Schwechats Rot-Kreuz-Sprecherin Daniela Angetter gewinnt Buchpreis

Erstellt am 26. Januar 2022 | 17:11
Lesezeit: 5 Min
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Seit 20 Jahren ist Daniela Angetter-Pfeiffer beim Roten Kreuz Schwechat. Im Brotberuf Historikerin brachte sie im Vorjahr gleich zwei Bücher auf den Markt.
Foto: Gerald Burggraf
Mit ihrem populär-wissenschaftlichen Buch "Pandemie sei Dank!" setzte sich Daniela Angetter-Pfeiffer beim Wissenschaftsbuch-Preis 2022 durch.
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Dass aus jeder Krise auch gutes entstehen kann, will Daniela Angetter-Pfeiffer mit ihrem Buch "Pandemie sei Dank!" zeigen. Passend dazu kann sich die Medizin-Historikerin und langjährige Schwechater Rot-Kreuz-Sanitäterin über den Gewinn des Wissenschaftsbuch-Preises 2022 in der Kategorie Medizin/Biologie freuen.

In dem im Vorjahr erschienenen und nun prämierten Werk verarbeitete Angetter-Pfeiffer ihre Forschungserkenntnisse zu Seuchen sowie deren positive Folgen aus rund 30 Jahren. "Ich wollte kein Corona-Buch schreiben. Das Ziel war Mut zu machen, dass Pandemien viele Errungenschaften mit sich gebracht haben", so die Historikerin.

Die NÖN sprach mit Daniela Angetter-Pfeiffer über "Pandemie sei Dank!" und auch ihr zweites, ebenfalls im Vorjahr erschienenes, Buch über Österreichische Nobelpreisträger:

Wie kam es zu dem Buch "Pandemie sei Dank!"?

Daniela Angetter-Pfeiffer: Ich beschäftige mich seit meiner Diplomarbeit, die ich 1992 verfasst habe, mit Medizin-Geschichte. Seit 2001 bin ich an der Akademie der Wissenschaften tätig und habe im Laufe der Jahre zu diesem Thema viel geforscht und Texte geschrieben. Das Buch hat sich ergeben. Eine Freundin fragte mich nach dem Aufkommen der Pandemie, ob ich meine Expertisen nicht zusammenfassen will.

Sie legen das Buch aber nicht ausdrücklich mit Bezug zum Coronavirus aus.

Angetter-Pfeiffer: Ich wollte kein Corona-Buch schreiben. Das Ziel war Mut zu machen, dass Pandemien viele Errungenschaften mit sich gebracht haben. Und dass Krisen in historischer Betrachtung auch immer Chancen waren. Man denke an die Wiener Hochquellwasserleitung oder die Tröpferlbäder. Tröpferlbäder waren zum Beispiel für die Arbeiterschicht des späten 19. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit, sich rein zu halten. Aber auch der Aufbau einer Kanalisation nahm durch Pandemien ihren Anfang.

Heute bekannte Maßnahmen wie Lockdowns sind ebenfalls nicht neu, oder?

Angetter-Pfeiffer: Nein, zu Pestzeiten gab es etwa Vorgaben für Unternehmen. So durften Barbiere nur eine bestimmte Anzahl von Kunden in das Geschäft lassen. Oder Gastronomen durften nur über Fenster verkaufen, quasi das erste Take-away.

Wurde auch der Personen- und Warenverkehr reglementiert?

Angetter-Pfeiffer: Es gab viele Hygienekontrollen, zur Zeit der Pest auch an der Grenze zum Osmanischen Reich. Jeder, der die Grenze überqueren wollte, musste 30 Tage in Quarantäne. Es gab ein Lager für Kranke, eines für Verdachtsfälle und eines für Gesunde. Geld musste in Essig getränkt werden.

Gibt es Berichte über sozial-gesellschaftliche Entwicklungen während Epidemien?

Angetter-Pfeiffer: Es war völlig normal, die Felder des Nachbarbauern zu bestellen, wenn dieser an der Pest erkrankt oder verstorben war. Auch Besorgungen wurden füreinander gemacht, das soziale Gefüge so gestärkt. Die Pest, die 1713 das letzte Mal in Wien aufgetreten ist, führte zu einer Vorform der industriellen Revolution, da viele Arbeitskräfte krank oder zu Tode kamen. Auch Corona wird Positives bringen.

Was zum Beispiel?

Angetter-Pfeiffer: Ich denke an die medizinische Entwicklung im Hinblick auf mRNA-Impfstoffe oder auch Homeoffice und Webinare. Ich bin früher auch für Konferenzen an einem Tag hingeflogen und am selben wieder zurück. Jetzt findet es als Webinar statt. Da wird es sicher nachhaltige Einsparungen beim Reise- und Flugverkehr geben. Natürlich wird man bei uns beim Roten Kreuz nie einen Erste-Hilfe-Kurs online machen können, aber Anatomie-Vorträge sind möglich.

Wir würden Sie das heutige Pandemie-Management der Politik bewerten?

Angetter-Pfeiffer: Man hat das Gefühl, dass nicht ideal kommuniziert wird. Es galt jedoch stets unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Das Verhalten der Politik war im Zusammenhang mit Pandemien ambivalent. Maria Theresia etwa war eine Befürworterin der Impfung gegen die Pocken. Sie war nicht nur selbst daran erkrankt, sondern hatte auch ein Kind verloren. Sie sah den Impfstoff aber wegen möglicher Impfreaktionen oder -schäden kritisch.

Die Impfpflicht ist heute ein heiß diskutiertes Thema. War das früher auch so?

Angetter-Pfeiffer: Während des Ersten Weltkrieges gab es eine Impfdiskussion wegen der Cholera und Typhus. Die Kaiserlichen Generäle waren im Zwiespalt. Denn gegen Cholera braucht es eine zweite Impfung und möglicherweise war der Soldat da schon an der Grenze und nicht mehr greifbar. Und bei Typhus kam es zu starken Nebenwirkungen. Letztlich entschied man sich dafür, es war eine hochstrategische Entscheidung. Auch beim Tiroler Volksaufstand um Andreas Hofer gegen Bayern von 1809. In Bayern galt seit 1807 die Impfpflicht gegen die Pocken. Dies wurde auch, aber natürlich nicht nur, als Argument gegen die Besatzungsmacht verwendet. Auch damals gab es Fakenews.

Das Buch „Pandemie sei Dank!“ ist als Wissenschaftsbuch des Jahres in der Rubrik „Medizin/Biologie“ nominiert. Sie haben aber heuer mit „Laureaten und Verlierer“ ein zweites Buch veröffentlicht. Worum geht es darin?

Angetter-Pfeiffer: „Pandemie sei Dank!“ ist populärwissenschaftlich verfasst, „Laureaten und Verlierer“ ein rein wissenschaftliches Buch. Der Untertitel dazu heißt: „Der Nobelpreis und die Hochschulmedizin in Deutschland, Österreich und der Schweiz“. Ich fungiere mit meinem Kollegen Nils Hansson als Herausgeber.

Waren Sie auch als Autorin beteiligt?

Angetter-Pfeiffer: Ja, ich habe zwei der zwölf Artikel verfasst. In einem Text arbeite ich heraus, welche Nobelpreis-Gewinner tatsächlich Österreich zuzuordnen sind. Es sind übrigens 16 Personen, darunter Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner, der Physiker Erwin Schrödinger oder die Schriftstellerin Elfriede Jelinek.

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