Martina Weinberger: Einsatz mit und Hirn. Martina Weinberger gibt Einblick in die Welt des Turnsports – als Mutter und Funktionärin.

Von Nadja Büchler. Erstellt am 12. August 2019 (03:13)

Martina Weinberger engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich Geräte- und Kunstturnen. Eine Sportart, die in Österreich keine große mediale Aufmerksamkeit genießt. Umso stärker ist ihr Antrieb Rahmenbedingungen für die Sportler in Niederösterreich zu verbessern und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Ihre eigene Sportvergangenheit hat beim ATG (Allgemeiner Turnverein Graz) begonnen. Von dort kommt auch Vinzenz Höck, der 2014 mit 18 Jahren erster Junioren-Europameister im Kunstturnen wurde. Ihre Kinder Marie und Martin Wolf sind ebenfalls seit jungen Jahren als Kunstturner aktiv und konnten schon viele sportliche Erfolge vorweisen.

NÖN: Sie stellen einen großen Teil Ihrer Freizeit in den ehrenamtlichen Dienst des Sports. Was treibt Sie an?
Martina Weinberger: Als meine Kinder klein waren, wollten sie sich, wie viele anderen, bewegen und Sport machen. Martin war schon sehr früh ein Bewegungstalent. Er konnte bereits mit drei Jahren am Trampolin einen Salto vorwärts springen. Er hat einige Sportarten ausprobiert und ist letztendlich beim Kunstturnen gelandet. Marie hat ein halbes Jahr später damit begonnen. Ich war bis zu meiner Jugend selbst aktive Kunstturnerin. Ohne dieser Vergangenheit wären wir sicher nicht auf dieses Sportangebot gekommen. Dabei gilt der Turnsport als Wiege sämtlicher Sportarten und ist gerade bei Mädchen die zahlenmäßig größte Sportart Österreichs.

Das Gerät- und Kunstturnen ist in Österreich nicht sehr präsent. Was ist das Reizvolle an diesem Sport?
Der Turnsport ist eine der ältesten olympischen Sportarten und eine der vier, die bei allen Olympischen Spielen vertreten war. Er fördert eine Vielzahl an motorischen und psychischen Fähigkeiten. Es werden Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit aber auch Mut, Willenskraft und Durchhaltevermögen trainiert. Für Erwachsene bietet der Turnsport eine optimale Basis für die Ausübung jeglicher Sportarten.

Sie wenden einen großen Teil Ihrer Freizeit für die ehrenamtlichen Tätigkeiten im NÖFT (Niederösterreichischer Fachverband für Turnen auf) und der Sportunion St. Pölten auf. Woher kommt dieses Engagement?
Ich habe den positiven Einfluss des Kunstturnens am eigenen Leib erfahren und wollte meinen Kindern diese Erfahrungen ermöglichen. Generell bin ich ein Mensch, der etwas bewegen möchte. Es hat nicht lange gedauert und ich fand mich mit dem Wiederaufbau des Leistungszentrums in St. Pölten beauftragt. Das ist genau mein Ding. „Gib mir eine grüne Wiese und ich mache mit Leidenschaft etwas daraus.“ Ich habe in den letzten Jahren viele Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg begleitet. Ihre persönliche Entwicklung mitzuerleben und gemeinsam ihre ersten Erfolge zu feiern und den Stolz auf ihre Leistungen zu erleben, ist ein Geschenk.

Sie werden in der Rolle als Sportfunktionärin von manchen als unbequem und „Wadlbeißer“ bezeichnet. Warum ist das so?
Solange ich Verbesserungspotenzial sehe, gebe ich nicht auf. Mit dieser Einstellung macht man sich nicht nur Freunde.

Mittlerweile haben Sie viele Aufgaben übernommen. Wie schaffen Sie das mit Job und Familie?
Ohne den Rückhalt meines Mannes und der Großfamilie wäre das nicht möglich. Ich bin Betriebswirtin und arbeite 35 Stunden pro Woche bei einer Großbank. Für meine Tätigkeiten im Sport komme ich noch einmal auf rund 30 Stunden in der Woche. In den Wettkampfzeiten kommen noch einige dazu.

Ohne den Rückhalt meines Mannes und der Großfamilie wäre das nicht möglich

Wie stellen sich Ihre verschiedensten Aufgaben für Ihre Kinder dar?
Ich versuche die Rolle als Mutter und Funktionärin sehr genau zu trennen. Es ist vor allem wichtig, daheim nur Mama zu sein. Aber ganz kann man das natürlich nicht ausblenden. Sie sehen aber auch sehr genau, dass man mit Engagement auf gesellschaftspolitischer Ebene etwas erreichen kann und wachsen mit kritischer Aufmerksamkeit und Verantwortungsbewusstsein auf. Ich würde diesen „Job“ aus meiner eigenen Geschichte heraus wohl auch machen, wenn meine Kinder nicht mehr „im System“ wären. Aber natürlich hilft es mir als Mutter, zeitnah zu wissen, was mich erwartet und was ich daheim rundherum organisieren muss.

Mit welchem Alter ist der Einstieg in das Kunstturnen notwendig?
Um auf internationales Niveau zu kommen ist intensives Training bereits im frühen Kindesalter notwendig. Das heißt, man sollte mit fünf Jahren beginnen. Das Training wird spielerisch gestaltet. Mit zehn Jahren ist man schon zu alt um das geforderte Niveau für die Teilnahme an Wettkämpfen zu erreichen. Wer rechtzeitig beginnt, die nötigen Voraussetzungen mitbringt und elterliche Unterstützung bekommt, kann mit der passenden Leistung an Staatsmeisterschaften, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder sogar an Olympischen Spielen teilnehmen. Erfahrungsgemäß scheitert es nicht an den Kindern, sondern leider oft an der Bequemlichkeit der Eltern. Begrifflich versteht man unter Kunstturnen den Leistungssport und unter Gerätturnen den Breitensport. Mit dem Gerätturnen kann man natürlich immer beginnen, auch im Erwachsenenalter.

Wo können sich interessierte Eltern oder Kinder zum Gerät- oder Kunstturnen informieren?
Gerätturnen bieten auch hiesige Vereine an, etwa die Sportunion Tullnerbach oder der ASV Pressbaum. Die Ausbildung zum olympischen Kunstturner kann man in der Sportunion St. Pölten beginnen. Heuer nehmen wir die Jahrgänge 2013 und 2014 auf und bieten dafür vier Trainingseinheiten pro Woche in der Kunstturnhalle in St. Pölten an.