Nikodeumus ist 30: „Bei mir ist jeder Gast ein Promi“ . Gastwirt Niki Neunteufel weiß, warum sich die Besucher bei ihm in Purkersdorf so wohlfühlen.

Von Birgit Kindler. Erstellt am 13. Mai 2020 (04:38)
Niki Neunteufels Lieblingsplatz im Lokal ist bei der Heizung. „Hier habe ich einen guten Blick und außerdem ist mein Vater da auch immer gestanden.“
Kindler

Dieses Jahr hätte sich Niki Neunteufel anders vorgestellt. Denn, dass gerade im 30. Jubiläumsjahr das Nikodemus für mehrere Wochen geschlossen bleibt, damit hat der Szene-Wirt nicht gerechnet. Jetzt freut er sich aber, dass es am Freitag, 15. Mai wieder losgeht. „Der Eröffnungstag fällt genau auf meinen 53. Geburtstag. Ich sehe das als gutes Omen für den Neustart“, sagt Niki Neunteufel. Alle Tische sind bereits reserviert. 70 Prozent der Kapazitäten können – trotz Maßnahmen – gehalten werden. „Wir haben Full House mit vielen Stammgästen. Es wird also eine kleine Geburtstagsparty“, freut sich der Szene-Gastronom.

Dass das Nikodemus schon so lange bestehen kann, ist auf das gute Gespür des Wirtes zurückzuführen. „Wichtig ist, dass sich die Leute wohlfühlen und ein schönes Ausgeherlebnis haben. Bei mir ist jeder Gast ein Promi. Essen können die Leute an jeder Ecke kaufen, es geht darum, wie man mit dem wertvollen Gut Freizeit umgeht“, weiß Neunteufel.

„Da host den depperten Namen.“ Wolfgang Ambros, als er gemeinsam mit Niki Neunteufel zu Wilfried in die Nikodemusgasse fuhr.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte 1989, „damals hatte ich das Glück zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein“. Neunteufel war gerade wegen fehlender Arbeitspapiere zurückgekehrt nach Österreich und wollte eigentlich schnell wieder weg. „In meiner Kindheit war Purkersdorf ein Ort mit wenigen attraktiven Möglichkeiten für junge Leute. Mitte der 80er bin ich daher für einige Jahre in die USA und nach Australien gegangen“, erzählt er. Neunteufel stellte nach seiner Rückkehr allerdings fest, dass sich einiges geändert hatte, wie der junge, aufstrebende Bürgermeister Karl Schlögl oder das Shakespeare Pub und die Fußgängerzone. Damals hatte Neunteufel die Idee, diese Fußgängerzone, gemeinsam mit Jugendfreunden zu beleben. „Wir sind einfach auf die Kärntner Straße gefahren und haben Straßenmusiker gefragt, ob sie nicht am Samstagvormittag bei uns spielen wollen.“ So haben sich erste Kontakte aufgetan. Auch die bis heute andauernde Freundschaft mit Wolfgang Ambros ist damals entstanden. „Die Veranstaltungen waren erfolgreich und gipfelten dann in meinem ersten Ambros-Konzert im Herbst 89“, erzählt Neunteufel. Das Bedürfnis, ins Ausland zu gehen, sei dann gar nicht mehr so groß gewesen.

Austria 3 wurde im Purkersdorfer Szene-Lokal gegründet: Georg Danzer, Rainhard Fendrich, Niki Neunteufel und Wolfgang Ambros.
privat

Denn schon bald entstand die Idee, im Wirtshaus der Eltern ein Musikerlokal zu eröffnen. „Ich bin zu meinem Vater gegangen und habe gesagt, wir machen jetzt ein Musikerlokal. Er hat nur gemeint, wenn ihr so gescheit seid, dann könnt ihr es im Ballsaal versuchen. Im Mai 1990 wurde das Lokal dann eröffnet.

„Ich wusste übrigens bis zwei Wochen vor der Eröffnung nicht, wie es heißen soll. Ich wollte, dass die Leute sagen ‚gemma zum Niki‘. Aber alles war schon vergeben. Kurz vor der Eröffnung bin ich dann mit dem Wolfgang Ambros zum Wilfried in die Pfalzau gefahren, er hat in der Nikodemusgasse gewohnt, und auf einmal hat der Ambros gesagt: ‚Da host den depperten Namen‘“. Dass Nikodemus eine biblische Figur war, hat er erst am Eröffnungsabend erfahren. „Mit meinen jungen Jahren war ich da noch nicht so bewandert und Google und Wikipedia gab es noch nicht.“

Im Lokal herrschte von Anfang an ein besonderer Spirit. „Von Ambros über Wilfried bis zur Jazz Gitti und Peter Cornelius haben uns viele geholfen. Als 23-Jähriger habe ich damals nicht realisiert, welches Glück ich hatte“, so Neunteufel. Die 90er Jahre waren geprägt von Partys für junge Leute. „Wir hatten eine Türglocke und zwei Securitys, die dafür gesorgt haben, dass die Jugendlichen nicht ‚Out-of-Control‘ geraten.“

„Mit meinen jungen Jahren war ich da noch nicht so bewandert und Google und Wikipedia gab es noch nicht.“

Große Highlights waren Nena-Konzerte oder, dass Falco hier gespielt hat. „Es hat auch viele legendäre Weihnachtsfeiern gegeben. Die waren zwar nicht jugendfrei, aber erinnerungswürdig“, schmunzelt der Szene-Wirt und fügt hinzu: „Als Wirt muss man auch manchmal vergesslich sein“. Von einer legendären Party mit Ostbahn Kurti erzählt er dann aber doch. „Er ist bis um halb fünf im Lokal gewesen, und weil er müde war, wurde er im Hotel der Eltern einquartiert. Dort wollten wir ihn ausschlafen lassen. Als ich um halb elf allerdings im Wirtshaus war, war ein Riesentrara, weil der Ostbahn Kurti weiter Party gemacht und die Leute unterhalten hat.“ Geendet hat das Ganze damit, dass ihn ein verärgerter Manager abgeholt hat. „Das Konzert am Abend hat nicht stattfinden können.“

Einen großen Beitrag zum Erfolg des Lokals habe auch Rudi Dolezal. „Zu seinem 40. Geburtstag haben Queen erstmals nach dem Tod von Freddie Mercury im Nikodemus gespielt.“ Das Lokal sei am Zenit gewesen.

Mit 30 Jahren hat er sich aber zu einer Kurskorrektur entschlossen. „Und aus einem Jugendlokal ein zivilisiertes Restaurant gemacht, bei dem Essen im Vordergrund stand.“ Diese Wandlung habe zwei Jahre gedauert, „aber hätte ich das nicht gemacht, dann würde es das Lokal heute nicht mehr geben“.

Ein weiterer Meilenstein ereignete sich 1997 – damals, im Dezember, wurde Austria 3 gegründet. „Wolfgang Ambros, Rainhard Fendrich und Georg Danzer haben sich im Nikodemus zum Meinungsaustausch getroffen. Es haben gleich zu Beginn alle gemerkt, wie großartig das wird“, weiß Neunteufel.

Karten für A3-Konzert um 1.250 Schilling

Sämtliche Proben für das erste Benefizkonzert fanden damals im Purkersdorfer Stadtsaal statt“, weiß Neunteufel. Eine Karte für das Konzert zugunsten Obdachloser wurde um 1.250 Schilling verkauft. „Ich habe mich schon gefragt, wie ich die an den Mann bringen soll. Aber nach nicht einmal einen Tag waren alle weg. Im Nachhinein hätte man das Doppelte verlangen können.“

Neben dem Nikodemus hatte Neunteufel einige spannende Gastroprojekte in New York, er kochte im Tavern On The Green im Central Park oder organisierte im UNO Headquarter ein Austrian Food Festival. Auch seine Frau lernte er damals kennen. Mit der blau-schwarzen Regierung endeten allerdings die Projekte in Amerika. „Meine Frau hat sich zum Glück auch dazu entschlossen, ihren Lebensmittelpunkt wieder nach Österreich zu verlagern.“ Als er zurück nach Österreich kehrte, herrschte am Beginn ein riesiges Vakuum – nur mit dem Nikodemus. Doch schon bald sind neue Dinge, wie der Open-Air-Sommer im Jahr 2002 oder die Pukk-Veranstaltungen entstanden. Auch die Licht-ins-Dunkel-Events wurden ins Leben gerufen. Zusätzlich hat er das Wirtshaus der Eltern sowie den Hotelbetrieb geführt.

„Ich habe sieben Tage in der Woche 15 Stunden am Tag gearbeitet, ich weiß gar nicht, was ich mir davon erhofft habe“, meint Neunteufel. Ein Schlüsselerlebnis war dann, als sein treuer Berner Sennenhund verstorben ist. „Ich wusste, wenn ich so weitermache, werde ich krank.“ Also sind aus dem Hotel Büroräumlichkeiten geworden und das Wirtshaus der Eltern wurde ins Nikodemus integriert. „Fünf Abende pro Woche bin ich im Geschäft – und dafür habe ich auch die Energie.“ Zweimal im Jahr gibt es als Belohnung längere Urlaube mit seiner Frau. „Wir teilen die Leidenschaft für außergewöhnliche Orte, da geht es schon mal zum Weißen Hai nach Südafrika.“

„Ich habe sieben Tage in der Woche 15 Stunden am Tag gearbeitet, ich weiß gar nicht, was ich mir davon erhofft habe“

Sein Glück sei auch, dass seine Frau und sein Sohn hinter ihm stehen und ihn unterstützen. „Wir haben privat ein super Fundament“, freut sich Neunteufel. Noch mindestens die nächsten 30 Jahre will er weitermachen. Ein Nachfolger sei also noch kein Thema.