Gastronomie kämpft ums Überleben. Egal ob Kaffeehaus, Bar, Disco oder Heuriger. Die ganze Bewirtungsbranche steckt in Purkersdorf in einer schweren Krise.

Von Ernst Susicky und Burkhard Weigl. Erstellt am 25. März 2014 (17:00)
NOEN, Boltz
Die Stammgäste beim letzten Abendmahl im Stadtheurigen. Die Tageskarte vom Mittwoch war als Partezettel gestaltet. Freundeskreis-Obmann Raimund Boltz (vorne) überreichte Wirtin Karin Gibisch Blumen.
Von Burkhard Weigl und Ernst Susicky

PURKERSDORF | Vier Purkersdorfer Gastronomielokale machten in den letzten Monaten dicht. Das Salettl sperrte zwar nach einer zweimonatigen Wintersperre wieder auf, hat aber nur mehr untertags von 8 bis 15 Uhr geöffnet. „Wir hatten Probleme mit dem Personal“, sagten die Betreiber Alfredo Kasparak und Lucy Lynn in der Vorwoche. Mit einem neuen Konzept, das auch vegetarische und vegane Kost beinhaltet, will man den Turnaround jetzt schaffen.
Seit Ende Februar gingen auch in der Santiago Lounge überraschend die Lichter aus. Private Gründe dürften für die Schließung verantwortlich sein, vermutet Niki Neunteufel vom gegenüberliegenden Nikodemus: „Ich finde das sehr schade, denn wir hatten ein gutes Auskommen. Die abendliche Dunkelheit ist nicht stimmig für das Ambiente am Hauptplatz.“

In den letzten zwei Wochen überschlugen sich dann die Ereignisse. Am vorletzten Wochenende mussten sich die Gäste der Tanzbar „Die Villa“ von ihrem Stammlokal verabschieden. Jahrelang war in dem Souterrainlokal in der Linzer Straße viel gefeiert worden, oft bis in den frühen Morgen. Sogar als Filmlocation wurde die urige Landdisco genützt.
Einen Weiterbetrieb schätzen Brancheninsider skeptisch ein. Ein neuer Pächter müsste zu viel Geld investieren, um die strenger gewordenen behördlichen Auflagen zu erfüllen. „Auch die Anrainersituation verspricht an diesem Standort keine goldene Zukunft“, glaubt Neunteufel.

Freundeskreis trauert um Stadtheurigen

Relativ überraschend sperrte am Mittwoch auch der Stadtheurige am Unteren Hauptplatz zu. Obwohl Christl Ullmann, die das Lokal 40 Jahre erfolgreich geführt hat, gründlich nach einem geeigneten Nachfolger gesucht hatte, schaffte es Karin Gibisch gerade einmal ein Jahr. Teure Investitionen in eine neue Abluftanlage für die Küchengerüche, über die sich Anrainer erfolgreich aufgeregt haben, sind wohl verloren. „Widrige Umstände“ führt Gibisch gegenüber der NÖN als Gründe für das Aus an.

„Für uns Freunde der Partnerstadt Bad Säckingen und als treue Gäste der letzten 40 Jahre ist es natürlich ein trauriger Anlass, unser Stammlokal zu verlieren, aber auch eine Freude, auf viele erlebnisreiche Stunden und zukunftsweisende Sitzungen zurückzublicken“, bedauerte Obmann Raimund Boltz vom Freundeskreis Purkersdorf-Bad Säckingen: „Eine Tradition gibt es nicht mehr, Purkersdorf ist um ein Wahrzeichen ärmer geworden! Vor allem die Treffen am Stammtisch werden uns ewig an unser Lokal am Unteren Hauptplatz erinnern.“

„Das ist der natürliche Lauf der Dinge“

Auch andere Vereine sind nicht glücklich über das Aus des Stadtheurigen. „Es gibt zwar auch andere Lokale in Purkersdorf, keines ist aber so zentral gelegen wie der Stadtheurige“, bedauert beispielsweise Michaela Dabsch.
Bürgermeister Karl Schlögl beunruhigt die Situation „nicht allzu sehr“. „Ich bin überzeugt, dass die Eigentümer geeignete Nachfolger suchen. Von meiner Seite wäre es natürlich wünschenswert, wenn es in den beiden Lokalen (Stadtheuriger und Santiago-Lounge, Anm.) wieder Gastronomiebetriebe gäbe“, so Schlögl, der aber auch darauf hinweist: „Das ist der natürliche Lauf der Dinge, einen Wechsel in der Gastronomie hat es immer gegeben und daher werden sich auch Nachfolger finden.“

Wirtschaftsstadtrat Harald Wolkerstorfer ist nicht erfreut über das Schließen der Gastronomiebetriebe.
Gründe scheinen vielfältig: „Einerseits sind die behördlichen Auflagen eine große Hürde für die Betreiber, andererseits versuchen sich immer häufiger nicht gelernte Gastronomen darin, ein Handwerk zu erfüllen, das, wie man sieht, doch nicht so einfach auf die Reihe zu bekommen ist. Ich werde mich in den nächsten Wochen intensiv mit diesem Thema beschäftigen und hier auch mit dem Obmann der Aktiven Wirtschaft, Robert Strobl, zielführende Gespräche führen.“

OFFENER BRIEF
Danken den Gästen für ihre Treue

Ein offener Brief von „Stadtheurigen“-Betreiberin Karin Gibisch an ihre treuen Stammkunden. Das Lokal hat am Mittwoch der Vorwoche geschlossen.

Das eingesessene Lokal „Stadtheuriger“ am unteren Hauptplatz in Purkersdorf hat am Mittwoch, 19. März, für immer geschlossen. Die Stammgäste und viele Vereine haben eine Institution verloren.
Die letzten Betreiber, Karin Gibisch und Harry Bauer, konnten auf Grund widriger Umstände trotz intensiver Bemühungen den Betrieb nicht mehr aufrechterhalten. Wir danken den Gästen für die Treue in der letzten Zeit und verabschieden uns mit den besten Wünschen und werden die schönen Stunden in bester Erinnerung halten.

Karin Gibisch, ehemalige Betreiberin des Stadtheurigen