Marlies Haslinger: Eine Ärztin für die Kleinen. Marlies Haslinger arbeitet in einer Gruppenpraxis in Hietzing.

Von Birgit Kindler. Erstellt am 18. September 2020 (03:42)
Marlies Haslinger wohnt mit ihren Kindern und ihrem Mann in Purkersdorf. Als Kinderärztin will sie die kleinen Patienten bestmöglich betreuen.
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 Schon mit sechs Jahren hat Marlies Haslinger in das Stammbuch ihrer Freunde geschrieben, dass sie Kinderärztin werden will. „Für mich war immer klar, dass ich Kinder behandeln will, denn anders als erwachsene Patienten versinken sie nicht in Selbstmitleid“, sagt sie.

Haslinger ist mit ihrer Familie im Jänner 2019 nach Purkersdorf gezogen. Ursprünglich ist sie aus Hollenstein an der Ybbs, zum Studieren kam sie dann nach Wien. „Mein Mann wollte allerdings nicht in der Stadt alt werden, und so haben wir uns für Purkersdorf entschieden“, erzählt Haslinger. Sie arbeitet derzeit als Kinderärztin in der Gruppenpraxis „Doctopus“ in der Auhofstraße in Hietzing gemeinsam mit zwei weiteren Kinderärzten. „Dass wir zu dritt sind, ist eine Bereicherung. Der Austausch ist herrlich und bringt natürlich viele Vorteile für die Patienten“, berichtet Haslinger. Bei der Behandlung von Kindern müsse immer die Familie als Kontext gesehen werden.

„Wichtig ist, zu erfahren, wie die Familie tickt. Wenn eine Mutter erzählt, dass ihr Kind die ganze Nacht erbrochen hat und es dann vergnügt in die Praxis läuft, dann weiß ich, dass die Schilderung vielleicht ein bisschen übertrieben war.“ Es gebe aber auch Eltern, die erst fünf vor zwölf kommen. „Ende des vergangenen Jahres habe ich ein Kind behandelt, das aufgrund einer Blinddarmentzündung gar nicht mehr gehen konnte. Es wurde sofort operiert. Zehn Tage später ist es dann zu mir in die Praxis gekommen. Das war mein Weihnachtsgeschenk 2019“, freut sich die leidenschaftliche Mutter zweiter Kinder.

„Es war dann schon befreiend, dass ich Kindern nicht mehr beim Sterben zusehen musste.“ Marlies Haslinger über ihre Tätigkeit im St. Anna Kinderspital

Haslingers Ordination ist eine Kassenordination. Abgegolten wird nach dem Alter des Kindes. „Wenn man Geld machen will, wird man kein Kinderarzt. Ich bin keine Ärztin geworden, um Leistungen zu verrechnen, ich will die Patienten bestmöglich betreuen“, meint Haslinger. Hauptproblem bei den Kindern ist derzeit, dass viele zu dick sind. „Bewegung ist kein Thema mehr. Jedes fünfte bis zehnte Kind hat zehn Kilo zu viel. Ein Grund ist auch, dass sie von den Eltern bis vors Schultor gebracht werden.“ Neben den dicken Kindern hat die Medizinerin auch vermehrt mit Impfgegnern zu tun. „Das belastet mich am meisten. Diese Impfungen, die beispielsweise im Mutter-Kind-Pass vorgeschlagen sind, sind ja etablierte Dinge, die es schon Jahrzehnte gibt“, kann sie die Einstellung mancher Eltern nicht nachvollziehen.

Zu wenige Kinderärzte mit Kassenvertrag

Grundsätzlich sei sie auch niemand, der schnell Antibiotika verschreibt. „Ich verteile die nicht wie Hustenzuckerl, nur wenn ich sie empfehle, dann brauchen sie die Kinder auch.“

In der Region beziehungsweise im Bezirk St. Pölten gibt es ihrer Meinung nach derzeit viel zu wenige Kinderärzte mit Kassenvertrag. „Zu uns kommen beispielsweise auch viele Familien aus Gablitz, Mauerbach und Purkersdorf. Bis auf Neugeborene nehmen wir auch keine Patienten mehr auf“, berichtet Haslinger, die vor ihrer Tätigkeit bei „Doctopus“ sieben Jahre im St. Anna Kinderspital gearbeitet hat. „Für mich war das emotional die schönste Zeit. Man geht mit den Kindern gemeinsam einen Weg und freut sich, wenn krebskranke Kinder wieder gesund werden“, so Haslinger. Allerdings sei es traurig und auch belastend gewesen. „Es war dann schon befreiend, dass ich Kindern nicht mehr beim Sterben zusehen musste.“

Neben allen negativen Seiten war für sie der Corona-Lockdown auch entspannend und entschleunigend. „Ich hatte heuer beispielsweise Zeit zum Osterstriezel backen und es waren nicht 1.000 Dinge verplant“, berichtet sie. Natürlich sei man mit Haus, Wald und Garten sehr privilegiert gewesen.

Für Schule und Kindergarten wünscht sie sich einen halbwegs normalen Betrieb. „Für die Praxis könnte ich mir vorstellen, dass wir Partner-Ordinationen finden und einteilen in Corona und Nicht-Corona-Praxis“, so Haslinger, die glaubt, dass die Coronamaßnahmen noch ein Jahr dauern werden. „Sollte es im Jänner aber tatsächlich einen in Österreich zugelassenen Impfstoff geben, dann werde ich mich auf alle Fälle impfen lassen.“ Auch wenn die Zulassung normalerweise acht bis zehn Jahre dauern würde, seien jetzt einfach viele Behördenwege massiv beschleunigt worden.