Julia Hörth: Ein Leben mit Long Covid

Panik, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit: Wie die Folgen einer Corona-Erkrankung den Alltag von Skifahrerin Julia Hörth (19) seit einem Jahr auf den Kopf stellen.

Erstellt am 24. November 2021 | 05:23

Julia Hörth atmet schwer. Die Stimme ist zittrig, innere Unruhe keimt auf. Das Gespräch im Elternhaus in Dürnstein dauert nun knapp eine Stunde. Sie kommt ihrer Belastungsgrenze näher. „Selbst wenn ich fernsehe, bin ich anschließend total fertig“, erzählt die frisch gebackene Absolventin der Handelsakademie Waidhofen an der Ybbs, wo sie wegen ihrer sportlichen Leidenschaft landete.

Julia Hörth ist Skifahrerin. Während ihre Kolleginnen im Landeskader des NÖ Skiverbandes aber längst die ersten Pistenkilometer in diesem Winter gesammelt haben, ist für die 19-Jährige an eine Rückkehr auf die zwei Bretter nicht zu denken.

Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob ich mir das alles einbilde. julia Hörth Dürnstein

Hörth hat Long Covid – ein Überbegriff für gesundheitliche Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung, der im Frühjahr dieses Jahres erstmals in den Medien kursierte. Dementsprechend gering ist der Wissensstand. Weder gibt es eine einheitlich definierte Symptomatik noch eine etablierte Behandlungsmethode. Klar ist mittlerweile aber, dass Long Covid ein unterschätztes Phänomen ist. Teile der Forschung gehen davon aus, dass bis zu 15 Prozent aller Corona-Erkrankten von Spätfolgen betroffen sind. Überwiegend einig ist sich die Wissenschaft in der Frage, dass ein Post-Covid-Syndrom vorliegt, wenn zwölf Wochen nach der Ansteckung nach wie vor Beschwerden vorliegen.

Bei Julia Hörth ist es inzwischen ein Jahr

In der schlimmsten Zeit, ab Mitte Februar, litt die 19-Jährige an einer Wortfindungsstörung und kämpfte mit Gedächtnislücken. „Mir sind Alltagssachen einfach nicht mehr eingefallen. Fernbedienung zum Beispiel. Und wenn ich mit meinen Eltern geredet habe, wusste ich nach ein paar Stunden nicht mehr worüber.“ Das Gefühl, körperlich und geistig zu verfallen, löste „totale Panik“ aus: „Alle meine Untersuchungen waren unauffällig. Wenn man eine genaue Diagnose hat, dann weiß man wenigstens genau, woran man ist. Aber Long Covid war ein Begriff, der für mich überhaupt nicht greifbar war. Ich habe mir oft die Frage gestellt, ob ich mir das alles einbilde.“

Völlige Erschöpfung nach kurzen Spaziergängen

Erhalten hat Hörth die Diagnose im Jänner dieses Jahres im Krankenhaus in Lilienfeld. „Ein Monat Sportverbot war damals die Anweisung“, erzählt die Riesentorlauf-Spezialistin. Mit Corona angesteckt hat sich Hörth Ende November 2020 vermutlich im Zuge eines Rennens im italienischen Santa Caterina – ausgerechnet dort, wo sie ein Jahr davor mit einem Sieg und einem dritten Platz in der CIT-Serie des internationalen Skiverbandes FIS ihre bisher größten Erfolge feierte. In Anbetracht der massiven Spätfolgen erwischte die Dürnsteinerin einen milden Verlauf. „Ich bin ungefähr zwei Wochen extrem verkühlt gewesen.“ Ein Krankenhausaufenthalt blieb ihr im Gegensatz zu vielen anderen späteren Betroffenen von Long Covid erspart. Einher ging die Corona-Erkrankung allerdings mit dem Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns. Erst nach Monaten kehrte er wieder zurück. Heute berichtet Hörth von einer veränderten Wahrnehmung: „Schokolade und Brokkoli habe ich früher extrem gerne gehabt. Jetzt mag ich beides nicht mehr.“

Long Covid hat das körperliche und psychische Befinden der 19-Jährigen völlig auf den Kopf gestellt. Das Haus zu verlassen ist eine Herausforderung. Kurze Spaziergänge führen zu völliger Erschöpfung, an Radfahren oder Laufen ist für die einst topfitte Sportlerin nicht zu denken. Atemnot, ein Druckgefühl in der Brust und Schwindelanfälle sind regelmäßige Begleiter. Hinzu kommt erdrückende Müdigkeit. „Wenn ich in der Früh aufstehe, habe ich das Gefühl, dass ich nicht geschlafen habe.“

Die Begleitumstände ihres jetzigen Lebens zehren an Hörths mentalem Wohlbefinden. „Teilweise bin ich da schon in einem tiefen Loch drinnen.“ Ob sie ihr früheres Leistungsvermögen je wieder erlangt, beschäftigt die Dürnsteinerin Tag für Tag. Zu weit nach vorne zu blicken traut sie sich aber ebenso wenig wie Weltcuprennen im Fernsehen zu verfolgen: „Das tut mir in der Seele weh.“

Aufgeben kommt trotzdem nicht in Frage

Nach Wochen in physio- und ergotherapeutischer Behandlung und insgesamt acht Wochen in einem auf Long Covid spezialisierten Reha-Zentrum in Oberösterreich, wo sie auch ihren 19. Geburtstag feierte, versucht Hörth aktuell gemeinsam mit einem Mediziner mit traditionell chinesischem Ansatz den Weg zurück zu einem normalen Leben zu finden. Dass Corona ihre Welt derart auf den Kopf stellt, hätte Hörth nie geahnt. Ihre nüchterne Lehre und Warnung: „Niemand ist davor gefeit.“