Uschi Niemeczek: "Jeden Tag eine gute Naht". Die Pressbaumerin Uschi Niemeczek schneidert liebend gerne Trachtenkleidung. Das Motto „Gemeinsam den Sonntag in Tracht verbringen“ ist Programm.

Von Nadja Büchler. Erstellt am 04. September 2019 (04:00)
 Nadja Büchler
Der kleine Teich im Garten ist einer von Uschi Niemeczeks Lieblingsplätzen. Hier lässt es sich gut entspannen und das stetige Plätschern des Brunnens hilt dabei. Eine schnelle Abkühlung im Wasser ist auch möglich.

Uschi Niemeczek schneidert für ihr Leben gern. Aber sie mag auch Zahlen. Daher kombiniert sie beide Leidenschaften in ihrem Berufsleben. An zwei Tagen in der Woche arbeitet sie in einer Steuerberatungskanzlei in Wien Hietzing. Die anderen Tage schneidert sie in ihrer Pressbaumer Werkstatt. Von der Beratung bis zur kompletten Anfertigung – bei ihr ist alles möglich. Ihr Herz gehört der Tracht. So ist es nicht verwunderlich, dass sie vom Bürgermeister angesprochen wurde, ob sie ein Pressbaumer Dirndl kreieren möchte.

Nadja Büchler

NÖN: Welchen Ihrer zwei Berufe haben Sie in der Schule erlernt?
Uschi Niemeczek: Die Schneiderei. Ich habe, wie zuvor meine Großmutter und meine Mutter, die Modeschule besucht. Ich war in der höheren Lehranstalt für Mode und Bekleidungstechnik Michelbeuern und habe dort maturiert. Ein Jahr später habe ich meinen jetzigen Mann Robert geheiratet und wir haben uns in Pressbaum ein Haus gekauft. Am Wifi habe ich danach die Ausbildung zur Bilanzbuchhalterin und Personalverrechnerin abgeschlossen.

Wie hat sich Ihr beruflicher Werdegang gestaltet?
Nach der Schule ich habe zwei, drei Jahre in diversen Schneidereien gearbeitet. Danach einige Jahre in einer Steuerberatungskanzlei. In dieser Zeit sind unsere Kinder Sarah und Nikolaus auf die Welt gekommen. Während der ersten Karenzzeit habe ich begonnen, Volkswirtschaft zu studieren. Es war nicht das Ziel, dass ich das Studium komplett abschließe, sondern die Bereiche, die mich besonders interessiert haben, zu erlernen. Nach der zweiten Karenz war ich für sechs Jahre mit der Schneiderei selbstständig. Leider hat das nicht ganz so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt hatte. Danach war ich ein Jahr daheim bei den Kindern. Robert war in der Zeit sehr viel für den Orgelbau unterwegs, und ich wollte mehr Zeit für unsere Kinder haben.

Nadja Büchler
Das Tragen von Tracht erfreut sich auch bei jüngeren Leuten großer Beliebtheit.

Warum haben Sie sich nochmals für den Schritt in die Selbständigkeit entschieden?
Das habe ich einer hartnäckigen Kundin zu verdanken. Sie stand eines Tages vor unserer Tür und wollte nicht gehen, bis ich ihr aufmache. Das war ein Schlüsselerlebnis. Ihr Vertrauen in mich und ihre Beharrlichkeit haben mir den nötigen Anstoß gegeben. So habe ich 2004 erneut das Gewerbe angemeldet und konnte bei uns im Haus eine eigene Schneiderwerkstatt aufmachen. Diese Dame kommt übrigens immer noch zu mir.

Nadja Büchler

Ihr Interesse an der Tracht ist groß und leidenschaftlich. Wie kam es dazu?
Seit meinem 14. Lebensjahr bin ich bei der Volkstanzgruppe Pressbaum. Da hat man zwangsläufig mit der Tracht zu tun. Ich wurde Trachtenreferentin des Vereins. In dieser Funktion habe ich mich darum gekümmert, dass bei einem Auftritt die Kleidung bei allen gepasst hat, oder ich habe die neuen Mitglieder bei der Zusammenstellung der Tracht beraten.

Sie sind die „Erfinderin“ des Pressbaumer Dirndls. Zu welchem Anlass wurden Sie mit dieser Aufgabe betraut?
Bürgermeister Schmidl-Haberleitner hat mich anlässlich der Erhebung Pressbaums zur Stadt angesprochen, ob ich ein Pressbaumer Dirndl entwerfen möchte. Mir war es sehr wichtig, dass ich eine Tracht kreiere, und nicht ein fix-fertiges Modell, das für jung und alt gleich ist.

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Was ist das Besondere an einer Tracht?
Es geht um die Einheit in der Vielfalt, und umgekehrt. Für die Anfertigung des Dirndls gibt es eine Modellbeschreibung. Dabei müssen gewisse Punkte umgesetzt werden. Ansonsten gibt es genug Spielraum, um seine eigenen Wünsche zu integrieren. Tracht ist keine Uniform.

Was gibt es speziell zum Pressbaumer Dirndl zu sagen?
In der Zeit der Entwicklung gab es einen eigenen Arbeitskreis und auch eine enge Zusammenarbeit mit Gexi Tostmann von „Tostmann Trachten“. Die Farbe Grün steht für den Wald und die Wiesen und das Blau steht für den Himmel. Blau und Grün haben zudem viele Farbschattierungen. So sollte jede einen für sie passenden Farbton finden. Mein Anspruch war: das Pressbaumer Dirndl soll allen Frauentypen, jeglichen Alters passen. Das Pressbaumer Dirndl ist in die Trachtenmappe der Volkskultur Niederösterreich aufgenommen worden. Das hat mich sehr gefreut.

Das Dirndl – Alltags- oder Festtagskleidung?
Mit einem Dirndl ist man immer richtig angezogen. Ob zur Hochzeit, beim Einkaufen, einem Begräbnis oder auch im Büro. Ein Dirndl wird anders als jedes Kleid verarbeitet. Da es langlebig ist, soll es einfach und schnell geändert werden können. Daher gibt es beim Dirndl zum Beispiel kein Innenfutter. Ein Dirndl ist eine Art Bausatz. Ist der Rock kaputt, wird ein neuer Rock an den Oberteil genäht oder umgekehrt. Mit unterschiedlichen Schürzen, Blusen oder Accessoires kann man selbst sein einziges Dirndl immer wieder neu kombinieren. Und bei welchem Kleidungsstück sonst treffen Streifen, Blumen und Streumuster aufeinander?

Nadja Büchler

Am 8. September findet wieder in ganz Niederösterreich der Dirndlgwandsonntag statt. Warum wurde diese Veranstaltung ins Leben gerufen?
Es geht um die Stärkung des Individualitätsbewusstseins. In Niederösterreich war es nicht so selbstverständlich, Dirndl beziehungsweise Tracht zu tragen wie in anderen Bundesländern. Das wollte man ändern und fördern.

Wo bekommt man alle notwendigen Informationen zum Pressbaumer Dirndl?
Auf der Gemeinde und bei mir. Für alle, die selbst schneidern möchten: Sämtliche Infos, sowie Stoffe, Schnitte und Knöpfe für das Pressbaum Dirndl erhalten Sie direkt bei mir. Gerne fertige ich auch für Sie ein Pressbaumer Dirndl in Qualitäts-Maßarbeit an.

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