Marianne Walter: „Figl war immer menschlich“. Ehemalige Amtsleiterin von Tullnerbach Marianne Walter verbrachte ihre schönste berufliche Zeit bei Leopold Figl.

Von Monika Närr. Erstellt am 16. Januar 2021 (03:13)
Marianne Walter, die frühere Amtsleiterin der Gemeinde Tullnerbach, wurde in ihren frühen Berufsjahren stark von Leopold Figl geprägt. Drei Jahre lang war sie für sein persönliches Dienst-Tagebuch verantwortlich.
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Alle eingesessenen Tullnerbacher kennen sie: Marianne Walter war 26 Jahre lang, bis 2005, Amtsleiterin der Gemeinde. Vor der Geburt ihrer Tochter Ulrike an arbeitete sie von 1962 bis 1965 im Büro von Landeshauptmann Leopold Figl. Ihre Hauptaufgabe war die Führung seines persönlichen Dienst-Tagebuches.

„Es waren drei schöne Jahre bei ihm in der Landesregierung. Meine Tochter kam zehn Tage vor seinem Tod zur Welt. Wir waren alleine, als er mich mit Tränen in den Augen in den Mutterschutz verabschiedete. Er war sehr gerührt und sehr traurig“, erinnert sich Marianne Walter. Und weiter: „Wir wären alle für ihn durchs Feuer gegangen. Er war ein freundlicher Mensch, hat uns morgens immer die Hand gegeben und persönlich begrüßt. Meine schönste berufliche Zeit verbrachte ich bei ihm“, so die tüchtige, tatkräftige und stets im Sinne des Gemeinwohls hilfsbereite Tullnerbacherin. Von ihm lernte sie auch, als Amtsleiterin immer da zu sein, wenn jemand dringend etwas brauchte, auch samstags oder sonntags.

„Wären für ihn durchs Feuer gegangen“

„Wir hatten nur dienstlichen, aber sehr persönlichen Kontakt. Damals war man in der Kollegenschaft auch noch nicht per Du, unser Umgang war aber amikal. Mich hat seine menschliche Art sehr geprägt, wie er mit allen umging, auf sie zuging und sie behandelte“, erzählt sie mit erinnerungsvollem Glanz in den Augen.

Das hat auch in den politischen Umgang gewirkt, wie Walter weiß: „Das Politische war nicht so hart wie heute; so, dass ein Politiker nur seines durchsetzen will. Das Menschliche stand vor der Politik“, betont die engagierte und sehr jung gebliebene Urgroßmutter im ausführlichen Gespräch mit der NÖN.

„Die Seligsprechung hätte er verdient. Er würde sich darüber freuen.“ Marianne Walter über Leopold Figl

In Figl-Zeiten saß sie neben dem Sekretär, der für dessen Korrespondenz zuständig war. Sie erinnert sich an die zahlreichen Wünsche von historischen Größen aus aller Welt, die zu Weihnachten, Ostern aber vor allem auch zu Figls 60. Geburtstag eintrafen. Wirkten dessen frühere politische Funktionen als Bundeskanzler, Außenminister oder Nationalratspräsident doch stark in seinen Tätigkeitsbereich als Niederösterreichs Landeshauptmann ein.

Eng kooperierte Marianne Walter mit jener Mitarbeiterin, die den Kalender führte und für den Zeitplan zuständig war. „Ich habe dann seinen dienstlichen Tagesablauf auf einer Remington Schreibmaschine mit schönen Typen auf einzelne Blätter geschrieben. Es sah wunderschön aus, wie gedruckt. Aber irren durfte man sich nicht, es gab ja noch keine Korrekturbänder“, berichtet sie von der Arbeitsweise eines anderen Zeitalters. Jahrgangsmäßig wurden diese Jahresbücher dann gebunden. Walter vermutet, dass sie heute im Leopold Figl-Museum in seiner Heimatgemeinde Rust im Tullnerfeld aufbewahrt sein könnten. Nebenbei sammelte sie im vorelektronischen Zeitalter diverse eingelangte Kuverts, auch wegen der Briefmarken aus aller Herren Länder.

"Er setzte sich für alles ein, egal, ob es eine kleine oder große Sache war, wann immer er bei einem Problem helfen konnte.“

Die große Anerkennung, die Leopold Figl bereits in den Jahren vor seinem Tod entgegengebracht wurde, bezog sich nicht nur auf seinen weitläufigen beruflichen und privaten Bekannten- und Freundeskreis, sondern auch auf Freunde, mit denen er sein Schicksal viele Jahre im KZ Dachau teilen musste. „Die Seligsprechung hätte er verdient. Er würde sich darüber freuen. Und ich mich mit ihm. Ich würde sie ihm gönnen“, tut Walter kund, um dann noch weiter ins Detail zu gehen: „Er hätte es sich aufgrund der Arbeit verdient, die er für unser Land geleistet hat. Aber ebenso wegen seiner menschlichen Größe. Er setzte sich für alles ein, egal, ob es eine kleine oder große Sache war, wann immer er bei einem Problem helfen konnte.“ Leicht wehmütig fügt sie dann noch hinzu: „Es war eine andere Zeit, es gab einen ganz anderen Zusammenhalt. Die Menschen tolerierten, was ein Politiker sagte.“

Dann erzählt sie schmunzelnd, wie es war, als ihr Urenkel David in der Volksschule Pressbaum über Figl lernte und erwähnte, wie nah seine Uroma an diesem großen Staatsmann war. David kam, interviewte sie und trug dann mehr davon in eine anschauliche Schulstunde.

„Es war eine andere Zeit, es gab einen ganz anderen Zusammenhalt. Die Menschen tolerierten, was ein Politiker sagte.“

Auch von den gelegentlichen Besuchen seiner Frau und Tochter im Palais in der Wiener Herrengasse, dem damaligen Sitz der Landesregierung, berichtet Walter. „Sein Bruder, der in Rust im Tullnerfeld den elterlichen Bauernhof weiterführte, kam ebenfalls manchmal vorbei“, erinnert sie sich. Und erwähnt abschließend die Bodenständigkeit ihres damaligen Chefs: „Der Bauernbund war immer sein Herzensanliegen. Egal, welche politische Funktion er gerade innehatte.“