Verzweifelter Ruf nach Apotheke. Über 30.000 Unterschriften aus Orten wie Schwadorf gehen ans Ministerium.

Von Susanne Müller. Erstellt am 07. Oktober 2020 (05:56)
Schwadorfs Bürgermeister Jürgen Maschl, Initiativen-Sprecher Markus Lechner, Hausärztin Claudia Ertl und Initiativen-Obfrau Andrea Man mit den gesammelten Unterschriften.
Müller

„Wir hatten etwas, das gut funktioniert hat“, erzählt Schwadorfs praktische Ärztin Claudia Ertl, dass mit dem Wegfall der Hausapotheke „den Menschen ein Stück Lebensqualität“ genommen worden sei.

Seit 2017 beschäftigt das Thema die Gemeinde Schwadorf. Dort hatte Ertl ursprünglich eine Bewilligung aus dem Jahr 1999, in ihrer Ordination eine Hausapotheke zu führen. Bis im benachbarten Enzersdorf eine Apotheke eröffnete. Seither darf sie dies nicht mehr (die NÖN berichtete mehrfach). „Wir haben alles getan, aber keiner der Verantwortlichen hat sich erweichen lassen“, erinnert Ertl an den langen Kampf für den Erhalt ihrer Hausapotheke. Die Folgen seien für die Patienten schwerwiegend. Für Menschen, die krank und nicht mobil sind, ist oft auch der Nachbarort kaum erreichbar. „Die Verantwortlichen sollen sich mal anschauen, was sie angerichtet haben“, sagt Ertl.

Das konsequente Ignorieren der Realität unserer Politiker schreit zum Himmel.“ Claudia Ertl, praktische Ärztin in Schwadorf, die ihre Hausapotheke verloren hat.

Dem pflichtet auch SP-Bürgermeister Jürgen Maschl bei. „Ein wichtiger Stein der Grundversorgung ist hier weggefallen.“

Seither hat sich Schwadorf der Plattform Einarztgemeinden angeschlossen, die dafür kämpft, dass die Sechs-Kilometer-Regelung fällt. Die besagt nämlich, dass ein Arzt nur dann eine Hausapotheke führen darf, wenn die nächste öffentliche Apotheke mehr als sechs Kilometer entfernt ist. „Wir wollen eine Gesetzesänderung anregen“, so Maschl. In den rund 120 betroffenen Gemeinden, denen es wie Schwadorf geht, hat die Initiative, angeführt von Medizinerin Andrea Man aus Pillichsdorf, mittlerweile über 30.000 Unterschriften dafür gesammelt. Sie werden nun ans Gesundheitsministerium geschickt. „Leute sind zum Teil auch aus anderen Dörfern zu uns gekommen, um zu unterschreiben“, berichtet Ertl und fügt verärgert hinzu: „Das konsequente Ignorieren der Realität unserer Politiker schreit zum Himmel.“

Markus Lechner, Rechtsanwalt und Sprecher der Initiative, führt abseits der Mühsal für die Patienten noch einen weiteren Aspekt hinzu, nämlich den des Ärztemangels am Land: „Immer mehr Planstellen können nicht besetzt werden. Das liegt oft auch daran, dass keine Hausapotheke möglich ist.“ Das unterstreicht auch Ortschef Maschl: „Das ist eine Ausdünnung des ländlichen Bereichs. Es ist nicht unsere primäre Aufgabe, Mediziner anzulocken. Und immer mehr Ärzte haben Zweitordinationen, damit sie wirtschaftlich überleben können.“

Tatsächlich ist der wirtschaftliche Aspekt ein nicht zu vernachlässigender. „Es fragt uns keiner: ‚Was bekommt man eigentlich für eine Spritze?‘“ Ertl rechnet aus dem Kassenkatalog vor: 3,17 Euro bekomme ein Arzt etwa für eine Injektion, ganze 8,88 Euro für eine „Ordination“, sprich eine Behandlung eines Patienten. Somit ist die Hausapotheke für die Ärzte freilich auch ein willkommenes Zubrot.

„Es wird schon auch Ärzte geben, die das nur wegen des Einkommens machen.“ Das sei aber für sie nicht der ausschlaggebende Faktor, betont Ertl, wenngleich sie einräumt: Mit Hausapotheke konnte sie gut davon leben. „Jetzt ist es ein fürchterlicher Stress, auch um die Angestellten zu bezahlen. Die guten Zeiten der praktischen Ärzte sind lange vorbei.“ Lechner verweist aber darauf, dass eine Änderung der Honorare angesichts der aktuellen Situation wohl das unrealistischere Ziel sei. „Angemessene Honorare können wir für die nächsten zehn Jahre vergessen.“ Hausapotheken in allen Einarztgemeinden sei hingegen ein Ziel, das lediglich einer Gesetzesänderung bedürfe.

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