Tulbingerkogel: Vier Generationen – ein Hotel. Juniorchefin Linda und Seniorchef Frank Bläuel erzählten der NÖN von 70 Familienjahren am Tulbingerkogel.

Von Monika Närr. Update am 21. Juni 2021 (03:09)
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Vier Generationen Bläuel am Tulbingerkogel: Elisabeth und Friedrich (vorne sitzend), Linda mit Tochter Corina, Ingrid und Frank sowie Maria und Georg mit ihrem älteren Sohn Markus (stehend v. l.).
privat, privat

Im Juni feiern die Bläuels 70 Jahre Familienbetrieb und 90 Jahre Berghotel. Juniorchefin Lindas Urgroßvater Friedrich Bläuel arbeitete als Forstverwalter für Baronin Maria Bach, der Erbin der Ländereien am Tulbingerkogel. Bei der Eröffnung ihres Berghotels 1932 waren schon zwei Jahre vor dem Hotel Sacher alle Zimmer mit Fließwasser ausgestattet, manche mit Privatduschen. Die Zimmer waren einzeln vom Gang aus beheizbar, wovon heute noch die vielen Schornsteine zeugen. „Viele noble Leut‘ pilgerten damals über Hütteldorf und Mauerbach ins schönste Hotel im Wienerwald“, zitiert Seniorchef Frank Bläuel den ersten Hotelprospekt. Sein Großvater half der Baronin, sich nach den Kriegswirren zu entschulden. Im Gegenzug konnte er 1951 das Hotel auf Leibrente erwerben. Der Vertrag wurde am 21. Juni 1951 unterschrieben.

Familienbetriebin vierter Generation

Dessen Sohn, ebenfalls Friedrich genannt und Architekturstudent sowie seine Frau Elisabeth, eine Volksschullehrerin, bildeten sich zu Gastronomen und Hoteliers fort. Wie später sein Sohn Frank agierte er als begnadeter Netzwerker, war Vizepräsident der Handelskammer und Mitbegründer des Bundes österreichischer Gastlichkeit. 1988 betraute er seinen Sohn mit der Geschäftsführung. Friedrich Bläuel lebt bis heute mit Gattin und Bruder Gerold im Hotel. „Wir verbrachten den Lockdown hier als 13-köpfige Großfamilie im Alter von zwei bis 95“, fügt Linda Bläuel hinzu.

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So sah die alte Gastwirtschaft der Meierei am Tulbingerkogel vor 101 Jahren aus.
NOEN

Eine Prominenten-Wand mit Schauspielern und Politikern zeugt von vielen Erlebnissen, inklusive Filmdrehs oder Regierungsklausuren. 1840 beschrieb Adalbert Stifter jene Aussichtsplattform, von der man das Stift Göttweig, den halben Wienerwald, das Tullnerfeld und mehr als 230 Alpengipfel bis zum Dachstein sehen kann. 1966 entwarf Clemens Holzmeister gemeinsam mit Friedrich Bläuel auf einer Zigarrenschachtel dann die neue Leopold Figl-Warte.

Zwei Hauben undDiner Historique

Auch die zwei Hauben und drei Gabeln von Küchenchef Georg Bläuel haben eine Vorgeschichte: Frank Bläuel hielt die Küchenkultur seit 1982 auf Hauben-Niveau und etablierte nicht nur das „Diner Historique“ mit Speisen nach historischen Rezepten um 1790 und den zugehörigen Serviermethoden. Er pflegt auch weiterhin die wertvolle Kochbuchsammlung seines Vaters. Zu dieser zählt ein Exemplar aus 1560, welches das älteste Kochbuch Österreichs sein könnte.

„Für mich war es von klein weg klar, dass ich in den Betrieb einsteige.“ Linda Bläuel

1998 organisierte Frank Bläuel als Technischer Direktor der internationalen Sommelier-Vereinigung die Sommelier-Weltmeisterschaft in Wien. Als Gastgeber hatte er jedes der 30 Teilnehmerländer gebeten, Rebstöcke landestypischer Sorten mitzubringen. Daraus entstand der internationale Sommelier-Weingarten. „Willi Bründlmayer keltert mir den Wein, im Keller lagern zwölf Jahrgänge davon. Es ist ein eigenständiger, frischer, leichter, aber facettenreicher gemischter Satz“, so der Seniorchef, der auch Präsident des österreichischen Sommelier-Clubs war. Im Weinkeller liegen heute 1.600 verschiedene Weine und mehr als 20.000 Weinflaschen,

Ingrid Bläuel
Seniorchefin Ingrid Bläuel ist die gute Fee des Hauses, Seniorchef Frank Bläuel ein wandelndes Lexikon und begnadeter Anekdotenerzähler.
Privat

Tochter Linda ist 2009, Sohn Georg 2014 in den Betrieb eingetreten. „Für mich war es von klein weg klar, dass ich hier einsteige“ betont Linda Bläuel, die die Hotelfachschule Modul absolvierte und danach Erfahrungen im In- und Ausland sowie auf Kreuzfahrtschiffen sammelte. Sohn Georg besuchte die Gastgewerbeschule am Wiener Judenplatz, lernte bei den namhaftesten Köchen des Landes und im Münchner Tantris, dann war er sieben Saisonen lang Küchenchef auf der Streifalm in Kitzbühel. Er und Ehefrau Maria führen den Restaurantbetrieb, Schwester Linda ist mit Seniorchefin Ingrid für das Hotel verantwortlich sowie für Marketing, Hochzeiten und Veranstaltungen.

Frank Bläuel
Leidenschaft des Seniorchefs: die Sammlung der Citroen Traction Avant von Frank Bläuel. Oftmals chauffiert er auch Bräute in seinen Oldtimern.
Privat

33 Mitarbeiter sind zwischen fünf und 50 Jahren im Team, für Frank Bläuel war es „sofort klar, niemanden abzumelden, obwohl die Kurzarbeit anfangs sehr holprig und schwierig anlief.“ Der Großteil der Mitarbeiter kam zu den wöchentlichen Corona-Tests, der Teamgeist blieb erhalten und Kommerzialrat Bläuel ist froh, „dass wieder alle da und um uns sind.“

60 Hochzeitenpro Jahr

Das Vier-Sterne-Haus mit 41 Zimmern und Suiten ist Partnerbetrieb des Biosphärenparks und verfügt über ein eigenes Umweltkonzept. Als ökologische Modernisierung wurde in den letzten Jahren die Heizung von Öl auf Hackgut umgestellt und die Fassade hat man thermisch saniert. Gefahren wird seit 2009 elektrisch. „Unser Leitspruch lautet: Wir leben in, von und mit der Natur“, betont Frank Bläuel, der aufgrund seines Engagements auch selbst Biosphärenbotschafter von Tulbing ist.

Hotelareal Tulbingerkogel
Das Hotelareal Tulbingerkogel auf 465 Metern Seehöhe vom Ballon aus aufgenommen mit Blick ins Tullnerfeld. Links neben den Gebäuden ist der internationale Weingarten zu sehen.
Privat

Seminare, kulinarische und kulturelle Veranstaltungen und etwa 60 Hochzeiten jährlich werden mit bis zu 300 Personen ausgerichtet. Dazu kommt noch das liebevoll renovierte Bauernhaus mit Tanzboden und Zeremonienwiese in Geh-Nähe, das 80 Personen Platz bietet. Für Dekorationen und Blumenarrangements zeichnet gerne Seniorchefin Ingrid selbst als gute Fee des Hauses verantwortlich. Und die Oldtimer-Sammlung der Citroen Traction Avant des Hausherrn aus den 50er-Jahren kommt auch bei Hochzeiten zum Einsatz - mit ihm selbst als Chauffeur.