Ältester Sportverein im Bezirk Lilienfeld wird 100

Der Schützenverein Lilienfeld wird in einem Rechnungsbuch erstmals 1821 urkundlich erwähnt. Am Freitag wird dies im Festsaal gefeiert.

Claus Stumpfer
Claus Stumpfer Erstellt am 22. September 2021 | 02:49
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Obmann Christian Peter Gruber bereitet die 200-Jahr-Feier am Freitag vor. Und er zielt auch auf das Vereinswappen mit den drei Blümchen. „Da die 3 Lilien im Stadtwappen geschützt sind (Stift Lilienfeld, Anm.) und wir sie daher nicht verwenden durften, wurden sie kurzerhand durch 3 Schneerosen ersetzt. Es wäre aber ein Wunsch, dürften auch wir die 3 Originallilien in unserem Logo verwenden“, sagt Gruber.
Foto: privat und Archiv

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Das Logo des Schützenvereins Lilienfeld
privat und Archiv

Diese Woche gibt es für die Lilienfelder Schützen ein großes Jubiläum zu feiern. Leider verhindert Covid-19 die ganz große Party zum 200-jährigen Bestehen. „Wir hatten rechtzeitig die Weichen gestellt, und uns heuer für die Austragung des NÖ Landesschützentags beworben“, erzählt Obmann Christian Gruber.

Die Vorbereitungen dazu hatten vor einem Jahr begonnen, aber im Frühjahr musste aufgrund der Pandemie, wie schon im Vorjahr, der Landesschützentag abgesagt werden. Die Feier des Vereinsjubiläums wird daher in kleinerem Rahmen am 24. September in Form einer Festsitzung im Festsaal der Stadtgemeinde Lilienfeld stattfinden. Beginn ist um 18 Uhr.

Die Anfänge:

Im Zuge der Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen entstanden in allen Ländern am Kontinent Gemeinschaften, die sich Schützenvereine, Schützengilden, Schützenladen, etc. nannten.

„Ihre Aufgabe sahen diese zunehmend in der Sportausübung und weniger im traditionellen Schutz der Gesellschaft oder der Pflege des Brauchtums“, erklärt Gruber, der selbst die Geschichte des Schützenwesens in Lilienfeld anhand von Urkunden im Archiv des Stifts Lilienfeld, aus dem Vereinsregister und den spärlichen Vereinsunterlagen einigermaßen nachvollziehbar aufgespürt hat.

Das Gründungsjahr des Vorgängers des heutigen Vereins liegt im Jahre 1821, wie ein „Rechnungsbuch bey der Schützenlade zu Lilienfeld“ erkennen lässt, worin die wirtschaftliche Gebarung bis ins Jahr 1864 penibel aufgezeigt wird.

Das langjährige Bemühen um die obrigkeitliche Genehmigung zur Errichtung einer Schießstätte geht aus einem Dokument aus dem Jahre 1835 hervor, aus dem ersichtlich ist, dass der Beschwerde der „Scheibenschützengesellschaft der vereinten Märkte Lilienfeld und Marktl“ stattgegeben wurde. Mit Verordnung der k.k. Hofkanzlei vom 24. Dezember 1834 entschied diese zugunsten der Schützengesellschaft, weil „das Scheibenschießen in der Regel nur an Tagen, wo ohnehin die gewöhnliche Beschäftigung ruht, stattfindet und Leute, die dieser Art von Unterhaltung nachgehen, nicht solche sind, die sich dem Wilddiebstahl ergeben“.

Die erste Schießstätte:

Im Jahre 1838 trat der Verein an Abt Ambros Becziczka (Schöpfer des Stiftsparks) mit der Bitte um Überlassung eines Grundstücks beim Rabenhof im Ausmaß von „beyläufig 5 Klafter breit und 3 Klafter lang für die Schießhütte und 10 Quadratklaftern bei den Schießständen gegen angemessenes Entgelt“ heran (1 Wiener Klafter sind rund 1,9 Meter, Anm. d. Red.). Dem Ersuchen gab die Stiftsherrschaft noch im selben Jahr statt.

Die ersten Statuten:

Im Jahre 1859 wurde die genehmigte Scheibenschützengesellschaft auf neue Grundlagen gestellt. Der damalige Oberschützenmeister Lambert Matzinger konnte unter Vorlage eines Entwurfs der Statuten „pflichtschuldigst“ die „unterthänigste“ Bitte stellen, „die k.k.noe.Statthalterei“ möge den Sportschützen-Verein für die Orte Lilienfeld und Marktl „gnädigst“ bestätigen.

Diese Statuten beinhalten zahlreiche, aus heutiger Sicht kuriose Bestimmungen, ebenso wie die gleichzeitig beschlossene Schützenordnung. Der Mitgliedsbeitrag betrug 1 Gulden 5/10 österreichischer Währung (etwa 20 Euro). Jedes Mitglied musste sich eigenhändig in das Schützenbuch eintragen.

Erster Boom:

Erwähnenswert ist die große Zahl an prominenten Mitgliedern des Vereins damals, wie etwa der Industrielle Berthold Fischer oder Carl Österlein (Bürgermeister von Lilienfeld von 1868-1871). „Viele bekannter Persönlichkeiten wren Teilnehmer diverser Schießveranstaltungen in den folgenden Jahren. Plakate, Ausschreibungen und Schießzettel belegen die rege Vereinstätigkeit dieser Zeit“, erzählt Gruber.

Streit um Pachtvertrag

Von einer eher „sparsamen“ Vereinsgebarung zeugt ein Schreiben des Stifts vom 25. September 1877, in dem sich der Sekretär „erlaubte“, darauf hinzuweisen, dass der Verein bisher — von 1838 bis 1877 — seiner Verpflichtung zur Entrichtung einer Entschädigung nicht nur nicht nachgekommen sei, sondern auch vereinbarungswidrig eine dritte Scheibe aufgestellt habe. Deshalb wurde auf den ehebaldigen Abschluss eines Pachtvertrags gedrängt.

Vermutlich kam es dazu aber nicht, denn in einer Vereinbarung aus dem Jahre 1905 ist zu lesen, dass der Militär-Veteranen-Verein Lilienfeld, der 1876 gegründet wurde, dem Schützenverein die Schießstätte seinerseits verpachtet (Subpacht).

Erste Liquidation:

Im Jahre 1902 gab der Veteranenverein laut Kassabuch 4.138 Kronen für die Errichtung der Schießstätte aus und beteiligte sich der Schützenverein nach obiger Vereinbarung an der Rückzahlung dieses Betrags samt Zinsen bis zur Mitte des 1. Weltkriegs.

Daraus geht eine enge Zusammenarbeit der beiden Vereine, vermutlich durch idente Funktionäre hervor, wie auch der Bericht über die Liquidation des Schützenvereins (und des Militärveteranenvereins) zeigt.

Erster Neustart:

Nach dem Krieg wurde die Vereinstätigkeit wieder aufgenommen, was ein Registerauszug aus dem Jahre 1920 und die Ausschreibung eines Festschießens im Jahr 1922 ersehen lassen.

Meldungen an die Vereinsbehörde belegen das Bestehen des Vereins bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Mit 4. Mai 1939 wurde der Verein aufgelöst und seine Liquidation angeordnet, die Liquidation aber am 27. Oktober 1939 über Antrag des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibeserziehung zurückgenommen, der Verein unter Wahrung seiner Selbstständigkeit freigestellt.

Zweite Liquidation:

Über Anordnung des Alliierten Rats sprach die Sicherheitsdirektion für das Land NÖ 1946 die Auflösung des Schützenvereins Lilienfeld und die Einziehung des Vereinsvermögens aus.

Dazu berichtete der mit der Liquidation beauftragte Stiftsförster Richard Wurz, Zeugwart und Kassier ab 1935, am 7. Juni 1947 an die Vereinsbehörde: „Das Vermögen wurde von Kassier Bosecker, Uhrmacher in Lilienfeld, am 9. August 1945 dem Gemeindeamt Lilienfeld übergeben.“

Zweiter Neustart:

Es dauerte zwanzig Jahre, ehe in der Generalversammlung vom 20. März 1965 der damalige geschäftsführende Oberschützenmeister Friedl Braczek den Schützenverein Lilienfeld zum Rechtsnachfolger des zwangsweise aufgelösten Vorgängervereins erklären konnte. Mit der Errichtung des Schützenhauses am Bahnhofplatz stellten sich bald sportliche Erfolge ein, wie mehrmalige Siege bei den österreichischen Staatsmeisterschaften durch Franz Gessl und Gerhard Wittich.

Ära Gruber:

1990 trat OSM Braczek zurück und seither führt OSM Christian Peter Gruber den Jubiläumsverein. 20 Staats- und österreichische Meistertitel sowie der Ausbau und die Erweiterung der Anlage fallen in seine Ära. Ein Meilenstein war der Zubau zum Schützenhaus 1992/93. „Die Vereinsmitglieder beteiligten sich beim Bau mit 2.400 freiwilligen Arbeitsstunden, denn nur so konnte das Projekt realisiert werden“, erzählt Gruber. Am 19. Juni 1994 wurde das neue Schützenhaus feierlich eröffnet.