man auf Kiennast zugekommen. „Das war schon der vierte Film mit fertiger Musik, den ich dann komplett neu komponiert habe“, so Kiennast. Wichtig sei es, Seele reinzubringen. „Man muss rausfinden, um was es geht. Jeder Film sollte ein eigenes Gefühl haben. In ‚Cortex‘ geht es um den Tod als Neubeginn“, sagt der Gablitzer. Die unzähligen Tonspuren müsse man wie ein Puzzle zusammenfügen, „es muss eins ergeben“.

Für die Kompositionen hat er seinen Arbeitsplatz aufgerüstet. Bildschirme mit verbundenen Keyboards darunter sind an verschiedenen Stationen zu finden. „Was anderes haben sie in Amerika auch nicht“, zeigt er sich stolz. Für insgesamt 54 Filme hat er bereits die Musik komponiert, darunter Serien wie Soko Kitzbühel und zahlreiche Universum-Sendungen. 30 Dokus weltweit hat er mit Musik unterlegt, „Brahmaputra – der große Fluss vom Himalaya“ haben 60 Millionen Leute gesehen. Drei Filme hat er derzeit in der Pipeline. „Darunter „Das Dschungelbuch“, eine Mischung aus Doku und Spielfilm. Um die passende Filmmusik zu finden, will er nach Indien reisen und mit den Leuten vor Ort etwas entwickeln. Nur den eigenen Willen durchbringen würde nichts bringen.

„Der Plattenboss hat damals gesagt, dass er so einen Dreck von mir noch nie gehört hat. Als die Nummer 13 Wochen lang auf Platz eins war, hat derselbe Plattenboss zur Nummer gratuliert.“ Erwin Kiennast über den Birthday Song

„Ich bin froh, dass ich vor 25 Jahren mit der Filmmusik ein weiteres Standbein geschaffen habe. Es gibt auch nicht so viele, die eine Orchesterpartitur zusammenstellen können und etwas auf dem Klavier vorspielen“, meint Kiennast. Die Filmmusik hat der Gablitzer übrigens im Kopf, sobald er den Film gesehen hat.

Vorbestimmt war sein künstlerischer Werdegang nicht. „Nur der Großvater hat ein bisschen im Kirchenchor gesungen. Und es stand ein Klavier im Haus, darauf habe ich ständig gespielt“, erzählt Kiennast. Als Freunde an der Tür klopften und ihn fragten, ob er mit ins Bad möchte, wollte Kiennast lieber Klavier spielen. Die HTL Mödling absolvierte er trotzdem. „Es stellte sich aber bald heraus, dass ich den Tischlereibetrieb nicht übernehmen werde, weil ich zwei ‚Linke‘ habe“, sagt er. Auf seinen beruflichen Werdegang war sein Vater später aber schon stolz. Er hat sogar das von Kiennast erfundene hightech Klavier bei Konzerten auf- und abgebaut. „Beispielsweise im ausverkauften Metropol mit Sandra Pires, mit der ich sieben Jahre zusammengearbeitet habe“, so Kiennast.

Mit 19 Jahren ist er bereits an die Staatsoper gekommen, hat eine Ausbildung am Konservatorium der Stadt Wien erhalten und einige Jazzwettbewerbe gewonnen. Die Staatsoper hat er dann aufgegeben. „Um halb zwölf wurde alles liegen und stehen gelassen, ich habe mir gedacht, das kann keine kreative Sache sein.“

„Für ein Album hat man 1,1 Millionen Schilling bekommen“

In den 70er Jahren ist der Gablitzer ins Popgeschäft gewechselt, produziert hat er Platten für Stefanie Werger, Rainhard Fendrich, Georg Danzer, Wolfgang Ambros aber auch Ludwig Hirsch und Shirley Bassey. „Eigentlich für alle, bis auf Falco“, meint Kiennast. Goldene Zeiten seien das damals gewesen. „Für ein Album hat man 1,1 Millionen Schilling bekommen.“ Sein Credo: Jedem Titel etwas Spezielles mitgeben.

Mit Jose Carreras hat er ein Weihnachtsalbum aufgenommen. „Von ihm bekomme ich heute noch Geld, Weihnachten kommt ja jedes Jahr“, schmunzelt er. Die Künstler, mit denen er zusammenarbeitete, waren durch die Bank begeistert: „Kiennast ist zwar ein totaler Chaot, aber er ist genial, haben sie gesagt.“

Komponiert hat der Gablitzer auch den „Birthday Song“ gemeinsam mit Norman Weichselbaum. „Der Plattenboss hat damals gesagt, dass er so einen Dreck von mir noch nie gehört hat. Als die Nummer 13 Wochen lang auf Platz eins war, hat derselbe Plattenboss zur Nummer gratuliert“, lacht Kiennast. Der Song wurde auch der Geburtstagssong zum 25-jährigen Jubiläum von Ö 3.

Kiddy Contest als Chance für Kinder

Untrennbar mit dem Gablitzer verbunden ist der Kiddy Contest, den er 1995 ins Leben gerufen hat. „Wir haben damals überlegt, dass es eigentlich keine Castingshow für Kinder gibt. Naheliegend war, dass wir jene zehn beliebtesten Hits des Jahres umtexten, die es schon gibt. Manchmal ist auch Schrott dabei, aber die Katy Perry und Justin Timberlake-Songs sind gut gemacht“, erklärt Kiennast. Cirka fünf Prozent der Kinder, die daran teilgenommen haben, wurden bekannt und machen noch heute Musik. Mit den Kiddy-Contest-CDs erreichte Kiennast mehrere Male Tripleplatin und Doppelplatin. Damals sei der Hype auch noch größer gewesen, 14.000 Personen sind damals in die Stadthalle gekommen. „Heute ist es nicht mehr ganz so, es gibt andere Angebote“, weiß der 65-Jährige. Etwas schmerzhaft ist für ihn, dass der Bewerb heuer, im 25. Jubiläumsjahr, aufgrund der Coronakrise nicht stattfinden konnte.

Während des Corona-Lockdowns hat Kiennast übrigens durchgearbeitet. „Ich konnte mir das, was zu tun ist, besser einteilen“, sagt er.

Jeden Tag spielt der Gablitzer eineinhalb Stunden Klavier. Wiederholt werden Stücke, die er bereits spielen kann, und außerdem kommt pro Monat ein neues Stück dazu. „Musik ist mein Elixier. Ich bin dann in meiner Welt“, sagt er. Das Gefühl des Sonntagnachmittags, an dem man sich zurücklehnt und sagt, alles ist schön, ist für ihn das Schlimmste. Wichtig ist für ihn, immer in Bewegung zu sein und etwas zu tun. „Meine Droge ist die Musik, was anderes brauche ich nicht.“