„Kulturell tiefer gehen“. Interview / Theater-Purkersdorf-Obmann Michael Köck und Regisseur Manfred Cambruzzi im Gespräch über „Die letzten Tage der Menschheit“, das derzeit im Steinbruch aufgeführt wird.

Von Ernst Susicky. Erstellt am 25. Juni 2014 (08:39)
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Michael Köck spielt selbst in der Aufführung mit.
NÖN: „Die letzten Tage der Menschheit“ gelten als schwieriges Stück, warum haben Sie sich trotzdem dazu entschieden es heuer im Steinbruch Dambach aufzuführen?

Michael Köck: Wann soll man das Stück spielen, wenn nicht 2014. Die komplette Presse hat uns Recht gegeben, denn in allem Medien ist das Jahr 1914 prominent vertreten. Das Stück ist eine Geschichtsstunde. Uns war klar, wir werden mit dem Stück möglicherweise unsere Probleme haben, aber wir haben es auch unter dem Gesichtspunkt ausgewählt, dass wir sagten: Theater soll nicht nur unterhalten, sondern auch kritisch in die Gesellschaft hineinsehen. Und wir haben uns der Herausforderung gestellt, ein Stück Zeitgeschichte darzustellen. Wir stellen uns somit bewusst der Aufregung um das Stück, denn es gibt immer noch ein riesiges Loch in der Geschichte. Die Jahre 1914 bis 1918 werden auch heute noch nicht rasend intensiv behandelt, obwohl sie der Wegbereiter für den Zweiten Weltkrieg waren. Daher stellen wir in unserer Version des Stückes auch die Uniformen so dar und weisen, wie Karl Kraus, auch schon auf den Nationalsozialismus hin.

Manfred Cambruzzi: Wir haben außerdem nicht zum ersten Mal schwierigen Stoff auf die Bühne gedacht, man denke nur an den Bockerer oder den Besuch der alten Dame.

Das Stück polarisiert, welche Reaktion wollen Sie beim Publikum erreichen?

Köck: Das Stück ist für ein an Zeitgeschichte interessiertes Publikum gedacht. Dass da manche sagen, das ist mir zu viel, soll auch so sein.

Cambruzzi: Der Text war von Karl Kraus nie dazu gedacht, auf einer Bühne gespielt zu werden. Es handelt sich ja nur um eine Aneinanderreihung von einzelnen Szenen, das war für uns auch die große Herausforderung.

Köck: Aber gute Dinge polarisieren und wir haben uns hier an ein Stück getraut, an das sich selbst Profibühnen nicht rantrauen.

Cambruzzi: Denn wir haben die Szenen nicht in eine andere Umgebung transferiert, wie das beispielsweise das Volkstheater gerade macht, da spielen die Szenen in einem Narrenhaus. Das entschärft und entschuldigt die ganze Geschichte natürlich. Das wollten wir bewusst nicht. Aber auch wir haben, vor allem in der ersten Hälfte, sarkastisch, humoristische Szenen drinnen.

Das irritiert möglicherweise manche Zuschauer. Bei der Premiere war das auch am Applaus zu merken.

Cambruzzi: Wir hätten auch nie gedacht, dass es überhaupt Applaus gibt, das ist auch überhaupt nicht so gedacht. Bei der zweiten Vorstellung beispielsweise, hat niemand applaudiert. Nur dann am Schluss.

Wie aktuell sind die Texte von Karl Kraus heute noch?

Köck: Es gibt auch nach 100 Jahren immer noch Paralellen zu heute.

Cambruzzi: Man braucht nur in die Tageszeitungen zu schauen.

Schon im Vorfeld gab es einige Kritik, dass das Stück zu schwierig sei und warum das Theater Purkersdorf kein lustiges Stück als Sommertheater spielt.

Cambruzzi: Wir wollen nicht schon wieder die Pension Schöller spielen das haben wir bereits im Stadtsaal gemacht. Nestroy ist auch nur vordergründig lustig, er wird halt in die lustige Ecke geschoben, aber da steckt auch viel Sozialkritik drinnen.

Köck: Wir wollen bewegen. Wenn jemand das Stück sieht, egal wie er es auffasst, und dann nach Hause geht und darüber nachdenkt, dann ist uns schon das gelungen, was wir erreichen wollten. Wenn darüber nachgedacht wird, wie es damals war, und was sich dazu im Vergleich zu heute geändert hat, dann haben wir unser Ziel erreicht. Wir haben auch Zuschriften erhalten, die uns zu unserem Mut und der Aufführung gratuliert haben.

Sie sehen Ihre Aufgabe also nicht nur darin, zu unterhalten?

Köck: Theater soll auch aufregen und bewegen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, kontroverse Themen aufzugreifen und dabei zu helfen, dass sich jeder seine eigene Meinung bilden kann. Denn die Geschichte wird nicht ungeschehen, wenn man sie nicht anschaut. Sie gehört zu unserem Leben. Es ist die Pflicht eines Theaters, derartige Stücke zu spielen. Man kann nicht immer lustig sein, man muss auch zum Nachdenken anregen. Wir wollen die Menschen bewegen und polarisieren, alles andere wäre Mittelmäßigkeit. Denn schon in unseren Statuten steht die Förderung der Kunst und Kultur, das sehen wir nicht als leere Floskel. Wir überlegen uns, wie können wir kulturell tiefer gehen und nicht nur an der Oberfläche schwimmen. Das ist nicht allein den Profibühnen vorbehalten, das ist auch die Aufgabe ambitionierter Laienbühnen, wie wir eine sind. Außerdem sind wir das einzige Theater, dass dieses Stück in einer Open-Air-Kulisse bietet.

Termine/Karten

Spieltermine sind noch am: 26., 27. und 28. Juni sowie am 3., 4. und 5. Juli jeweils um 20:30 Uhr auf der Waldbühne Steinbruch Dambach Purkersdorf. Karten können österreichweit via Ö-Ticket bezogen werden.

Nähere Infos unter www.theater-purkersdor.at
facebook.theater-purkersdorf.at
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