Leben im Einklang mit der Natur. Mit der Grasslerei eröffnete der Pressbaumer Robert Grass ein Geschäft ganz nach seinen Wünschen. Michaela Köttler therapiert und massiert.

Von Nadja Büchler. Erstellt am 03. April 2021 (03:12)
Robert Grass und Michaela Köttler verbindet das Interesse an einer gesunden Lebensform, so-wohl im Privat- als auch im Berufs- leben.
Nadja Büchler, Nadja Büchler

Michaela Köttler und Robert Grass leben seit zehn Jahren in Pressbaum. Während ihrer Tätigkeit im Bioladen des „Bioerlebnis Norbertinum“ hat sich Köttler in die Gegend verliebt und gemeinsam mit ihrem Partner Robert ein Haus gekauft. Grass betreibt seit fast zwei Jahren die Grasslerei in Tullnerbach und Köttler eine Praxis in der Brentenmaisstraße. Persönliche Erfahrungen und Interessen führten bei dem Paar zu einem ganzheitlichen Lebensstil, der sich auch in ihrer beruflichen Tätigkeit widerspiegelt.

NÖN: Sie feiern am 8. Mai das zweijährige Jubiläum der Grasslerei. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Greißlerei zu eröffnen?
Robert Grass: Ich war 28 Jahre in der Pharmabranche tätig und wollte mich beruflich verändern. Ein sehr gutes Angebot in Zeiten einer firmeninternen Umstrukturierung hat mir die Umsetzung erleichtert. In meinem Alter ist es schwer, wieder einen anspruchsvollen Job zu finden. Ich koche sehr gerne und achte bei der Verwendung der Lebensmittel auf Qualität und Herkunft. Uns hat ein entsprechendes Geschäft in der Gegend gefehlt, und mit der Eröffnung der Grasslerei habe ich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Was bietet die Grasslerei ihren Kunden an?
Grass: Bei uns gibt es alle Grundnahrungsmittel aus nachhaltiger respektive biologischer Landwirtschaft. Viele Bauern stammen aus der Region. Wir wollen damit die Wirtschaftskreisläufe in der Region stärken und sehen uns als Botschafter zwischen den landwirtschaftlichen Produzenten und Endkunden, denen eine natürliche und nachhaltige Bewirtschaftung am Herzen liegen. Zusätzlich haben wir auch einen kleinen ökologischen Nonfood-Bereich mit Reinigungsmitteln und Hygieneprodukten.

Wir wollen damit die Wirtschaftskreisläufe in der Region stärken und sehen uns als Botschafter zwischen den landwirtschaftlichen Produzenten und Endkunden, denen eine natürliche und nachhaltige Bewirtschaftung am Herzen liegen

Sie versuchen, ihre Ware so verpackungsfrei wie möglich anzubieten. Kommt das gut an?
Grass: Sehr sogar. Unsere Kunden haben die Möglichkeit, ihre Produkte in Pfandgläser oder mitgebrachte Gefäßen abzufüllen. Einige Produkte, wie Reis oder Müsli, können aus Dispensern in der gewünschten Menge entnommen werden. Bei uns gibt es bei keinem offenen Lebensmittel eine Mindestabnahme. Braucht der Kunde nur einen Erdapfel, ist das möglich. 

Sie verkaufen mit diesem speziellen Konzept der Grasslerei mehr als „nur“ ihre Ware. Warum kommen ihre Kunden gerne zu ihnen ins Geschäft?
Grass: Unsere Ware ist so gut wie möglich regional, saisonal und bis auf wenige Ausnahmen „bio“. Die persönliche Betreuung und die Entschleunigung beim Prozess des Einkaufens selbst, wird von unseren Kunden sehr geschätzt. Wir haben kein Personal, entweder stehe ich alleine oder gemeinsam mit Michaela im Geschäft. Wir beantworten Fragen zu unserer Ware und plaudern mit unseren Kunden. Das gehört bei uns ebenfalls zur Dienstleistung. Der Verkauf von regionalen Produkten garantiert kurze Transportwege, und die freie Wahl bei der Menge verhindert das Wegschmeißen von Lebensmitteln. Wir kennen fast alle regionalen Produzenten persönlich. Wir schauen uns ihren Betrieb vor Ort an, bevor wir ihre Ware in unser Sortiment aufnehmen. Sollten diese unseren Grundsätzen, wie zum Beispiel einem sorgsamen Umgang mit Tieren nicht entsprechen, lehnen wir eine Zusammenarbeit ab. Nachhaltigkeit und Regionalität ist unseren Kunden sehr wichtig. Die Pandemie hat das noch deutlicher gezeigt. 

Die zwei Alpakas Flo und Sileno sowie die Schafe Goasi und Mausi unterstützen Michaela Köttler bei der „Tiergestützten Intervention“. Mimi und Günther Büchler locken die Tiere mit hartem Brot.
NOEN, Nadja Büchler

Frau Köttler, sie unterstützen neben ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit ihren Partner in der Grasslerei?
Michaela Köttler: Ja, ich habe vier Jahre den Bioladen im Norbertinum geleitet und Führungen zu den Themen Landwirtschaft, Wald, Kräuter und Lebensmittelherstellung durchgeführt. Meine Erfahrungen aus diesen Jahren konnte ich im Bestellwesen und der Sortimentsauswahl sehr gut einbringen. 

Sie haben aufgrund eines persönlichen Schicksalsschlags ihr Berufsleben auf den Kopf gestellt. Welcher Anlass war dafür ausschlaggebend?
Köttler: Mein Vater hatte einen Herzinfarkt und wurde danach mit Anfang 50 pensioniert. Das hat mir zu denken gegeben, ich wollte nicht genauso enden. Zu diesem Zeitpunkt war ich in der EDV-Branche tätig. Also habe ich mich entschlossen umzusatteln und mir meinen persönlichen Traum – das Biologiestudium – zu erfüllen. Nach dem Abschluss und einigen Jahren in Krems begann ich 2003 im Norbertinum zu arbeiten. Neben meiner Tätigkeit im Bioladen absolvierte ich die Ausbildung „Tiergestützte Intervention“ auf der Vetmed in Wien. 

Sie haben im Laufe der Jahre sehr viele Ausbildungen gemacht, was treibt Sie an?
Köttler: Ich bin ein neugieriger Mensch und Themen, die mich interessieren, möchte ich vertiefen. Ich bin unter anderem  Burnout Prophylaxe Trainerin, Kräuterpädagogin und habe auf der Bisop in Baden Sozialpädagogik studiert. 2013 habe ich mich selbstständig gemacht und biete auch Energetik, traditionelle europäische und chinesische Medizin und diverse Massagetechniken an. Bei meiner Arbeit mit Körper, Pflanzen und Tieren hat sich für mich ein Kreis geschlossen. Mit der Grasslerei kommen nun auch die Aspekte einer gesunden Ernährung mit qualitativen Produkten dazu. 

Ich bin ein neugieriger Mensch und Themen, die mich interessieren, möchte ich vertiefen

Sie haben einen Kräuterstammtisch, wo findet dieser statt?
Köttler: In der Grasslerei. Diese finden unter dem Namen „Mondelfentreff“ einmal im Monat an einem Donnerstag um 19 Uhr statt. Corona-bedingt muss ich mit dem Start der neuen Termine noch abwarten. Beim Stammtisch erzähle ich etwas über die Pflanzen aus unserer Umgebung und erkläre ihre Wirkung und Verwendung. In speziellen Kräuterworkshops beschäftigen wir uns mit der Herstellung von Cremen, Tinkturen und Ölen nach Rezepten der traditionellen europäischen Medizin. Infos dazu findet man auf meiner Webseite www.mirgehtesgut.com

Welche Tiere unterstützen sie bei der Tiergestützten Intervention?
Köttler: Ich habe zwei Alpakas und zwei Schafe. Mein Hund Fossy, mit dem ich die Ausbildung gemacht habe, ist leider vor zwei Jahren verstorben. Aber seit Kurzem haben wir einen Hund aus dem Wienerwald Tierheim. Bei der Arbeit mit den Tieren werden die positiven Auswirkungen auf das Erleben und Verhalten von Menschen genutzt. Sowohl bei seelischen als auch körperlichen Problemen ist der Einsatz von Tieren sehr hilfreich. Als therapeutische Elemente wirken die emotionale Nähe, Wärme und die unbedingte Anerkennung durch das Tier. 

In der Grasslerei gibt es Schuheinlagen aus Alpakawolle zu kaufen. Stammt die Wolle von ihren Tieren?
Köttler: Genau, der Alpaka-Scherer kommt zu uns nach Pressbaum, nimmt die Wolle mit und verarbeitet sie zu Schuheinlagen. Diese sind sehr beliebt. Sie wärmen die Füße im Winter und klimatisieren sie im Sommer. Sie sind auch bei unserem jährlichen Stand am Weihnachtsmarkt im Wirtshaus Oliver in Wolfsgraben erhältlich.