Bim-Gleise von Wien bis nach Schwechat. Wien überlegt Verlängerung der Straßenbahn nach Rannersdorf. Das größte Fragezeichen ist die Finanzierung.

Von Gerald Burggraf. Erstellt am 10. Juni 2020 (04:55)
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Mit S7, mehreren Buslinien oder dem Anrufsammeltaxi verfügt die Braustadt über ein durchaus umfangreiches Öffi-Netz. Vor allem die Schnellbahnverbindung stößt in den Hauptverkehrszeiten aufgrund des Wachstums in Schwechat und dessen Umlandes sowie – in Nicht-Coronazeiten – des Flughafens an seine Grenzen.

Die Grünen forderten daher bereits im Gemeinderats-Wahlkampf eine Verlängerung der Straßenbahn nach Schwechat. Tatsächlich arbeiten die Wiener Linien derzeit an drei Konzepten für den Ausbau der Bim ins Umland, neben Perchtoldsdorf/Kaltenleutgeben (Bez. Mödling) und Groß-Enzersdorf (Bez. Gänserndorf) auch nach Schwechat. Genauer gesagt mit Endstation in Rannersdorf.

Der Ausbau der Öffis über die (Wiener) Stadtgrenzen hinaus ist unerlässlich.“ Anita Voraberger, Sprecherin der Wiener Verkehrsstadträtin Ulli Sima

Allerdings bezeichnet Wiener Linien-Sprecherin Katharine Hersey die bisherigen Planungen lediglich als „grob und rudimentär“. So habe man eine „grobe Bedarfsanalyse vorgenommen und betrachtet, wo es aus baulicher Sicht sinnvoll und möglich scheint eine Straßenbahnlinie über die Stadtgrenze hinaus zu führen“.

Details wie eine exakte Streckenführung oder die Lage und Anzahl der Stationen gebe es noch nicht. Die reine Bauzeit wird vonseiten der Wiener Linien jedenfalls mit rund einem Jahr geschätzt. Doch ob die Verlängerung überhaupt umsetzbar ist, hängt von der Finanzierung ab. Und hier müssten Stadt Wien, Land NÖ sowie der Bund gemeinsam agieren. Ersten groben Schätzungen zufolge würde das Vorhaben einen „mittleren dreistelligen Millionenbetrag“ kosten.

Die Finanzierung dürfte sich aber nach NÖN-Recherchen einmal mehr als größte Hürde erweisen. Denn sowohl Wiener Linien und das Büro der Wiener Verkehrsstadträtin Ulli Sima auf der einen Seite sowie NÖ Mobilitätslandesrat Ludwig Schleritzko auf der anderen Seite sehen das jeweils Gegenüber am Zug. So meint Wiener Linien-Sprecherin Hersey, dass „Bund und NÖ den maßgeblichen Kostenanteil tragen müssen“.

Die Stellungnahme von Simas Sprecherin Anita Voraberger liest sich ähnlich. Das Ziel der Stadt Wien sei es aber, den Pendlern ein „attraktives Angebot“ zu machen, da diese derzeit noch zu zwei Dritteln mit dem Pkw in die Bundeshauptstadt kommen. „Der Ausbau der Öffis über die Stadtgrenzen hinaus ist daher unerlässlich“, betont sie.

Niederösterreichs Verkehrslandesrat Schleritzko sieht das Wiener Konzept jedenfalls als „wichtigen Schritt in die richtige Richtung“. Denn der Vorschlag die Schnellbahn durch neue Strecken in Wien auszubauen, wären in der Bundeshauptstadt kritisch gesehen worden. „Wenn die Initiative von Ulli Sima nun den Start einer neuen Öffi-Abstimmung zwischen den Ländern bedeutet, begrüßen wir das sehr“, betont Schleritzko.

Busse und S7 eher im Schwechater Fokus

In Bezug auf die Kosten heißt es aus dem Land NÖ, dass nun erst einmal die Stadt Wien in der Pflicht sei, „im Rahmen der Planungsgemeinschaft Ost ihre Pläne auf den Tisch zu legen“. Davor halte man eine Diskussion über Kosten für wenig sinnvoll.

In Schwechat wird der Wiener Vorstoß mit gemischten Gefühlen aufgenommen (siehe Zitate- Box links). Bürgermeisterin Karin Baier (SPÖ) sieht die Sache derzeit noch recht nüchtern, da ihr schlicht die Details fehlen würden. Es habe zwar bereits „kurze Kontakte“ mit der Stadt Wien gegeben und ein ausgedehnteres Gespräch wäre in Aussicht gestellt worden, mehr aber auch nicht.

Ob, und in welcher Form die Stadt Schwechat ihren (finanziellen) Beitrag leisten müsste, sei daher ebenfalls noch völlig unklar. „Wie gesagt, ich kenne bis dato keinerlei Details“, unterstreicht Baier. Grundsätzlich befürworte sie „Adaptierungen im öffentlichen Verkehr“. Ob diese auch möglich sind, darüber müssten sich „Fachleute den Kopf zerbrechen“. Allerdings glaube sie persönlich, dass die Anpassung der Busintervalle sowie ein Fokus auf die Umsetzung der Intervallverkürzung bei der S7 „wesentlich kostengünstiger und leichter zu erreichen wären“.

„Die Straßenbahn bis nach Schwechat zu verlängern, ist schon eine lange Forderung der Grünen. Die Vorteile gegenüber den vorhandenen Buslinien ist enorm. Nicht nur die Pendlerinnen profitieren, auch für die Schwechater Unternehmer sind wirtschaftliche Vorteile zu erwarten. Derzeit zahlt die Stadtgemeinde Schwechat schon für die Buslinie zur U3 nach Simmering, diese Gelder sollen umgeschichtet werden. Eine weitere leistungsstarke Verbindung nach Wien ist neben der S7 ein Muss.“ Simon Jahn, Stadtrat der Grünen

„Schon als die Schwechater Grünen im Vorfeld der Gemeinderatswahl mit der Idee einer Verlängerung der Straßenbahn nach Schwechat für Kopfschütteln gesorgt haben, standen wir dieser Idee mehr als skeptisch gegenüber. Die Straßenbahn ist im dicht besiedelten innerstädtischen Bereich mit kurzen Wegen das richtige Verkehrsmittel, im vorstädtischen Bereich sind die Wege zu lange. Hier sind U- und S-Bahn die richtigen Verkehrsmittel.“ Anton Imre, VP-Stadtparteiobmann

„Wir fordern ja schon seit langem die Verlängerung der U-Bahn. Generell ist aber jede Anbindung an die Öffentlichen Verkehrsmitteln gut für die Region. Aufpassen müssen wir aber bezüglich der Parkplatzsitution. Diese wird sich weiter verschlechtern, das müssen wir im Auge behalten.“ Wolfgang Zistler, FPÖ-Chef

„Die Idee einer Straßenbahnverlängerung ist immer gut, sie kommt aber 20 Jahren zu spät. Das Beste wäre es, die Straßenbahn über Rannersdorf in einer Schleife weiter zum Concorde Business Park und dann wieder zurück nach Wien zu ziehen. Nur nach Rannersdorf wäre halbherzig – kostet Millionen und bringt wenig. Ich glaube nur, dass es ein Wahlslogan wegen der Wien-Wahl ist und verkehrtechnisch nicht umsetzbar sein wird. Aber ich lasse mich gerne eines besseren Belehren.“ Michael Sicha von „Gemeinsam für Schwechat“ (GfS)

„Bei einer Straßenbahn müsste erst der Unterbau komplett erneuert werden – also Wasser, Kanal, Strom etc. –, weil man nicht mehr so leicht aufgraben kann, wenn die Schienen einmal liegen. Das macht das Projekt teuer und zeitaufwendig, darum finde ich den Plan nicht realistisch. Aus meiner Sicht wäre eine Taktverdichtung bei der S7 sinnvoller.“ Christoph Mautner Markhof von den NEOS