Von Löwen und Meerkatzen in Pressbaum. Der Bankier und Naturforscher Alfred Weidholz holte Afrika nach Niederösterreich und engagierte sich für den Schönbrunner Zoo.

Von Gerhard Heindl. Erstellt am 16. Juli 2021 (13:14)

Alfred Weidholz wurde am 28. April 1880 geboren. Er entstammte einer in Wien ansässigen Kaufmannsfamilie, die Ende des 19. Jahrhunderts Teilhaber des späteren Bankhauses Teltscher & Weidholz wurde. Hier verbrachte Weidholz nach Schule und Handelsstudium auch seine beruflichen Lehrjahre. 1922 übernahm er das Bankhaus selbst. Schon in seiner Jugend hielt und züchtete Weidholz im elterlichen Haus in der Schindlergasse in Wien Währing einheimische und exotische Tiere.

Mit Mitte zwanzig spendete er erstmals Vögel, die wohl aus seiner Zucht stammten, für die damalige kaiserliche Menagerie Schönbrunn. Im Jänner 1910 heiratete Weidholz die ebenfalls aus Wien stammende Paula Berger, mit der er im selben Jahr seine erste große Reise nach Nordafrika unternahm. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs folgte jährlich eine weitere. Die zahlreichen aus Nordafrika mitgebrachten Tiere und Ethnographica spendete Weidholz dem Tiergarten Schönbrunn und dem Wiener Naturhistorischen Museum. 1915 wurden Weidholz und seine Frau sogar ordentliche Mitglieder der Österreichischen Geographischen Gesellschaft.

Neue Zeit und neue Liebe

Der Krieg und die nachfolgenden Wirren brachten für Weidholz eine Unterbrechung seiner Reisetätigkeit für mehr als ein Jahrzehnt. Über einen gleichzeitigen Umbruch in seinem Privatleben wissen wir nur ungenügend Bescheid. Kurz vor Kriegsende, im Herbst 1918, besuchte Weidholz noch einige große Zoos in Deutschland, über die er Berichte nach Wien schickte. Im Vorfeld dieser Reise war von der Mitnahme einer Pflegerin für seine Frau die Rede. 1919 erwarb Weidholz ein großzügiges Anwesen in Pressbaum, auf dem er sich eine private Menagerie einrichtete. Weidholz beschäftigte sich dort vor allem mit Affen, Antilopen und Alpensteinböcken. 1924 ließ er sich von Paula scheiden. Nach dem Wechsel seiner Religionszugehörigkeit von römisch-katholisch auf altkatholisch heiratete er Ende Dezember 1925 in zweiter Ehe die in Pressbaum geborene, deutlich jüngere Marianne Leimberger. Sie begleitete ihn auf seinen schon bald folgenden weiteren Afrika-Reisen und bewies besonderes Geschick bei der Aufzucht und Betreuung junger Wildtiere.

Weidholz machte sich auch weiter um den Tiergarten Schönbrunn verdient, der stark unter den Kriegsfolgen gelitten hatte. Er spendete Tiere aus seiner privaten Haltung oder tauschte sie gegen überzählige aus dem Tiergarten ein und gehörte zu den Initiatoren des privaten „Hilfswerks für den Wiederaufbau der Menagerie Schönbrunn“. Als Anfang der 1920er-Jahre die Leitung des Tiergartens neu vergeben wurde, setzte sich Weidholz für Otto Antonius ein. Die beiden dürften sich von den „Schönbrunner Jausen“ gekannt haben, die Überlieferungen zufolge in der Spätzeit der österreichisch-ungarischen Monarchie regelmäßig vom Menagerie-Inspektor – damals der Titel des Direktors – Alois Kraus abgehalten wurden. Antonius, fünf Jahre jünger als Weidholz und Biologe, bekam den Posten auch.

Immer wieder Afrika

Nach ihrer Eheschließung hielten sich Alfred und Marianne Weidholz zunächst mehrere Monate in Marseille auf, Hauptumschlagshafen für Waren, aber auch für Tiere aus den französischen Kolonien. Von Dezember 1926 bis Juli 1930 unternahmen sie drei große Reisen nach West- und Zentralafrika. Auch diese Reisen oder besser Expeditionen finanzierte Weidholz, wie schon jene vor dem Ersten Weltkrieg, selbst. Vor allem Transport, Verpflegung und Betreuung der Großtiere über viele Wochen hinweg waren allerdings so kostspielig, dass Weidholz sie dem Tiergarten nicht mehr spenden konnte. Nachdem auch die junge Republik Österreich für die Beschaffung wertvoller und teurer Tiere nicht genug Geld hatte, wurden sie aus den Mitteln der „Hilfsaktion“ angekauft.

Auf diese Weise gelangten 1926 die ersten Schimpansen in den Tiergarten Schönbrunn, 1928 die erste Giraffe nach Kriegsende, ein Erdferkel, seltene Antilopenarten oder Greifvögel. Auch die Löwin „Mautzi“ brachte Weidholz 1928 mit nach Österreich. Sie war ihm als sechs Wochen altes Jungtier von Einheimischen gebracht und von seiner Frau Marianne aufgezogen worden. In Pressbaum lebte die junge Löwin wie ein Heimtier. Erst als sie zu groß und kräftig geworden war, gaben Weidholz und seine Frau sie an den Tiergarten Schönbrunn ab, wo sie im April 1944 an Altersschwäche starb. Ohne die von Weidholz gespendeten oder angekauften Tiere hätte der Tiergarten Schönbrunn wohl kaum wieder an seine Blütezeit vor dem Ende der Monarchie anschließen können.

Afrika als neue Heimat

Als sich der New Yorker Börsenkrach des Jahres 1929 auch auf Europa auswirkte, war es für Weidholz ein weiteres Mal mit Expeditionen in ferne Länder vorbei. Ursprünglich hatte er sogar vorgehabt, seine Reisetätigkeit auf Asien, Amerika und Australien auszuweiten, um auch die dortige Tierwelt zu erkunden. Nun realisierte Weidholz aber, wie er selbst schrieb, dass er nicht einmal mehr regelmäßig nach Afrika kommen würde. Um sich trotzdem weiterhin mit seinen geliebten Exoten beschäftigen zu können, wanderte er schließlich 1935 mit seiner Frau nach Kamerun aus, eine ehemalige deutsche Kolonie, die inzwischen von Frankreich verwaltet wurde. In der Nähe von Poli, im bergigen Norden des Landes, richteten sie eine kleine Faktorei ein. Sie behielten das Haus in Pressbaum und kehrten immer wieder für einige Wochen nach Österreich zurück.

Hier hielt Weidholz zahlreiche Vorträge über seine Erlebnisse in Afrika. Bei seinem letzten Aufenthalt in der alten Heimat – inzwischen Teil des Deutschen Reichs – im Spätsommer 1939 wurden Weidholz und seine Frau vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht. Afrika war neuerlich unerreichbar geworden. Die jahrzehntelange gute Verbindung mit dem Tiergarten Schönbrunn machte sich nun bezahlt. Weidholz wurde Assistent von Otto Antonius und verbrachte die Jahre bis Kriegsende als Mitarbeiter des Tiergartens. Etwa zur selben Zeit beantragten sowohl Weidholz als auch seine Frau die Aufnahme in die NSDAP, die auch mit 1. Dezember erfolgte. Anfang April 1945 starb Alfred Weidholz im Zuge des Vormarsches der Roten Armee Richtung Pressbaum. Seine Frau Marianne nahm sich am Tag darauf selbst das Leben.

Verdienste und Spuren

Die langjährige Beschäftigung von Weidholz mit der afrikanischen Tierwelt führte um das Jahr 1930 zu einigen wissenschaftlichen Publikationen. Sie wurden durch einen Expeditionsfilm sowie zwei Bücher über seine Aufenthalte in Afrika ergänzt. 1923 gehörte Weidholz zu den Gründungsmitgliedern der „Internationalen Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents“ und 1926 zu jenen der heute noch bestehenden „Deutschen Gesellschaft für Säugetierkunde“. 1916 wurde er vom König von Bulgarien mit dem Offizierskreuz des Volksordens „Für Zivilverdienst“ ausgezeichnet, 1927 erhielt er das Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. 1932 wurde die in Westafrika vorkommende Agama Weidholzi nach ihm benannt. In Pressbaum, wo Alfred und Marianne Weidholz ihre letzte Ruhestätte haben, trägt heute noch die Weidholzstraße ihren Namen.