Nach Corona-Krise: „Normale Events erst mit Impfstoff“ . Karl Takats (Bühne) und Wolfgang Fischer (Stadthalle) sprechen über ihre Sorgen wegen der Unsicherheit und die Zeit bis zur nächsten Veranstaltung in der Region Purkersdorf.

Von Birgit Kindler. Erstellt am 13. Mai 2020 (05:32)
Die beiden Gablitzer Karl Takats (Bühne Purkersdorf) und Wolfgang Fischer (Stadthalle Wien) sprechen mit NÖN-Redaktionsleiterin Birgit Kindler über die Herausforderungen in der Kulturbranche.
Ernst Jauck

240 Besucher passen in die Bühne in Purkersdorf. 16.000 in die Halle D – die größte der Wiener Stadthalle. Trotz dieser Dimensionsunterschiede stehen die Veranstalter vor denselben Herausforderungen. Die NÖN traf vergangenen Freitag in ihrer Heimat Gablitz Bühne-Chef Karl Takats und Stadthallen-Geschäftsführer Wolfgang Fischer zum Gespräch über die Auswirkungen der Coronakrise und die Veränderungen beim Kultur-Konsum des Publikums.

NÖN: Wie viele Veranstaltungen mussten abgesagt worden?
Karl Takats: Derzeit sind es 20 Absagen, davon sind 15 endgültig, die restlichen Veranstaltungen wurden auf 2021 verschoben. Die Koordination der Absagen und Verschiebungen ist aber schwieriger, als ein ganz normales Konzert zu checken. Denn hier muss die Absage und dann nochmal der neue Termin den Menschen mitgeteilt werden.

Wolfgang Fischer: Zehn Veranstaltungen mussten endgültig abgesagt werden, zum Beispiel wegen des Tourneeplans. Oder der Amadeus Award 2020. Den kann man 2021 machen, aber das ist dann der Amadeus 21. Die anderen wurden verschoben beziehungsweise hoffen wir noch, sie verschieben zu können. Die Terminfindung bei internationalen Tourneen ist klarerweise noch schwieriger. Bis Ende August sind wir mit 70 Veranstaltungen betroffen. Wir reden von 400.000 Besuchern, die von 10. März bis 31. August Tickets haben. Die letzte Veranstaltung in der Stadthalle waren übrigens originellerweise die Shaolin Mönche.

Die Abende, die von uns abgesagt werden, sind unwiederbringlich weg

Die erneute Terminfindung wird nicht einfach sein.
Fischer: Das Kernproblem bei den Verschiebungen ist, dass sie ein nicht erweiterbares Gut – nämlich Abende – betreffen. Dieses Gut können wir nicht beliebig vermehren. Die Abende, die von uns abgesagt werden, sind unwiederbringlich weg, auch wenn sich der Termin ins nächste Jahr verschiebt.

Takats: Hätte ich 2021 schon voll, dann könnte ich gar nicht mehr verschieben. Das Gesamtvolumen der möglichen Veranstaltungen reduziert sich. Völlig sinnlos wäre es, dass ich Mittwoch und Donnerstag aufmache, denn das Publikum weiß seit acht Jahren, dass es Freitag und Samstag Konzerte gibt. Ausreißer sind Blue Mondays und Matineen am Sonntag.

Wie funktioniert die Ticketrückgabe?
Fischer: Natürlich bestand Interesse daran, dass die Menschen die Tickets behalten, weil jedes Ticket, das verkauft ist, ist verkauft. Das Problem ist nur, dass es Menschen gibt, die jetzt andere Sorgen haben und vielleicht ganz froh sind, wenn sie die 250 Euro für die zwei „Cirque du Soleil“-Karten in der besten Kategorie cash wiederbekommen, weil sie arbeitslos sind. Die gesetzliche Lage war bis jetzt so, dass, wenn der Termin nicht gehalten werden konnte – egal ob abgesagt oder verschoben –, das Ticket zu 100 Prozent zu refundieren ist. Jetzt gibt es eine Gesetzesnovelle, die sowohl Gutscheine als auch Auszahlung vorsieht. Was das Ganze nicht vereinfacht. Problem ist auch, dass die Menschen zu André Rieu, Justin Bieber, Wanda oder Hansi Hinterseer in die Stadthalle gehen, also wollen sie auch von der Stadthalle ihr Geld zurück. Unerheblich, ob Live Nation aus Los Angeles oder CTS Eventim aus Hamburg Veranstalter ist. Da haben wir noch was vor uns, bei dem mit Fingerspitzengefühl zu handeln ist, damit die Leute nicht sagen: „Was sind das für Gfrasta.“

Takats: Da bin ich bei dir. Wir haben auch das Problem, dass die Leute, obwohl sie bei Ö-Ticket gekauft haben, von der Bühne Geld zu bekommen. Anfang April sind wir ziemlich torpediert worden, und ich habe dann schon persönliche Briefe geschrieben, damit die Leute nicht glauben, wir sind die Straßenräuber, die sich das Geld unter den Nagel reißen wollen. Da ist es bei uns persönlicher, der Wolfgang kann nicht 10.000 Leute anrufen, das dauert bis 2023.

Festln wie Hochzeiten und Geburtstagsfeiern sind komplett erledigt.

Neben den Veranstaltungen gibt es ja auch Einmietungen für Feste. Was bedeutet es, dass diese nicht stattfinden können?
Takats: Festln wie Hochzeiten und Geburtstagsfeiern sind komplett erledigt. Das fällt über einen längeren Zeitraum weg, weil die Menschen, die sich für Feiern einmieten wollen, mit unglaublicher Vorsicht herangehen. Einige Anfragen gibt es für Oktober, die Leute fragen „Dürfen wir eh?“ und ich sage „Ich weiß es nicht“. Da fehlt die sichere Kohle im Kastl. Wir stellen die Infrastruktur zur Verfügung und das war es. Ein Hakerl in der Bilanz.

Fischer: Festln klingt so sympathisch. Wir nennen das B2B, etwa Hauptversammlungen und große Firmenfeiern. Die finden natürlich auch nicht statt.

Problem ist auch, dass es derzeit noch keine Richtlinien für kommende Veranstaltungen gibt.
Takats: Die Kulturstaatssekretärin ist nach der Pressekonferenz vor mehreren Wochen ins Nichts verschwunden. Mir steht es nicht zu, sie zu kritisieren, aber sie hat sich wesentliche Kenntnisse für diesen Job noch nicht angeeignet. Das will ich auch gar nicht auf die Lokalpolitik herunterbrechen. Die Entscheidungsträger sind in einem Notstand. Ich kann niemandem vorwerfen, er weiß nichts, weil sie alle nichts wissen. Woher auch? Sie haben genauso wenig Info wie die gesamte Branche.

Fischer: Die Kulturstaatssekretärin hat die Belastung möglicherweise doch als weniger intensiv eingeschätzt. Allerdings muss man sagen, dass in ganz Europa niemand weiß, wie es weitergeht. Das weiß ich, weil ich mit sämtlichen Verantwortlichen der großen Veranstaltungsstätten Europas in Kontakt bin. Es gibt zwei fundamental unterschiedliche Annäherungen. Die einen sagen Planungssicherheit wäre wichtig – mit 1.000, 100 oder zehn Besuchern als Richtlinie könnte man etwas anfangen. Die anderen sind gegenteiliger Meinung, weil man aus dieser Nummer nicht mehr herauskäme, auch wenn die Infektionszahlen bald besonders niedrig sind.

Wenn sie jetzt sagen, es liegt in der Eigenverantwortung des Besuchers und als Veranstalter kann man nicht belangt werden, ich wüsste nicht, was ich tun würde

Viele Fragen sind noch offen. Was würden Sie sich konkret wünschen?
Fischer: Ich hätte ein Problem damit, wenn es jedem Veranstalter überlassen wird. Also: Takats mach wie du es für richtig hältst, Fischer mach, wie es für dich gut ist.

Takats: Ich überlege, mich dann selber aus der Verantwortung zu nehmen und gar nicht aufzusperren.

Fischer: Wenn sie jetzt sagen, es liegt in der Eigenverantwortung des Besuchers und als Veranstalter kann man nicht belangt werden, ich wüsste nicht, was ich tun würde. Die Hälfte rein oder jedem ein Revers unterschreiben lassen? Willst ein zweites Kitzloch sein? Wobei der selber auch nicht viel dafür kann. Aber als Synonym, und das reicht dann. Ich glaube bei aller Kritik, dass sich die Verantwortlichen um die Kultur die wenigsten Gedanken machen, ist es auch schwierig. Denn der gute Tipp, den wir sonst alle parat haben, ist mir jetzt auch noch nicht eingefallen. Außer Massentestungen.

Es stellt sich auch die Frage, ob den Leuten das Risiko, Veranstaltungen zu besuchen, nicht zu groß ist.
Fischer: Bei einem ausverkauften Konzert von 5/8erl in Ehr‘n in der Bühne eng auf eng mit 240 Leuten schwitzend und singend dabei zu sein oder bei mir mit 16.000 Menschen ist dann schon wurscht. Eine Umfrage aus Amerika sagt, dass 40 Prozent der Menschen erst nach der Entwicklung eines Impfstoffes wieder auf Großveranstaltungen gehen wollen.

Takats: Derzeit gehen die Menschen lieber in einen Baumarkt, weil sie zum Beispiel unbedingt ausmalen wollen. Dort gibt es zwar auch ein Ansteckungsrisiko, aber das nehmen die Menschen lieber in Kauf, als eine Veranstaltung zu besuchen.

Wann wird es Ihrer Meinung nach die erste normale Veranstaltung, wie wir sie bisher kannten, geben?
Fischer: Sechs bis acht Monate nach der Zulassung des Impfstoffes. Und wenn man wieder starten kann, dann braucht man auch eine gewisse Vorlaufzeit. Das ist vielleicht bei der Bühne ein bisschen leichter, weil Karl eine gut gefüllte Künstler-Datenbank hat und sich bald Termine mit regionalen Musikern finden lassen. Für mich ist es schwieriger. Bei Lady Gaga anfragen, ob sie vielleicht in zwei Wochen Zeit hätte, weil ein Slot frei ist, wird nicht gehen. Hinzu kommen die Einreise-Problematik für internationale Künstler und die Quarantäne-Verordnungen. Bei einer Tour mit zehn Terminen wären sie dann ein ganzes Jahr unterwegs.

Takats: Möglicherweise 2021. Normale Veranstaltungen wird es erst wieder mit Impfstoff beziehungsweise Medikament geben. Alles andere ist nur mit Reduktion zu machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand nach dieser langen Quarantäne sagt: „Kein Problem macht wieder auf ab Herbst“.

Mit den Füßen auf dem Tisch und dem Bier der Wunschmarke in der Hand Kultur auf dem riesigen Bildschirm zu genießen, ist nicht schlecht

Es gibt jetzt auch viele Streaming-Angebote. Wird sich dadurch das Kultur-Konsum der Menschen nachhaltig verändern?
Fischer: Das ist die Frage, denn derzeit werden die Leute mit Streaming-Angeboten gefüttert bis zum Abwinken. Mit den Füßen auf dem Tisch und dem Bier der Wunschmarke in der Hand Kultur auf dem riesigen Bildschirm zu genießen, ist nicht schlecht. Plötzlich schauen sich das Streaming der Staatsoper zehnmal mehr Leute an als reinpassen. Die Frage ist, ob die Menschen ihr Konsumverhalten wieder ändern oder sich an das Kulturangebot fürs Wohnzimmer gewöhnt haben.

Takats: Ich sehe zwei Gefahren: Einerseits ist es leiwand, weil ich alles auf einen Knopfdruck für einen Pappenstiel bekomme ...

Fischer: Oder um nichts.

Takats: ... oder ich riskiere, dass wegen der Auflagen keiner kommt. Da gibt es kein Rezept, das ist Kaffeesudlesen.

Was fehlt bei diesen Angeboten?
Fischer: Die Crowd-Energy und gemeinsames Erleben sind wesentliche Punkte. Wildfremde Leute wollen sich um den Hals fallen, wenn Conchita „Rise Like a Phoenix“ singt.

Takats: Als Musiker weiß ich, dass ein eigenes Biotop zwischen Publikum und Künstler besteht. Beim Streaming bekommt man kein Feedback. Und die Leute wollen miteinander singen.

Wenn alles lässig ist, wollen alle hautnah beim Künstler sein und sich fotografieren lassen. Jetzt fällt das krisengemäß weg

Wie viel Verlust haben Sie durch die Coronakrise?
Takats: 50.000 bis 60.000 Euro. Die Bühne hat zwar keine Angestellten, die man in Kurzarbeit schicken müsste, aber es hängen finanziell viele Menschen dran. Natürlich die Musiker, Techniker, die Leute von der Reinigungsfirma .... Aber auch die Gastro-Zulieferer. So unbedeutend sind wir nicht. Wenn alles lässig ist, wollen alle hautnah beim Künstler sein und sich fotografieren lassen. Jetzt fällt das krisengemäß weg. Leider sind aber auch bis dato die Unterstützungszusagen eher spärlich. Wir haben seit März noch keinen Cent Subvention erhalten.

Fischer: Bei der Stadthalle ist der Verlust das Hundertfache – nämlich derzeit etwa fünf Millionen Euro. Die 140 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.

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