Kumpfmüller: "Sport war von klein auf großes Thema". Offiziell geht Gabriele Kumpfmüller erst mit September 2022 in Pension. Dennoch hat sich die bald 61-Jährige schon von Schülern, Eltern und Kollegen der Sport-Mittelschule Schmidgasse in Schwechat verabschiedet.

Von Gerald Burggraf. Erstellt am 21. Juli 2021 (05:34)
Gabriele Kumpfmüller
Gerald Burggraf

Denn ihr bereits länger geplantes Sabbatical-Jahr, eine einjährige Auszeit, hat mit dem heurigen Ferienbeginn gestartet. Damit kehrt die Simmeringerin der Schmidgasse nach beachtlichen 41 Berufsjahren den Rücken. Im Gespräch mit der NÖN lässt die leidenschaftliche Sportlehrerin ihre Zeit in Schwechat Revue passieren.

NÖN: Nach 41 Jahren ist Schluss. Sie kamen mit dem Schuljahr 1980/81 nach Schwechat. Was hat sich während dieser vier Jahrzehnte im Schulalltag geändert?

Gabriele Kumpfmüller: Was sich ganz stark verändert hat, ist der Respekt der Schüler vor den Lehrern. Als ich anfing, war er größer. Sowohl von Schülern als auch Eltern wurden zunehmend neu gewährte Rechte wahrgenommen, die eigenen Pflichten aber weniger. Auch die Leistungsfähigkeit der Schüler hat sich geändert – früher waren Weitsprünge von 3,80 bis 4,20 Meter normal, wenn heute ein Kind über 3,60 Meter springt, haben wir uns schon gefreut.

Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Kumpfmüller: Kinder machen heute weniger Bewegung, sie sitzen mehr – egal ob vor dem Fernseher oder dem Computer. Ich musste daher auch vor etwa zehn Jahren meine Notentafel, durch die die Schulnote im Sportunterricht zusammengekommen sind, ändern. Sonst hätte es kein „Sehr gut“ mehr gegeben. Aber: In vier Jahren kann man viel aufholen.

Was kann die Institution „Schule“ hier beitragen?

Kumpfmüller: Acht Stunden Turnunterricht pro Woche, vor allem in der 1. und 2. Klasse, wäre auf jeden Fall sinnvoll. Bei uns an der Schule war das immer so. In der 3. und 4. Klassen sind es sieben Stunden. Wir haben vor zehn Jahren auf die tägliche Turnstunde umgestellt (ein Jahr später, also 2012, gab es dazu einen richtungsweisenden politischen Vorstoß, Anm.). Seither gibt es in den ersten zwei Klassen drei Doppelstunden und zwei Einzelstunden. In den Einzelstunden kann man die Schüler auch voll belasten – da bietet sich Konditionstraining an. Danach gehen sie zurück in die Klassen.

Das ist in einer Sportschule wie der Schmidgasse ja eher kein Problem. Andere Schulen sind aber nicht auf den Sport-Schwerpunkt samt Aufnahmetest ausgelegt.

Kumpfmüller: Wir haben seit zwei Jahren auch bewegungsorientierte Klassen ohne Aufnahmetest. Hier geht es nicht um Leistung, sondern mehr das Spielerische. Auch hier sieht man die positive Entwicklung bei den Schülern und die Kinder sind dankbar für den Sportunterricht. Die Schule bietet auch die bewegte Pause, wo die Kinder in den großen Pausen um 9.25 Uhr beziehungsweise zu Mittag in den Turnsaal können, um sich auszutoben. Das war während Corona allerdings nicht möglich.

Welche Zielausrichtung braucht es in Schulen im Hinblick auf Sport und Bewegung?

Kumpfmüller: Es braucht eine breite Basis, eine Spezialisierung finde ich unnötig. Bei den 10- bis 14-Jährigen sollte jeder alles machen können. Eine multisportive Ausbildung lässt hohe Spitzen zu. Die Schule soll ein breites Angebot zur Verfügung stellen, die Spezialisierung dann in Vereinen stattfinden.

Apropos: Die Kooperation mit den Vereinen der Spielvereinigung Schwechat (SVS) ist ein zentraler Bestandteil im Konzept der Sport-Mittelschule.

Kumpfmüller: Die Kooperation mit den Vereinen war und ist top. Das gilt auch für die Stadtgemeinde, Schwechat ist eine Sport-Stadt. Die Stadtverantwortlichen wie Vizebürgermeister Christian Habisohn (SPÖ, für die Sportagenden zuständig, Anm.) aber auch Bürgermeisterin Karin Baier (SPÖ) haben immer ein offenes Ohr gehabt.

Sie sind, auch nach eigener Aussage, eine strenge und fordernde Sportlehrerin. Warum dieser Unterrichts-Stil?

Kumpfmüller: Diesen Ruf habe ich mir in meinen ersten zehn Jahren erworben. Im Turnverein, bei dem ich als Kind Mitglied war, hat man mir diese Ordnungsstruktur beigebracht. Damals mussten wir uns zum Beispiel immer der Größe nach aufstellen und es wurde uns gesagt, auf welches Gerät wir nun dürfen. Ich dachte mir, das ist nicht schlecht. Außerdem habe ich den Stil als angenehm empfunden. Ich denke Strenge und Konsequenz ist teils angeboren und teils anerzogen. Bei mir war immer klar: Bis dorthin und nicht weiter.

War das immer so?

Kumpfmüller: Als ich anfing war ich 20 Jahre und von der Statur her zart und klein. Ich hatte damals eine Burschengruppe von 14-Jährigen, das war schon schwierig. Das musste ich streng sein. Ein lustiger Moment war aber, als die Burschen am Unterrichtsende ein Elfmeterschießen machen wollten. Ich habe gesagt: Ich schieße auch einen, bin angetreten und habe verwandelt. Danach war alles ok (schmunzelt).

Wie sind sie 1980 nach Schwechat gekommen?

Kumpfmüller: Am Ende meiner Ausbildung zum Sportlehrer wurde ich gefragt, ob ich dorthin will. Und ich habe ja gesagt. Anfangs hatte ich allerdings keinen Vertrag, weil nicht klar war, ob eine reine Sportlehrerin angestellt werden soll oder nicht. Nach drei Tagen war es aber fix. Der damalige Sportliche Leiter Peter Stuchlik hat sich sehr für mich eingesetzt. Ich hatte dann 41 tolle Jahre und konnte mein Hobby zum Beruf machen. Das Unterrichten hat mir immer sehr viel Spaß gemacht.

Sie waren aber auch 33 Jahre lange als Sportliche Leiterin für die organisatorischen Belange des Sport-Schwerpunkts zuständig.

Kumpfmüller: Genau. Zuständig ist man für alle sportlichen Belange. Zum Beispiel für Fragen wie ‚Welche Wettkämpfe richten wir aus’ oder ‚bei welchen machen wir mit‘ aber auch die Durchführung der Eignungsprüfung und das Organisieren von Sportwochen. Ich habe auch jahrelange bei der Erstellung des Stundenplans mitgewirkt und zuletzt dafür zuständig. Organisieren ist zwar anstrengende und zweiaufwendig, aber es hat mir Spaß gemacht. Und wenn es gut organisiert ist, dann läufts. Als Sportliche Leiterin und Sportlehrerin war ich Perfektionist, privat bin ich das aber gar nicht (lacht).

War Sportlehrer für Sie immer ein Traumberuf?

Kumpfmüller: Sport war von klein auf ein großes Thema. Ich bin als Kind auf jeden Baum geklettert. Mit 10 Jahren bin ich dann einem Turnverein beigetreten, mit 12 habe ich die Vorturnerprüfung absolviert. Nach der Hauptschule hat sich dann auch für mich die Frage gestellt: Was nun? Ich ging in eine Fachschule für Hauswirtschaftslehre, nach einem Jahr wusste ich aber, dass ich Sportlehrerin werden wollte. Mit 17 war ich dann fertig, mein Vater sagte aber „Nein“. Er suchte mir einen Lehrplatz als Apothekenhelferin. Doch dann verunglückte er tödlich und meine Mutter meinte: Werde Sportlehrerin.

Sie sind selbst nach wie vor sehr sportlich. Kamen heute sogar mit Fahrrad aus Simmering zum Interviewtermin.

Kumpfmüller: Ich muss ja etwas tun, sonst tut mir alles weh (lacht). Ich habe früher wettkampfmäßige Badminton gespielt, war bei Welt- und Europameisterschaften dabei. Mit 31 habe ich mir das Kreuzband gerissen und musste dann mit 33 aufhören. Heute spiele ich noch hobbymäßig. Und ich war früher regelmäßig joggen. Nach einer Knie-OP vor fünf Jahren bin ich aber aufs Fahrradfahren umgestiegen. Zum 60er habe ich mir dann ein E-Bike gegönnt. Ich bin auch täglich mit dem Rad in die Schule gefahren, bei jedem Wetter. Radfahren wird mir als Sport bleiben, ebenso regelmäßige ins Fitnesscenter zu gehen. Und ich habe vor einmal pro Woche zu schwimmen.

Welche Sportart begeistert Sie am meisten?

Kumpfmüller: Leichtathletik ist für mich die Königsdisziplin. Wer darin ausgebildet ist, hat für viele Sportarten eine Grundbasis. Leichtathletik hat den größten Anteil im Unterricht ausgemacht. Ich selbst komme ja aus dem Gerätturnen, dort können sich vor allem die 4- bis 10-Jährigen eine gute Grundausbildung holen. Generell muss man aber sagen, dass jeder Spitzensport ungesund ist, jede Bewegung im breitensportlichen Bereich aber sehr gesund. Im Grunde bin ich für viele Sportarten offen, ich habe auch die Europameisterschaft im Fußball intensiv verfolgt. Zuletzt habe ich zudem wieder mehr Skifahren geschaut.