Otmar Lahodynsky interviewte Größen der Weltpolitik. Man würde ein Buch für die Erzählungen von Otmar Lahodynsky brauchen. Der Journalist hat viel erlebt, in Purkersdorf genießt er jetzt seine Pension.

Von Birgit Kindler. Erstellt am 15. Februar 2020 (03:41)
Interessiert zeigte sich auch der ehemalige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso vom Buch „EU for you“ von Otmar Lahodynsky. Am 25. Februar referiert Lahodynsky übrigens um 18 Uhr im Haus für Europa in Wien/Wipplingerstraße über die EU. Eintritt ist frei, Anmeldung unter https://www.europadialog.eu/termine/
Thomas Böhm für Profil

Das Schreiben kann der Renner-Preisträger allerdings nicht lassen. „Meine Frau fragt oft, was ich schon wieder vor dem Computer mache“, schmunzelt Lahodynsdy. Derzeit schreibt er etwa Gastbeiträge für das Magazin Cercle Diplomatique, die „Europäische Rundschau“ oder englische Texte über die Causa Ibiza für das Wochenmagazin New Europe in Brüssel.

Lahodynsky hat eine klassische „Journalistenkarriere“ hingelegt. Zum Studieren ist er von Linz nach Wien gekommen. „Das war auf einmal eine ganz neue Welt, mit Jazz-Lokalen und ersten Popkonzerten. Obwohl mir die Stadt schon damals Grau in Grau vorkam und die Leute grantig waren“, erzählt Lahodynsky, der Anglistik und Germanistik inskribierte.

Dann ist ihm ein „Profil“ in die Hände gefallen. Dort sah er ein ganzseitiges Inserat – man suchte Journalisten. „Ich schickte Textproben und wurde ausgewählt, am ersten Redaktionslehrgang teilzunehmen.“ Im Sommer 1976 wurden aus dem Lehrgang drei Leute angestellt. Darunter Lahodynsky. „Damals habe ich mir noch gedacht, ich mache das Studium nebenher fertig.“ Allerdings hat dann ein Professor von ihm verlangt, eine Seminararbeit über die Gesamtausgabe der Fackel von Karl Kraus zu schreiben. Das sei dann ein Grund gewesen, warum er sein Studium abbrach. „Irgendwann muss man sich entscheiden“, meint Lahodynsky.

Sekt für den ersten Artikel

An seinen ersten Artikel über Sekt und Champagner in Österreich kann er sich noch gut erinnern. „Ich bin alle Sektkellereien von Schlumberger bis zu Kattus abgeklappert und habe mir erklären lassen, wie Sekt produziert wird“, erzählt Lahodynsky. Der damalige Chefredakteur hat den Text auch gelobt – allerdings fand er den Artikel etwas trocken. „Er hat mir geraten, ein Gläschen Sekt zu nehmen und den Text zu überarbeiten“, lacht Lahodynsky. Diesen Tipp hat er damals auch befolgt und der Artikel gefiel dem Chef tatsächlich besser. „Den Rat habe ich später aber nicht mehr beherzigt“, schmunzelt Lahodynsky.

Nach Tätigkeiten in diversen Ressorts wechselte er schließlich in sein Wunsch-Ressort, die Außenpolitik. „Die große Welt hat mich schon immer interessiert“, so Lahodynsky. Seine Stunde war 1980 gekommen. Weil niemand seiner Kollegen Weihnachten in Polen verbringen wollte, hat er sich gemeldet und den Kollegen vor Ort abgelöst. 1981 war er fast ständig dort, als es im Land brodelte und die Solidarnosc den Aufstand probte.

„Die große Welt hat mich schon immer interessiert“

Gerade als Lahodynsky an einer Reportage über die Kohlengruben arbeitete, überschlugen sich Ende des Jahres die Ereignisse. Das Kriegsrecht wurde verhängt. „Ich habe vom Balkon einer mir fremden Wohnung ein Foto gemacht. Darauf zu sehen war die Sonderpolizei mit Demonstranten“, so Lahodynsky. Von Bekannten wurde das Dia gerade noch rechtzeitig rausgeschmuggelt und über Paris mit der Concorde nach New York geflogen. „In Amerika war das Foto am Cover des Time Magazine, auch Paris Match hat es gedruckt“, ist der Journalist stolz. 60.000 Schilling hat er für das Bild bekommen.

Nach seinem Aufenthalt in Polen wurde er immer dorthin geschickt, wo gerade eine Krise war. Zum Beispiel in den Libanon, Syrien oder Nicaragua. Brenzlige Situationen gab es einige, richtig Angst hatte der Journalist aber nur einmal im Libanon. „Während einer Pressekonferenz in einem Hotel gab es ganz in der Nähe eine Detonation. Splitter sind auf meinem Bett gelegen. Ich habe einen als Souvenir mitgenommen.“ Dieses Ereignis war dann mit ein Grund, dass sich Lahodynsky entschieden hat, für längere Zeit an einem Ort zu bleiben.

„Es war immer mein Wunsch, ständig länger im Ausland zu leben. Vor Ort ist man einfach näher dran“, meint der 65-Jährige. Also ging er gemeinsam mit seiner Familie für „Die Presse“ nach Brüssel. Sieben Jahre war er dort. „Das war journalistisch eine meiner tollsten Zeiten“, ist er überzeugt. Mit seinen Berichten hat er den Österreichern versucht zu erklären, was die Europäische Gemeinschaft ist und warum Brüssel für Österreich extrem wichtig ist. Seit dieser Zeit hat er Interviews mit allen Präsidenten der EU-Kommission seit Jacques Delors geführt.

Erinnerte sich sogar an einen gemeinsamen Ausflug mit der Mariazellerbahn: Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-Moon.
Walter Wobrazek/Profil

Gut in Erinnerung ist ihm auch das Gespräch mit Ban Ki-Moon. „Im Vorfeld haben die PR-Leute vorgegeben, dass wir nur bestimmte Fragen stellen dürfen und eine Viertelstunde Zeit haben. Schlussendlich ging sich dann eine Dreiviertelstunde aus und der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen konnte sich sogar noch daran erinnern, dass wir bei einem gemeinsamen Skiausflug der Diplomaten mit der Mariazellerbahn im selben Abteil saßen“, schmunzelt Lahodynsky. Ein spannendes Interview führte er auch mit der damaligen CDU-Chefin Angela Merkel, an eine frühere Begegnung mit ihm noch zu DDR-Zeiten wollte sie sich aber nicht mehr erinnern.

„Es war immer mein Wunsch, ständig länger im Ausland zu leben. Vor Ort ist man einfach näher dran“

Vaclav Havel oder Lech Walesa haben ihn ebenfalls sehr beeindruckt. Auch die einstige pakistanische Premierministerin Benazir Bhutto durfte Lahodynsky interviewen. Die Möglichkeit ergab sich bei einer Pressereise mit Kurt Waldheim nach Jordanien und Pakistan. „Sie hat im besten Oxford-Englisch über ihr Land berichtet. ‚Nur die Armen werden ausgepeitscht‘ war damals der Titel“, berichtet Lahodynsky. Sein Interview mit dem tschechischen Premierminister Milos Zeman war 2003 sogar Thema in der Aktuellen Stunde im Bundestag. Grund dafür war dessen Aussage, dass die Sudetendeutschen froh sein können, nur vertrieben worden zu sein. Eigentlich hätte ihnen die Todesstrafe gedroht.

Kennengelernt hat er auch Boris Johnson, der damals ein Kollege war und für den Daily Telegraph schrieb. „Allerdings hat er oft Fake News verbreitet“, erinnert sich Lahodynsky.

Interessante Gesprächspartner hatte der Purkersdorfer auch in Österreich. Veit Schalle, der ehemalige Billa-Österreich-Chef, der für Jörg Haiders BZÖ kandidierte, sagte aufs Tonbad, dass nicht alles schlecht gewesen sei, was Hitler gemacht habe. „Wir haben das Interview autorisieren lassen und plötzlich war diese Passage gestrichen. Schlussendlich wurde die Autorisierung zurückgezogen. Also haben wir das Interview wörtlich gedruckt und die Tonband-Aufnahme online gestellt“, schildert er.

„Wir wurden eher gemieden“

Otmar Lahodynsky bei einem Spaziergang in Brüssel 1991 mit seinen Söhnen Stephan und Christian.
Ulli Lahodynsky-Sommer

Nach seiner Zeit in Brüssel ist er 1995 mit seiner Familie nach Purkersdorf gezogen. „Ich habe die Region schon gekannt, da ich in Kaltenleutgeben in die Schule ging und mir die Gegend gefiel.“ Leicht war es aber nicht, Anschluss zu finden. „Wir wurden eher gemieden und haben uns mit einer kroatischen Familie angefreundet, die ebenfalls neu zugezogen war. Mit ihr sind wir heute noch in Kontakt.“

Was ihn an der Wienerwald-Stadt stört, ist die Bauwut in den vergangenen Jahren. Für die Regierung würde sich Lahodynsky wünschen, dass die Grünen etwas mitzureden haben. „Obwohl mich die Flügelkämpfe ein bisschen stören“, ergänzt er. Er sei aber immer Wechselwähler gewesen. „Ich habe auch schon den Schlögl gewählt. Er hat viel für die Stadt getan.“