Andrea Kdolsky: „Unsere Normalität leben“. Purkersdorf: Andrea Kdolsky spricht über Stärken, Schwächen und Fehler in der momentanen Corona-Situation.

Von Monika Närr. Erstellt am 17. Oktober 2020 (03:48)
Andrea Kdolsky in ihrem Home-Office mit den beiden kleinen Münsterländern Caia und Ambra.
Monika Närr

Sie ist ein Tausendsassa und sagt selbst, dass sie die Erfahrung von zehn Leben in eines gepackt hat: Andrea Kdolsky war zwei Jahre an einer Schauspielschule, Flugbegleiterin der AUA, studierte erst Jus, begann Ende ihrer 20er-Jahre mit dem Medizinstudium, machte eine Psychotherapie-Ausbildung, arbeitete als Anästhesie-Fachärztin im AKH oder baute als erste Frau in Europa eine Landeskliniken-Holding – in Niederösterreich – auf. Nach ihrer Zeit als Gesundheitsministerin erschloss sie dem Consultingkonzern PWC das internationale Geschäft im Gesundheitswesen. Derzeit baut sie an der FH St. Pölten den neuen Masterlehrgang „Public Health“ auf und unterrichtet am IMC Krems Gesundheitspolitik. Mit der NÖN sprach sie über gute, schlechte und fehlende Corona-Maßnahmen sowie ihr sonntägliches Engagement im „Corona-Quartett“ bei Servus TV.

NÖN: Wie stellt sich die Corona-Situation momentan insgesamt für Sie dar?
Andrea Kdolsky: Wir haben das Ziel aus den Augen verloren. Die Politik agiert derzeit planlos. Anfangs verstand ich den Lock-Down, es ging darum, das Gesundheitswesen zu schützen und es funktionabel zu halten. Ab Woche vier wurde es problematisch, es entstand ein Tohuwabohu.

Können Sie das genauer begründen?
Wir haben 2.800 Intensivbetten in Österreich, derzeit sind unter 100 mit Covid 19-Patienten belegt, etwa weitere 500 liegen auf Normalstationen. Offensichtlich geht es nicht mehr um das Gesundheitswesen. Wir können aber nicht alle Menschen schützen, da müssten wir Autos, Flugzeuge, Alkohol und sehr viele Lebensmittel abschaffen. Heute können wir zuordnen, dass Ältere und chronisch Kranke die Risikogruppen sind, meist aber ein symptomloser, leichter Verlauf stattfindet und Kinder zum Glück kaum betroffen sind.

Sie sind dafür, nur jene zu testen, die tatsächlich Symptome zeigen. Warum?
Die tatsächliche Zahl der Corona-Erkrankten steigt nicht. Nur die wilden Testungen steigen täglich. Unsere PCR-Tests sind nicht standardisiert. Ist ein Test positiv, muss man nicht automatisch erkranken, beziehungsweise kann man auch ohne Symptome erkranken, und es ist nicht erwiesen, dass jeder positiv Getestete wirklich ansteckend ist.

Andrea Kdolsky und Sucharit Bhakdi sind Mitgestalter der Sonntag-Abendsendung „Corona-Quartett“ auf Servus TV.
privat

Es gibt auch das besondere Beispiel Kärnten…
Man fragte sich, wieso Kärnten – so direkt an der italienischen Grenze – die wenigsten Corona-Zahlen aufwies. Offenbar gab es dort bereits im November eine lokal begrenzte Epidemie. Die Spitalsärzte berichteten über Influenza-ähnliche Symptome und behandelten konventionell. Man hatte ja noch keinen Namen für den Erreger damals. Es ist zu vermuten, dass dort bereits im letzten Herbst eine Durch-Immunisierung stattfand.

Wie stehen Sie zur Handhabung der Corona-Ampel?
Die ursprüngliche Idee der Ampel war gut. Aber jetzt kennt sich ja wirklich niemand mehr aus. Schulen, Spitäler, jeder politische Bezirk - alle verbinden damit andere Quarantäne-Regeln. Die Politik müsste klare Vorgaben gut kommunizieren. So verstehen es die Leute nicht. Durch die Verwirrung ist die damit verbundene Zielsetzung entglitten. Wir dürfen Corona nicht auf die leichte Schulter nehmen, wir dürfen aber auch nicht so extrem und einschränkend damit umgehen. Ein sinnvoller Kompromiss ist längst fällig.

Wie schätzen Sie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen ein?
Schon länger warnten Wirtschaftsfachleute, dass es eng wird und ein Schwarzer Freitag ins Haus steht. Es gab aber keine Situation, die die auf die Spitze getriebene Globalisierung und das immer größere Wirtschaftswachstum gestoppt hätte. Die Pandemie ist nun für die Politik weltweit ein glücklicher Zufall, denn ab sofort kann man ihr die Schuld an allem geben. Auf uns kommt eine enorme Kulturveränderung zu, vor allem für Leute in mittleren Berufsjahren wird es die größte Umstellung werden. Wir müssen das soziale Denken als ein wesentliches Kulturgut erhalten, damit wir den Wandel im beruflichen und gesellschaftlichen Bereich meistern. Das Community- und Grätzel-Denken während des Lock-Downs gibt Hoffnung dafür.

Sie bringen sich seit einigen Wochen sonntäglich in der Sendung „Corona-Quartett“ in Servus TV ein. Was reizt Sie an der Teilnahme?
Es geht darum, unterschiedliche Meinungen an einen Tisch zu bringen. Die ersten beiden Sendungen waren dem medizinischen Part gewidmet, in den weiteren Folgen geht es um Jugend, Wirtschaft, Arbeitsleben, kulturelle Veränderung, aber vor allem auch um ethisch-moralische Fragen. Wir wollen ein breites Spektrum mit Fachexperten besprechen.

Was ist Ihr dringlichstes Anliegen?
Wir müssen versuchen, unsere Normalität zu leben, nicht eine neue. Jeder kann einen Beitrag leisten, wenn er auf sich selber schaut, sein Immunsystem stärkt, Abstandsregeln einhält, kritisch hinterfragt, sich selbst eine eigene Meinung bildet. Sehr wichtig ist es auch, seine Ängste in den Griff zu bekommen, denn diese schwächen das Immunsystem.

Wie sieht Ihr persönliches Leben und Arbeitsleben derzeit aus?
An der Fachhochschule mischen wir derzeit Home-Office und Praktika. Den Lock-Down habe ich sehr privilegiert erlebt, aber auch sehr arbeitsintensiv mit vielen Zoom-Teamsitzungen.
Im Sommer hat mir das Meer gefehlt, ich bin sehr italophil. Vor sieben Wochen legte ich mir auch eine Vespa zu. Mit meinen beiden Hündinnen Caia und Ambra finde ich einen guten Ausgleich im Wald und am Wienerwaldsee. Und ich genieße den Herbst sehr – ich mag die bunten und klaren Farben und den strahlend blauen Himmel dazu.