Mehr Natur im Weinglas

Wein aus biologischem Anbau ist in aller Munde. Warum das so ist und was Bio-Wein zum Naturschutz beitragen kann, erklären drei niederösterreichische Weinexperten.

Erstellt am 21. Dezember 2021 | 19:55
Lesezeit: 4 Min

Summende Bienen, die sich über die Weinreben hinweg tummeln. Gräser, die sich im lauen Herbstwind wiegen. Und blühender Klee, der sich der Sonne entgegenstreckt. Die Natur im Gleichgewicht und im Einklang mit der menschlichen Bewirtschaftung. Das ist für den Retzer Weinbauern Matthias Fidesser der Hauptgrund dafür, dass er sein Weingut biologisch führt. „Mir ist wichtig, dass ich eine intakte Natur sehe“, erklärt er. Als sein Vater 1991 auf biologische Bewirtschaftung umstellte, hatte Bio-Wein noch keinen guten Ruf. Doch das habe sich geändert. „Mittlerweile ist Bio sehr anerkannt und im Verkauf sicher ein gutes Argument“, sagt der Retzer.

"Man sollte wieder mit der Natur arbeiten und sie Schützen"
Lucas Auer

Die Entscheidung für diese Art des Anbaus fußt aber nicht in den Verkaufszahlen, sondern im Gedanken an den Umweltschutz. „Man sollte wieder mit der Natur arbeiten und sie schützen“, sagt Lukas Auer, der ein Bio-Weingut in Tattendorf führt.

Die Entwicklung schreitet voran

Franz G. Rosner, Forschender mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der höheren Bundeslehranstalt und Bundesamt für Wein- & Obstbau Klosterneuburg erklärt: „Seit den 80er Jahren beschäftigt sich Europa, stark wirkende Pflanzenschutzmittel zu eliminieren.“ Grund dafür seien ihre negativen Auswirkungen. Laut dem deutschen Umweltbundesamt lassen sie die Pflanzenwelt verarmen, Tieren wird die Nahrungsgrundlage entzogen und Nahrungsmittel werden belastet. Um diesen Problemen entgegenzuwirken, entstand 2009 die EU-Bioverordnung, die heute die gesetzliche Grundlage für den biologischen Weinbau bildet. Sie ist die Basis der ökologischen Lebensmittelproduktion und regelt im Bereich pflanzlicher Lebensmittel, dass Böden fruchtbar gehalten werden, Gewässer sauber bleiben und vielfältige Kulturen wachsen müssen.

Im Gegensatz zum standardisierten Weinbau sind im biologischen Anbau keine synthetischen Dünger und Spritzmittel erlaubt. Hier gilt es auf organische Alternativen auszuweichen. Gedüngt wird beispielsweise mit Leguminosenbegrünung oder Kompost. Beim Pflanzenschutz können Schwefel oder Pflanzenöle sowie Kupfer eingesetzt werden. Möglich ist auch das Arbeiten mit Antagonisten, also harmlosen Pilzen, die die schädlichen verdrängen.

Forschung nach Alternativen braucht Zeit

Häufig kommt beim Pflanzenschutz auch Kupfer zum Einsatz, ohne den eine biologische Bewirtschaftung derzeit nicht möglich ist. Da Kupfer im Boden kumuliert, kann ein hoher Gehalt auch negative Auswirkungen haben. „Die Wissenschaft hinkt beim Kupferersatz nach, aber durch den Rebschutzdienst, der die Winzer laufend informiert, werden nur unbedingt notwendige Maßnahmen gesetzt“, sagt Rosner. Pflanzenschutzmittel hätten aber eine Ablaufzeit und müssten in regelmäßigen Abständen neu anerkannt werden. Das sei bei Kupfer ein Abstand von sieben Jahren. Die Forschung für Alternativen läuft. „Forschung braucht aber seine Zeit. Unter drei Jahren bekommen wir keine repräsentativen Ergebnisse“, erklärt Rosner.

Ein weiteres Problem ist, dass Pflanzenschutzmittel öfter gespritzt werden müssen. „Pflanzliche Mittel dringen nicht in die Pflanze ein, sondern wirken nur an der Oberfläche. Wenn es regnet, muss ich also wieder neuen Pflanzenschutz auftragen“, erklärt Matthias Fidesser. Deshalb spielt hier auch die sachgerechte und ideale Auswahl an Geräten eine wichtige Rolle. „Je öfter Spritzmittel ausgebracht werden, umso größer ist die Gefahr der Bodenverdichtung“ erläutert Rosner das Problem.

Es gibt bereits Ansätze, die sowohl beim Kupfereinsatz als auch bei der Bodenverdichtung Abhilfe schaffen können. „Wir arbeiten jetzt seit ein paar Jahren auch mit PIWI-Sorten. Das sind pilzwiderstandsfähige Sorten, die weniger Arbeit im Weingarten versprechen. Dadurch dass wir ein biologisches Weingut sind, wollen wir natürlich noch weniger spritzen“, sagt Lukas Auer. In Klosterneuburg wird derzeit an solchen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten geforscht. „Wir haben die Sorten Donauriesling, Pinot Nova und Donauveltliner mit amerikanischen Sorten so zurückgekreuzt, dass es selbst in kritischen Jahren nur ein Drittel der ursprünglich benötigten Menge an Spritzmittel gebraucht wird“, meint Rosner. Als Herausforderung sieht er hier die geringe Bekanntheit dieser Sorten bei den Konsument*innen.

Eine nachhaltig zertifizierte Zukunft

Einige Konzepte gehen über die Bewirtschaftsform hinaus. Seit 2015 gibt es in Österreich das Tool „Nachhaltig Austria“, das Weinbaubetriebe mit einem Nachhaltigkeits-Siegel auszeichnet. Grundlage hierfür sind die drei Bereiche Ökologie, Ökonomie und Soziales. „Grundsätzlich geht es bei Nachhaltigkeit darum, nicht auf Kosten der nächsten Generation zu wirtschaften“, sagt Franz G. Rosner. „Ökologische Maßnahmen sind dabei zentral, aber wenn ich Mitarbeiter nicht sozial behandle, wird keiner für mich arbeiten wollen. Wenn ich das aber tue und mein Produkt zu teuer am Markt platziere, werde ich auch nicht erfolgreich sein. Diese drei Bereiche zahnen also ineinander.“

Fragt man Matthias Fidesser, ob in Zukunft mehr Weingärten von summenden Bienen, blühendem Klee und einer Vielfalt an Flora und Fauna profitieren werden, lautet seine Antwort: „Ja, das glaube ich schon.“ Auch Lukas Auer blickt positiv in die Zukunft: „Der biologische Weinbau wird irgendwann die Zukunft sein. Ich glaube, dass das die Normalität werden wird.“

Dieser Beitrag wurde in einer Lehrveranstaltung im Zuge einer Kooperation mit dem Bachelor-Studiengang Medienmanagement an der FH-St. Pölten erstellt.