Pressbaumer Psychotherapeutin: „Dieser Lockdown ist anders“

Psychotherapeutin Petra Heidler erläutert im Interview mit uns besondere Belastungen des 4. Lockdowns.

Erstellt am 05. Dezember 2021 | 05:36
Lesezeit: 3 Min
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Petra Heidler rät für die Weihnachtszeit: „Eine Extraportion an Liebenswürdigkeit für sich selbst und seine engen Bezugspersonen einplanen.“
Foto: privat

In ihren beiden psychotherapeutischen Praxen ist die Pressbaumerin Petra Heidler mit unterschiedlichen Auswirkungen, Belastungen und Begleiterscheinungen der Pandemie konfrontiert. Sie gibt in der NÖN einen Einblick, wie sich Angst, Orientierungslosigkeit, Spaltung, Fehler- und Falschmeldungen sowie die zunehmenden Verschärfungen und eine generelle Erschöpfung quer durch alle Bevölkerungsschichten ziehen. Und wie wichtig Selbstfürsorge und liebevoller Umgang mit dem eigenen Umfeld ist, um auf die Veränderungen konstruktiv und positiv reagieren zu können.

NÖN: Therapiestunden sind derzeit selbst bei Privatzahlung kaum mehr zu bekommen. Wie spüren Sie die Auswirkungen des vierten Lockdowns in Ihren Praxen?

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Petra Heidler: Angst wird zunehmend politisch transportiert. Menschen brauchen Sicherheit, die von politischen Organen durch einheitliche Kommunikation vermittelt werden sollte. Erst dann ist es möglich, dass die Bevölkerung optimistisch bleibt. Derzeit geht innere Stärke und Resilienz einerseits durch die Dauer der Pandemie verloren, andererseits weil durch Nicht-Einhaltung politischer Versprechen ein Vakuum entsteht.

„Gesundheit und Bildung waren schon vor Corona sehr fragile Bereiche.“ Petra Heidler Psychotherapeutin

Mit welchen Beispielen können Sie das untermauern?

Das bezieht sich etwa auf die immer noch nicht erfolgte Auszahlung der Boni für stark überlastete Pflegekräfte. Oder auf Lehrer, Eltern und Schüler, denen ständige Flexibilität abverlangt wird. Lehrer erfahren aus den Medien, welche Schritte der Bildungsminister setzt, ob gerade Quarantäne, geteilte Klassen, digitales oder hybrides Lernen gefragt sind. Sie sind permanent auf’s Neue gefordert und müssen häufig privat in digitales Equipment investieren, wenn sie Schüler in unterschiedlichen Situationen unterstützen wollen.

Sie haben jetzt den Pflege- und Bildungsbereich prioritär erwähnt.

Genau. Gesundheit und Bildung waren schon vor Corona sehr fragile und reformbedürftige Bereiche, die wenig Wertschätzung und Aufmerksamkeit bekommen haben. Durch Planlosigkeit und Fehlinformationen sowie physische und psychische Überlastung kommt es hier zu massiven personellen Engpässen, Überforderung und Kündigungen.

Was berichten Pflegekräfte, wenn Sie Ihre Praxis aufsuchen?

Etwa, dass es bis zu dreimal täglich zu neuen Diensteinteilungen kommt. Und daher nichts mehr planbar ist, nicht einmal, wer wann Kinder von der Schule abholt oder betreut. Und dass sie in vielen Bereichen weit über das gesetzliche Maß hinaus eingesetzt werden.

Und mit welchen Sorgen wenden sich Schüler und deren Eltern an Sie?

Das ist sehr vielschichtig. Von Magenschmerzen und Schlafstörungen über Angst, Panik und Suizidgedanken kommt alles vor. Kinder fragen sich häufig: ,Wird die Welt wieder gut?‘ Jetzt, im vierten Lockdown, ist das Durchhaltevermögen einfach nicht mehr gegeben. Oft haben Kinder und Jugendliche auch diffuse Ängste. Etwa, dass Personen aus ihrem Umfeld sterben oder sie andere anstecken könnten. Sie haben Angst vor dem alleine sein oder ausgeschlossen zu werden.

Sie meinten auch, wir können nicht mit der Spaltung umgehen, die stattfindet und durch fehlende Kommunikation der Politik zusätzlich forciert wird.

Wir haben durch den ersten Lockdown viel gelernt, uns aber noch nicht davon erholt. Der Druck auf alle Systeme wurde und wird permanent erhöht. Wenn wir uns einigen würden, dass und wo wir uns uneinig sind, hätten wir einen einenden Punkt und wechselseitige Akzeptanz erreicht für unterschiedliche Standpunkte. So sind wir aber in der ständigen Zwickmühle, uns positionieren zu müssen. Das zermürbt und treibt die Spaltung weiter voran. In diesem Lockdown ist ein Gefühl der Erdrückung entstanden. Viele fragen sich: Zu wem halte ich? An wen wende ich mich? Und sie haben Angst, bei Positionierung ausgegrenzt zu werden.

Was ist ihr Credo für den Advent und die Weihnachtszeit für Ihre Klienten und Ihre Studenten an Universitäten und Fachhochschulen im Gesundheitsbereich, an denen sie unterrichten und forschen?

Das Um und Auf ist Selbstfürsorge. Sich jeden Tag etwas Gutes tun, sich selbst eine Extraportion Liebenswürdigkeit geben. Und dasselbe für eine Person im Umfeld, einen Lehrer, Kollegen oder ein Familienmitglied, tun. Sei es eine kleine Aufmerksamkeit, eine Überraschung oder einfach eine wohlwollende Zuwendung.