Erstellt am 09. November 2018, 04:43

von Martin Gruber-Dorninger und Renate Hinterndorfer

Erster Weltkrieg: Not dominierte den Alltag. Vor hundert Jahren endeten die Kämpfe. Hunger und Elend waren allgegenwärtig.

Josef Mayer (1882-1977) hat auf dem Neulengbacher Bahnhof dieses Foto von Soldaten gemacht, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs heimwärts strebten.  |  NOEN

Am11. November 1918, also vor genau 100 Jahren, ist der Erste Weltkrieg zu Ende gegangen. Die Zeit war nicht nur geprägt durch Kriegswirren, sondern auch durch massive Hungersnot vor allem in der Millionenstadt Wien. Diese wirkte sich auch auf die umliegenden Gemeinden aus. Die NÖN sprach mit Historikern der Region.

Die Holzsammler aus Wien stürmten den Wienerwald (hier den Bahnhof Unter-Tullnerbach) und brachten das Heizgut mit der Bahn nach Hause.  |  „Das obere Wiental in alten Ansichten“

„Für Österreich endete der Erste Weltkrieg eigentlich schon am 4. November. Damals hat die Armee, darunter auch einige Purkersdorfer, einfach die Sachen gepackt und ist nach Hause gefahren“, erklärt der Purkersdorfer Historiker Christian Matzka. Unter den Kämpfern in Italien befand sich auch Franz Neunteufel, Großvater des Szene-Gastronomen Niki Neunteufel. „Er war sogar Kriegskamerad von Filmschauspieler und Alpinist Luis Trenker“, berichtet Matzka, dessen Großvater Leopold Matzka und Großonkel Alfred Godai ebenfalls im Krieg für Österreich kämpften. „Alle, die nicht rechtzeitig nach Hause fuhren, wurden in Italien gefangen genommen. Den Heimkehrern wurden dann am Wiener Westbahnhof die Waffen abgenommen“, gibt Matzka einen Bericht aus dem Wienerwald Boten wieder.

„Lasset Wien nicht verhungern“

Dieser titelte am 16. November 1918 „Deutschösterreich – Republik“. „Eine Menschenmenge, wie sie Wien in solcher Zahl noch nie gesehen hat, war am Dienstag, 12. November Zeuge der feierlichen Proklamierung der deutsch-österreichischen Republik und der Vereinigung mit dem Deutschen Reich. Ganz Wien jubelte der neuen Regierung zu, die den jungen Staat aus der trüben Gegenwart in eine bessere, lichtreichere Zukunft hinüber führen soll“, heißt es im Kreisblatt für die Gerichtsbezirke Purkersdorf, Liesing und Neulengbach. In der Zeitung kommt aber auch die große Lebensmittelknappheit zur Sprache. „Ernste Ernährungssorgen bedrücken uns. Die Städte Deutsch-Österreichs leiden Mangel an Reh, Fleisch und Fett. Wien hungert.“ Die Landwirte werden aufgefordert, alles aufzubieten „um der städtischen und Industriebevölkerung über die kurze Spanne Zeit hinwegzuhelfen.“ Der Appell lautet: „Landwirte! Lasset eure Volksgenossen in den Städten und Fabriken, lasset Wien nicht verhungern.“

Von der großen Hungersnot in Wien zeugen Bilder. „Darauf sind Kinder mit Blähbäuchen zu sehen, wie man sie heutzutage nur aus Hungerregionen in Entwicklungsländern kennt“, so Matzka. Für die Hungersnot war vor allem eine Unterversorgung verantwortlich. „Diese zeichnete sich schon während des Krieges ab. Als sich jedoch die Kronländer Tschechien sowie Kroatien, Serbien und Slowenien eigenständig erklärten, eskalierte die Situation. Österreich war vollends von der Versorgungslinie abgeschnitten“, erklärt Matzka.

Die Demokratie nahm ihren Anfang

Doch Lebensmittel waren nicht nur in den Städten knapp, auch in den Landgemeinden herrschte Mangel. „Die wirtschaftliche Not dominierte das Alltagsleben“, weiß Marcel Chahrour, Historiker aus Totzenbach. Hamsterer aus Wien kamen aufs Land, um bei Bauern Lebensmittel gegen andere Dinge zu tauschen. Nicht immer blieb es beim Tausch, oft kam es zu Diebstählen und Einbrüchen. „Die Wiener kamen in den Wienerwald und sammelten Holz. Das wurde dann mit der Bahn nach Hause gebracht“, erzählt der Pressbaumer Dieter Halama.

1919 fanden dann erstmals Gemeinderatswahlen mit einem allgemeinen gleichen und freien Wahlrecht für Frauen und Männer statt. Mit der Gründung der Republik wurde auch für die Verwaltung der Gemeinden ein echt demokratisches System eingeführt.