Fall des eisernen Vorhangs: „Mir kamen die Tränen“. Die NÖN sprach mit Zeitzeugen, die vor allem die Jahre davor noch lebhaft in Erinnerung haben.

Von Martin Gruber-Dorninger. Erstellt am 08. Mai 2019 (03:00)
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Alois Mock (l.), Österreichs Außenminister, und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn (r.) beim Durchtrennen des Eisernen Vorhanges am 27. Juni 1989. Robert Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com

Im Sommer 1989 war das Hotel „Wien West“ in Purkersdorf, an der Stelle ist heute das Sozialzentrum Senecura, voll mit deutschen DDR Flüchtlingen. Sie kamen damals in Mörbisch über die Grenze. „Am Spielplatz Kellerwiese sprach uns ein junges Paar mit einem kleinen Kind an“, schildert Purkersdorfs ehemaliger Vizebürgermeister und Historiker Christian Matzka. Das Ehepaar Matzka war damals mit ihrer Tochter unterwegs, als die Flüchtlingen aus der DDR sie ansprachen.

„Sie brauchten dringend Windeln für ihr Kind. Die haben wir ihnen besorgt und brachten auch gleich etwas zu essen mit“, erinnert sich Matzka, der einige Tage später das junge Paar im Fernsehen wiedererkannte. „Es waren Bilder vom Erstaufnahmelager in Hanau“, war Matzka erleichtert, der danach öfter in die Länder jenseits des Eisernen Vorhanges reiste. „Die Öffnung war wie ein Wunder. Ich kannte den Osten vor der Wende und war dann bald in der CSFR unterwegs“, so Matzka.

„Die Öffnung war wie ein Wunder"

Der Fall des Eisernen Vorhanges ist als Folge der von Michail Gorbatschow geprägten Begriffe Perestrojka (Umstrukturierung) und Glasnost (Transparenz) zu interpretieren. Es war eine Öffnung zum Westen hin. In Polen wurde im Frühjahr 1989 am Runden Tisch die Veränderung beschlossen, und im Sommer die erste nicht kommunistische Regierung eingesetzt, danach bröckelte der Eiserne Vorhang nach und nach. Im Juni 1989 ging das Bild mit Außenminister Alois Mock und seinem ungarischen Amtskollegen Gyula Horn um die Welt, wie sie den Zaun durchschnitten.

„Mir kamen damals die Tränen“, erinnert sich die Purkersdorferin Hannelore Winna. Sie verbrachte ihre Kindheit in Gmünd, der Eiserne Vorhang bedeutete für sie Alltag. „Bei Feierlichkeiten habe ich als Kind einen Grenzbeamten beobachtet. Er hatte ein Gewehr über die Schultern gehängt und schritt stolz den Zaun ab. Ich habe mir damals gedacht, dass der auch eine Familie haben muss, die das nicht gut findet, wenn er auf Leute schießt“, schildert Winna ihre Erinnerungen an Grenzschutz und Flüchtlinge. Ihr Vater hatte bei der Bezirkshauptmannschaft gearbeitet und war für Passangelegenheiten zuständig.

„Oft wurden wir in der Nacht geweckt, weil er plötzlich weg musste. Und dann kam auch manchmal ein Anruf des Vaters, ob wir nicht eine Suppe und trockenes Gewand vorbei bringen könnten“. Daher hatte die Familie häufig mit Flüchtlingen zu tun und sie musste auch manchmal beobachten, wie fliehenden Menschen von tschechischer Seite nachgeschossen wurde und das auf österreichischem Boden. „Ein Flüchtling hatte es geschafft, durch ein Rohr zu fliehen. Wochenlang hat er mit einer Feile ein Gitter bearbeitet. Als er bei uns in der Küche saß, sah er aus wie ein Wassermann“, so Winna.

Die Liebe hat sie nach Purkersdorf geführt, aber den Freiheitsbegriff erkannte sie bereits in jungen Jahren, die durch diese Szenen geprägt waren. „Menschen tun alles um in die Freiheit zu kommen. Und dadurch wurde mir auch bewusst, wie kostbar das Leben ist“, sagt Winna, der es heute immer noch ein wenig Überwindung kostet, in ihrer Heimatgemeinde Gmünd über die Grenze zu gehen.

Durch Vorhang-Fall war Weg in EU geebnet

Von der politischen Front aus bekam der Purkersdorfer Robert Lichal einiges mit. Er war damals Verteidigungsminister. „Wir haben uns über diese Entwicklungen gefreut. Es ist dem Engagement von Alois Mock und Siegfried Ludwig sowie den willigen ungarischen Politikern zu verdanken, dass der Eiserne Vorhang fiel“, erklärt Lichal.

Österreich rückte dadurch nicht nur geografisch in die Mitte Europas, es wurde der Weg auch frei für den Beitritt zur EU. „Gorbatschow erlaubte es Österreich, in Beitrittsverhandlungen zu treten und damit wurden einige Punkte des Staatsvertrages obsolet“, sieht Matzka einen Zusammenhang.

Am 17. Juli 1989 überreichte Mock dem EG-Ratsvorsitzenden Alexander Dumas das Ansuchen um den Beitritt.

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