Nach Flüchtlingskrise 2015: Tätigkeit hat sich geändert. Region Purkersdorf: Psychologische Betreuung ist neben Deutschkursen in Vordergrund gerückt.

Von Nadja Büchler und Birgit Kindler. Erstellt am 09. September 2020 (03:29)
Carola Kahl, Waltraud Fehr, Astrid Wessely, Birte Dalbauer-Stokkebaek, Karin Tschare-Fehr, Brigitte Sonnberger,Bettina Reiter (Vereinspräsidentin Respekt.net) und Eva Novotny bei der Preisverleihung zu „Ort des Respekts“.
Karl Grabherr

Mehrere hundert Flüchtlinge waren bei der Flüchtlingskrise 2015 auch in der Region untergebracht. In Purkersdorf wurden in der Hochphase 60 bis 70 Personen aufgenommen, weiß Marga Schmidl, die sich für die Flüchtlinge einsetzt. „Ich war der Meinung, dass auch in Purkersdorf etwas getan werden sollte und bin auf großes Interesse und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung gestoßen“, erzählt sie. Bei einer Bürgerversammlung gab es Informationen. „Natürlich war auch etwas Skepsis dabei und ein bisschen Angst war schon zu spüren“, meint Schmidl.

„Ich war der Meinung, dass auch in Purkersdorf etwas getan werden sollte und bin auf großes Interesse und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung gestoßen“

Für einigen Unmut sorgte bei den Bürgern das Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Wintergasse. Nachdem ein Jugendlicher aus dem Fenster gestürzt war, wurde das Heim bald geschlossen. „Viele Faktoren sind damals nicht ideal gewesen“, so Schmidl.

Derzeit leben noch cirka 30 Flüchtlinge in Purkersdorf. Weiterhin aktiv ist der Arbeitskreis für Flüchtlinge, auch die Deutschkurse mit Lehrern in Pension werden weiterhin angeboten. Ebenfalls möglich sind Patenschaften.

„Was mich auch freut, ist, dass einige Asylwerber bei der Stadtgemeinde untergebracht wurden und dort mithelfen. Einige sind noch immer am Bauhof tätig“, freut sich Schmidl.

Auch in Gablitz haben sich einige Menschen zusammengefunden, um zu unterstützen. Der Verein „Gablitz hilft“ betreut seit fünf Jahren Flüchtlinge. Anfangs waren es um die 150 Personen, die von den freiwilligen Helfern des Vereins betreut wurden. Die Anzahl der zu Betreuenden hat sich auf etwa 50 Personen verkleinert, aber der Wirkungskreis der Betreuung hat sich vergrößert. Einige der Geflüchteten sind weiter nach Wien oder nach Italien und Frankreich. Viele sind in der Region geblieben, da sie hier bereits vernetzt sind und Freunde haben. Die Initiative aus Gablitz wurde 2018 Landessieger in Niederösterreich als „Ort des Respekts“.

„Art der Begleitung hat sich verändert“

Astrid Wessely ist Obfrau des Vereins, und mit ihr sind noch acht Personen im engsten Vorstand tätig. Weitere 40 Helfer unterstützen Projekte wie das Begegnungscafe, Sprachkurse, Kleiderkammer, Integrationskurse. „Die Art der Begleitung hat sich in den Jahren verändert. Inzwischen begleiten wir viele in den Beruf, in der Depression, in Schubhaft oder sogar im Untergrund in Afghanistan. Wir betreiben vier Wohngemeinschaften und betreuen neben den Jugendliche auch drei Familien mit Asyl“, erzählt Wessely. Flüchtlinge aus Syrien würden Asyl erhalten, die Geflüchteten aus Afghanistan nicht.

„Viele von ihnen haben einen ersten negativen Bescheid erhalten und Einspruch erhoben. Jetzt warten sie immer noch auf die zweite Verhandlung“, so Wessely. Die Menschen dürfen in dieser Zeit nicht arbeiten und ihnen wird langweilig, und vor allem wächst die Angst und mit ihr die Depression. Die psychische Betreuung ist neben den Deutschkursen ein sehr wichtiger Teil der Vereinsarbeit.

„Problematisch ist die lange Wartezeit auf die Asylverfahren“, weiß Erika Kudweis. Sie gründete 2016 den Verein „Patinnen für alle“ und konnte in den letzten vier Jahren 42 Patenschaften für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge gewinnen. Die Paten für die in Purkersdorf und Gablitz untergebrachten Jugendlichen kommen aus allen Gemeinden der Region. Nach der Schließung der beiden Wohnheime wurden manche von ihren Paten zuhause aufgenommen. Anfangs ging es bei den Patenschaften vor allem um gemeinsames Lernen, Freizeitaktivitäten oder Lehrstellensuche. „Mit den ersten negativen Bescheiden ist eine Schwere dazu gekommen, die es vorher nicht gab. Unsere Betreuung hat sich gänzlich verändert. Ich war bei einigen Asyl-Verhandlungen dabei und entsetzt, dass die Jugendlichen ohne Vorbereitung dort hinmüssen. So sind die ‚Workshops gegen die Angst‘ entstanden“, erklärt Kudweis.

Die Workshops erhielten 2020 den Preis der „Sozial Marie“, und mittlerweile werden Multiplikatoren in ganz Österreich ausgebildet.

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