Nach Großbrand in Wolfsgraben: „Überwältigt von Hilfe“. Nach dem verherrenden Brand herrscht große Solidarität in der Gemeinde. Die Betroffenen sind von der Hilfe gerührt.

Von Monika Närr. Erstellt am 11. Dezember 2020 (03:27)
Brandopfer Sabrina und Roman Smetana (vorne) mit Tochter Laura, dahinter Freundin und Ersthelferin Stefanie Sulzer mit deren zweiter Tochter Lena.
Monika Närr

Feuerwehr, Gemeinden, Pfarre, Landwirte, Dienstgeber, Kindergarten, Apotheke, Raiffeisenbank sowie zahlreiche private Spender und Spendensammler sorgten für ein vorgezogenes Weihnachtswunder der Mitmenschlichkeit: Nach dem verheerenden Großbrand in Wolfsgraben, der am ersten Adventwochenende vier Wohnungen zerstörte beziehungsweise unbewohnbar machte, griff ein Rädchen in das andere. Und stellte so nicht nur eine ausreichende Ersthilfe sicher, sondern vor allem auch ein Gefühl des gut aufgehoben Seins für die betroffenen Familien. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist eine Solidaritätsaktion besonderen Formats für den Neustart jener, die plötzlich vor dem Nichts stehen.

Kameradschaft wird bei der Feuerwehr Wolfsgraben auch weit über unmittelbare Einsätze hinaus großgeschrieben: Einige Kameraden nahmen sich vergangene Woche spontan frei, um im Bereich des Brandareals notwendige Erstmaßnahmen zu setzen.
FF Wolfsgraben

„Unsere beiden kleinen Mädchen sind in der schrecklichen Nacht durch die Schreierei munter geworden. Es ist nicht so schön, wenn man runterläuft und sieht, was los ist“, so Roman Smetana, der mit seiner Familie vorübergehend in die Wohnung seiner Mutter nach Tullnerbach ziehen konnte. Und seine Gattin Sabrina fügt hinzu: „Unsere drei Pferde sind Gott sei Dank in einem nicht vom Brand betroffenen Gebäude untergebracht, aber die ganze Heuernte ist verbrannt.“ „Innerlich und äußerlich sind wir erschöpft“, so Roman, „aber dankbar, dass uns alle helfen“, ergänzt Sabrina Smetana.

„Bring` mir sofort die Kinder, bitte.“

Nachbarin und Freundin Stefanie Sulzer rief bei Brandausbruch nur: „Bring` mir sofort die Kinder, bitte.“ Und erzählt der NÖN: „Für mich war das Allerwichtigste, dass die Kinder in Sicherheit sind. Wir sind beste Freunde, meine Kinder sind im gleichen Alter, ich habe alles, was sie brauchen. Es war einfach für mich“, so Sulzer. Ihr Mann Roman Sulzer hat währenddessen tatkräftig bei der Brandbekämpfung geholfen, zeitweise den Bagger gefahren, der die Feuerwehr unterstützte, und war mit seiner Firma in den Folgetagen auch beim Aufbau mit Materialspende und Mithilfe präsent.

Da Heustadel und die Schafstallungen von Eigentümer Karl Starkl, der momentan bei seiner Schwester untergekommen ist, durch das verheerende Feuer vom 29. November bis auf die Grundmauern niedergebrannt sind, haben sich rund 20 Feuerwehrler und andere Helfer arbeitsfrei genommen oder sogar bekommen und Dienstag/Mittwoch einen offenen Stadel winterfest umgebaut. Alle Wolfsgrabener Landwirte bringen bis auf weiteres Futterspenden für die Tiere. Versorgt wurden die helfenden Hände zudem von lokalen Gastronomen. Wirt Oliver Pobatschnig hat die fleißigen Helfer etwa mit einer heißen Suppe versorgt.

Betroffene sofort dienstfrei gestellt

Die Arbeitgeber – Roman Smetana ist Bagger- und Lkw-Fahrer bei der Firma Braunias, die weiters betroffene Sabine Talaber arbeitet seit zweieinhalb Jahren im Gemeindeamt Tullnerbach – stellten die Brandopfer sofort dienstfrei. Kindergarten-Leiterin Regina Mayerhofer informierte die Smetanas umgehend, dass die vierjährige Laura auch in Corona-Zeiten sofort in den Kindergarten kommen könne. Die Apotheke Pressbaum übergab notwendige Arzneiprodukte kostenfrei als Erstversorgung. „Das alles, die Gemeinschaft von helfenden Familien, Freunden, der Feuerwehr aber auch anderen Bewohnern der Region, ist wirklich nicht selbstverständlich“, sind Sabrina Smetana und Sabine Talaber vom Hilfsstrom überwältigt und meinen: „Man kann allen für die Topleistungen und den Einsatz während und nach dem Brandgeschehen nicht oft genug danken.“

Roman Smetana, der seit seinem 10. Lebensjahr selbst bei der Feuerwehr ist und am 1. Dezember seinen 30. Geburtstag hatte, berichtet auch: „Unsere vierjährige Laura redet viel über den Brand und verarbeitet es so, die eineinhalbjährige Lena ruft in der Nacht immer wieder mal nach Mama und Papa und schläft dann erst wieder weiter.“

Der Eigentümer des abgebrannten Anwesens, Karl Starkl, ist dankbar, dass seine Schafe binnen drei Tagen einen winterfesten Ersatzstall erhielten. An dessen Errichtung waren Kameraden der Feuerwehr Wolfsgraben, sowie weitere freiwillige Helfer beteiligt.
FF Wolfsgraben

Sabine Talaber, deren 16-jährige Tochter Nicole in der Brandnacht bei der Betreuung der Smetana-Mädchen mithalf, stellt nüchtern und dennoch tief bewegt fest: „Wir alle haben Gefühlsschwankungen. Ich bin mit Handtasche, Laptop und vier Dokumentenordnern aus der Wohnung gelaufen. Bei mir gibt es nichts mehr. Aber wir sind draußen, und das ist das Einzige, das zählt.“

Ihr 15-jähriger Sohn Kevin lief und rettete die ganze Nacht, was ging. Er meinte „bei uns gibt`s nichts mehr, also helfe ich den anderen.“ „Das war seine Art, mit der Extremsituation umzugehen“, so seine alleinerziehende Mutter, deren Familienauto ebenfalls ausgebrannt ist. „Wir wollen vergessen, neu aufbauen, neu anfangen. Wir haben tolle Nachbarn, eine tolle Umgebung, ich habe einen tollen Arbeitgeber. Wir begegnen überall Herzlichkeit. Es macht vieles leichter, wenn man in so eine Gemeinschaft eingebettet ist“, so Talaber. Eines scheint bei aller Hilfsbereitschaft und Unterstützung aber für alle betroffenen Familien wichtig: Sie werden einen langen Atem für den Wiederaubau brauchen und freuen sich bestimmt, wenn sich die enorme Hilfsbereitschaft etwas aufteilt und auch noch in ein paar Monaten greift.

Der Obmann der Raiffeisenbank Wienerwald, Emmerich Berghofer, überreichte den Familien Smetana und Talaber am Donnerstag Beträge aus dem Nothilfe-Budget, das für Kunden vorgesehen ist. Für die Kinder gab es mit Spielzeug gefüllte Rucksäcke dazu. „Ich bin froh, dass wir schnell und wirksam geholfen haben“, so Berghofer.

„Diese Hilfsbereitschaft quer durch alle Gesellschaftsschichten ist wirklich beeindruckend, jeder kleine Arbeiter hat genau so mitgemacht wie die Gewerbetreibenden."

Auch in Tullnerbach reagierte der Gemeinde-Vorstand unbürokratisch: „Wir haben eine erste Soforthilfe an unsere betroffene Gemeinde-Mitarbeiterin Talaber bereits ausgezahlt“, so Gemeinderätin Elisabeth Barisits. „Diese Hilfsbereitschaft quer durch alle Gesellschaftsschichten ist wirklich beeindruckend, jeder kleine Arbeiter hat genau so mitgemacht wie die Gewerbetreibenden. Und es gab auch Geschäftsleute, die einen Tag durch den Ort fuhren, Spenden sammelten und diese übergaben“, freut sich die sozial engagierte Tullnerbacherin. Und eine ungenannt bleiben wollende Unternehmerin meint dazu: „Man muss jetzt in der Gemeinde und Region stark sein und helfen, wenn man die Möglichkeit hat.“ Da es bis zur Abklärung und Abwicklung mit den Versicherungsträgern dauern kann, wurde seitens der Gemeinde Wolfsgraben ein Spendenkonto für den Erwerb von Hausrat, Kleidung, Schulsachen, elektronischen Geräten und ähnlichen Bedarfsgütern des täglichen Lebens eröffnet: Gemeinde Wolfsgraben - Brandopfer Wolfsgraben, IBAN: AT80 3266 7020 0000 7559 . Der Verein „Vorstadtherzen“ hat etwa bereits seine finanzielle Unterstützung zugesichert.

Für den Neustart der Familie Talaber hat die Pfarr-Caritas Wolfsgraben ebenfalls ein Konto eingerichtet: Pfarr-Caritas Wolfsgraben - Spontanhilfe, IBAN: AT54 3266 7000 0006 9690.