Die Künstler im Home-Office. Der Alltag von Kulturschaffenden mag derzeit ruhiger sein, ihre Kreativität ist es bestimmt nicht.

Von Monika Närr. Erstellt am 08. April 2020 (03:45)
Midori Ortner sollte jetzt eigentlich in Japan sein. Stattdessen betreut sie mit Partner Gernot Nitsch ihren Garten in der Brentenmais. Gemeinsam sichten und ordnen sie alte Videos und CD-Aufnahmen und schauen sich abends aufgezeichnete Aufführungen über den Stream-Kanal der Staatsoper an.
Monika Närr

„Nach der Krise wird es die Hauptaufgabe der Künstler sein, Wunden zu trocknen und Seelen zu trösten“, so der Tullnerbacher Volksopernsänger Wolfgang Gratschmaier, der überzeugt ist: „Musik repariert unsere Seelen.“ Mit seinen Studenten an der MUK (Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien) arbeitet er im Lehrfach „Szenische Gestaltung“ derzeit über eine Whats App Gruppe mit Videos, Fotos und Texten.

Die Tullnerbacher Musiker Wolfgang Jakesch, Irene Spitzl und Wolfgang Gratschmaier (v.l.) verzauberten im Vorjahr das Publikum beim großen Frühlingskomzert des Blasorchesters Tullnerbach, das heuer leider entfällt.
Monika Närr

An der Volksoper herrscht – wie an allen Bühnen der Bundestheater – seit 1. April Kurzarbeit. Aber: „Mehr als 50 Prozent unserer Tätigkeit ist Vorarbeit, wir sind es ohnedies gewohnt, daheim einzustudieren und zu proben. Und das geht unverändert weiter“, so der Leiter der Schloss Thalheim Classic. „Dort“, so der Sir der Operette, „sei derzeit eine traurige Zeit. Bis Juni sind jetzt einmal alle Veranstaltungen abgesagt, und wir wissen noch nicht, wie es weitergeht“. Dafür nimmt sich Gratschi, wie sein Spitzname lautet, jetzt ausreichend Zeit, seinen 60. Geburtstag im November vorzubereiten. Er nimmt dafür auch sein neues Album „Ein Leben wie ein Wunschkonzert“ auf.

Ehefrau Renée Schüttengruber plaudert auch aus, dass er zur Entspannung gerne Rock oder Beatles am Klavier spielt. Sie arbeitet mit ihren Musikschülern des ZMV (Zentrum für Musikvermittlung in Penzing) wiederum im Fernunterricht über Zoom. „Wir üben Stimmübergänge, machen intensive Atemübungen oder sehen uns Beispiele aus Meisterkursen an“, so die Sopranistin, die auch für die Wiederaufnahme des Musicals „Sound of Music“ an der Volksoper übt und intensiv einen speziellen Liederabend für 2021 vorbereitet. Sein Titel: „Das heitere Herbarium“, gedichtet von Karl Heinrich Waggerl, vertont von Franz Salmhofer. Gemeinsam mit der Waldviertler Kräuterexpertin Eunike Grahofer und einer Herbarien-Malerin wird sie diesen gestalten, und erlernt gerade kurze und witzige Lieder dafür.

„Ich vermisse das soziale Leben“

Sehr kreativ in der Quarantäne sind auch Rockröhre Joni Madden und Gitarristen-Gatte Andy Cutic, die nun viel Zeit gemeinsam im Studio verbringen. „Andy war auf Tournee in Deutschland, konnte aber nur mehr vier von 22 Konzerten spielen und kam einen Tag vor der Grenzschließung aus Dortmund zurück“, so Joni. Und weiter: „Ich vermisse das soziale Leben sehr, aber die Decke fällt mir nicht auf den Kopf, es gibt immer etwas zu tun. Auch die Kinder sind jetzt bei uns, haben auf der Galerie ihr Büro aufgebaut und studieren nun online weiter.“ Sie selbst entwickelt gerade ihr englisches Musical „Wilma`s Hair Salon“ für die Mehrstufenklasse der Volksschule Tullnerbach und wird den Kindern nach Ostern online die Lieder beibringen.

In den Genuss dieses Projekts kommt auch Pauli Haselböck, der jüngste Sohn von Lukas Haselböck. Auch der grüne Tullnerbacher Neo-Gemeinderat musste alle Auftritte und Konzerte fallen lassen, wäre jetzt eigentlich in Los Angeles und würde dort Vorträge halten und mit seinem Bruder Martin Haselböck gemeinsam die Matthäuspassion aufführen. „Meinen Bruder trifft es noch härter, er hat ein Orchester mit 25 freien Musikern, die jetzt alle in der Luft hängen“, so Haselböck. Und weiter: „Ich mache ja spaßhalber Konzerte, habe ein fixes Gehalt als Assistenzprofessor an der MDW, der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.“ Seine Arbeit läuft eigentlich auch im Home-Office normal weiter, Referate seiner Studenten werden via Video hochgeladen und gehalten und auch zur Fortführung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat er „noch für vier bis fünf Monate Inhalte im Computerkastl drin“.

„Sommertheater könnten klappen“

Auch der in Pressbaum lebende britische Tenor Stephen Chaundy betreut seine Studenten der MDW von daheim aus und gibt auch Gesangsunterricht sowie englische Sprachcoachings nun über Internet. „Ein Problem ist halt der Klang durch die fehlende Tonqualität“, so Chaundy, der seine Bühnenprojekte wie viele andere auf Herbst verschieben muss: „Die Spielzeit ist hin, von Bayreuth bis Wimbledon ist ja alles abgesagt.“ Dennoch hofft er, dass die lokalen Sommertheater, zu denen keine internationalen Schauspieler einfliegen müssen und deren Publikum aus der Umgebung anreist, ein Ersatz für die Absage vieler Großveranstaltungen sein können. „Ich spiele den Alfred in der Fledermaus bei den Schlossfestspielen Langenlois, und es könnte sein, dass unsere Spielzeit klappt“, so der Sänger mit dem britisch-österreichischen Humor, der zur momentanen Situation meint: „Es ist für mich jetzt ein bisschen, wie wenn ich meinen Hund zum Tierarzt Burger bringe. Erst kämpft er dagegen, dann lässt er es geschehen und fügt sich.“

„Keine Auftritte in Japan und Los Angeles“

Auch Pianistin Midori Ortner und Gernot Nitsch fügen sich mit ihrem Verein „Freunde der Klavierkunst“ ins Unvermeidliche. „Wahrscheinlich wird es bei uns vor dem Sommer keine Hauskonzerte mehr geben und erst im Herbst wieder anlaufen. Wir haben gerade alle Mitglieder angeschrieben“, so Nitsch. Midori hat einmal pro Quartal Konzertauftritte in Japan, auch das fällt jetzt natürlich weg, ebenso wie ein geplantes Konzert in der Schweiz. „Ich übe pro Tag zwei bis drei Stunden am Klavier, in der Freizeit umrunden wir den Wienerwaldsee mit dem Rad, und auch für die Gartenpflege haben wir heuer viel mehr Zeit als sonst“, gewinnt auch sie der Situation das Beste ab.

Ähnlich sieht es Franz Alexander Langer, der meint „man kann auch kreativ sein für sich und nicht nur für andere. Ich habe genügend Projekte, die es abzuarbeiten gilt und konzipiere auch Neues“. So widmet er sich etwa der à-Capella-Gruppe „Aschanti“, deren neue Wienerlieder sich über alle Stile der Weltmusik legen, über Jazz, Latin, Pop oder Walzer, und die aus alten Fäden neu verwobenes Tuch knüpfen. Dieses mixt Langer dann auch in seinem eigenen Home-Tonstudio.

Frühjahrskonzert

ist abgesagt

Auch das Blasorchester Tullnerbach musste sein großes Frühjahrskonzert im Norbertinum absagen. „Wir überlegen noch, ob wir es im Herbst vielleicht nachholen oder eventuell mit dem Ensemblekonzert von Wolfsgraben zusammenlegen. Das ist noch nicht fix“, so Kapellmeister Wolfgang Jakesch. Er nutzt die Zeit, um die neue Homepage des Orchesters mit Leben zu erfüllen und hält auch Videokonferenzen über Skype mit allen interessierten Orchestermitgliedern ab. Zudem überlegt er, eine Collage aus Ausschnitten einzelner Musiker zusammenzufügen und freut sich in seinem Lehrberuf an der MSOW und der Musikschule Region Wagram schon wieder sehr auf den persönlichen Unterricht: „Das Spüren, Fühlen und genaue Nachmachen sowie die Klanggestaltung fehlt beim digitalen Lehren einfach“.

Die Irenentaler Sopranistin Irene Spitzl wäre heuer wieder als Solistin aufgetreten. Auch sie ist jetzt mit neuen Planungen beschäftigt: „Ich bin gerade dabei, meine Stimme wieder wachzuküssen und beginne mit dem Üben. In meiner Familie hatten wir gerade alle einen grippalen Infekt, und jetzt geht es langsam wieder los mit dem Singen“.

Neuer Termin für

Theater Purkersdorf

„Ich bin schon optimistisch, dass eine Verschiebung unseres Sommertheaters im Steinbruch Dambach auf August möglich ist“, so der Regisseur des Theaters Purkersdorf, Manfred Cambruzzi zur NÖN. Im Februar hatten die Proben begonnen, nun soll der Vorstand nach Ostern und nach Aufhebung der Vorsichtsmaßnahmen entscheiden, wie es mit der verkürzten Probenzeit sowie der Verfügbarkeit der berufstätigen Laienschauspieler im August aussieht. „Ich denke, die Sponsoren werden uns erhalten bleiben, das sollte nicht wesentlich ausschlaggebend sein“, so der Theatermann. Und zur heurigen Komödie „Der Bürger als Edelmann“ von Molière: „Das Stück ist eine Erheiterung für die Bevölkerung. Viele haben in den jetzigen schwierigen Zeiten wenig zu lachen. Danach ist der Bedarf an Unterhaltung bestimmt wieder gegeben.“