Gedenken an einen Spitzenalpinisten. Am Tirolerkogel in Annaberg wurde am Samstag an Kurt Ring erinnert, der vor 50 Jahren bei einer Himalaya-Expedition sein Leben ließ.

Von Claus Stumpfer. Erstellt am 19. November 2019 (01:01)
Gunnar Prokop gedachte an seinen Freund Kurt Ring mit dessen Sohn Gerry und Enkerl Niklas.
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Kurt Ring war Mitglied des Alpenklubs und der Union St. Pölten. „Eigentlich war Kurt Leistungsturner, aber mein Vater Fritz brachte ihn dann in den 1950er Jahren zum Klettern. Rasch wurde er zu einem Pionier und Ausnahme-Extremsportler“, erinnert sich Union-„Gedächtnis“ Ingolf Wöll.

Gedenken am Tirolerkogel in Annaberg, den Kurt Ring so geliebt hat, und an dem auch das Denkmal für ihn steht. Die ÖAV-Jungmannschaft St. Pölten errichtete nach Rings Tod 1969 das Ringkreuz. 
zVg

Beim Alpenklub finden nur die besten Kletterer Österreichs Aufnahme, aus St. Pölten sind das neben Ring noch Hannes und Irene Strohmeyer, Herwig Handler, Hans Schölhammer – (Konrad Holzer, Ingrid Ring, Fritz Wöll, Leopold Ott, Roman Majewsky, Toni Ableidinger, Karl Wagner, Friedl Mikeska alle verstorben). Kurt Ring (1933 – 1969) stand aber über allen.

Sein Traum, an der Erforschung eines Himalayariesen teilzunehmen, wurde ihm jedoch zum Verhängnis. Knapp vor dem Gipfel des damals noch unerstiegenen 7.661 Meter hohen Dhaulagiri IV, riss ihn und fünf Bergkameraden am 10. November 1969 vermutlich eine Lawine in die Tiefe. Das ewige Eis ist seine letzte Ruhestätte.

Anlässlich des 50. Jahrestags der schrecklichen Tragödie gedachte die Sportunion St. Pölten am Samstag am Tirolerkogel in Annaberg bei der Gedenkstätte für Kurt Ring, in Hochachtung und Trauer, ihres verunglückten Mitglieds. Mit dabei war auch sein ehemalige Weggefährte Gunnar Prokop, der damalige Teilnehmer an der Unglücksexpedition am Himalaya, Leo Graf, und Kurts Sohn Gerry, der selbst als Snowboard-Pionier und Ausnahmetalent Legendenstatus genießt. Beim Tod seines Vaters war er gerade einmal vier Jahre alt!

Expeditionsteilnehmer Graf mit 92 Jahren dabei

Herwig Handler hielt die Gedenkrede am Tirolerkogel und Karl Heinz Tschiedl sorgte mit seiner Trompete für den musikalischen Rahmen.

Ganz besonders der Vortrag von Graf, der bei der Unglücksexpedition nicht mit auf den Gipfel gegangen war, sondern im Basislager Kontakt gehalten hatte, konnte sehr interessante Einblicke geben. Inzwischen 92 Jahre alt — zu seinem 90er bestieg er nochmals den Großglockner — schilderte er mit schönen Fotos von den Strapazen der Anreise bis zu den Ereignissen bei der Besteigung. „Speziell für mich war das sehr interessant, da ich erstmals die Geschichten über meinen Opa aus erster Hand erfuhr“, meinte Kurts Enkerl Niklas.

Kurt Ring entdeckte seine Sportleidenschaft während er in den späten 40er- und 50er-Jahren das Realgymnasium St. Pölten besuchte. Sein Lehrer Fritz Wöll animierte ihn zum Turnen, Wandern und Klettern. Mit Hannes Strohmeyer, Ferry Peham und Otto Selzer bildete Kurt Ring bald ein unzertrennliches Kleeblatt. Fritz Wöll formte die drei als Turnlehrer und stark prägender väterlicher Freund zu Vorturnern und Mitgliedern der NÖ Union-Landesriege.

Fritz Wöll stand aber in der Tradition des Turnerbergsteigens und so konnte es nicht ausbleiben, dass manche Sonntage mit Wanderungen und Radtouren verbracht wurden. „Erste Kletter- und Abseilübungen am Hainfelder Kirchenberg steigerten sich zu wundervollen Bergwochen im Gesäuse oder derSilvretta, unter der behutsamen und nie langweiligen Leitung unseres Fritz“, erinnert sich Hannes Strohmeyer. Er und Ring, aber auch Ingrid Hieger (ab 1963 mit Kurt Ring verheiratet), verlagerten schließlich den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten in die Jungmannschaft des österreichischen Alpenvereins, wobei die solide turnerische Ausbildung eine wertvolle psychomotorische Basis darstellte.

Ring wurde zum perfekten Spitzenmann in Fels und Eis, der mit kongenialen Partnern wie Leopold Ott, Herwig Handler oder Franz Lindner, besonders aber mit seiner Seil- und Lebenspartnerin Ingrid, viele der schwierigsten Bergfahrten in den Ost- und Westalpen durchführte (z.B. Große Zinne – Nordwand – Direttissima, Grandes Jorasses – Walkerpfeiler).

Für Gunnar Prokop wurde Kurt Ring selbst zum väterlichen Freund und Mentor. Prokop erzählte bei der Gedenkfeier von seinen Kletteranfängen an der Seite von Ring und vielen gemeinsamen Touren.

Eine besonders nette Idee hatte Gerry Rings Freund Günter „Mosi“ Moser. Er ist sehr viel im Gesäuse unterwegs und interessiert sich für die Geschichte des Bergsteigens in dieser Region. Nach einigen Recherchen machte er einen einstigen Kletterpartner von Kurt Ring ausfindig —Walter Almberger! Mit diesem kletterte Ring in den 50/60er Jahren sehr schwierige Routen in den Alpen. Moser stellte mit Almesberger ein kurzweiliges und amüsanten Videointerview zusammen, bei der er vor allem von einer waghalsigen Besteigungen der Petit-Dru-Westwand im Mount-Blanc-Massiv berichtet.

Almesberger rettete Ring einmal das Leben

Aufgrund der widrigen Verhältnisse (30 bis 40 Zentimeter Neuschnee und vereister Fels), einer der härtesten und schwierigsten Touren, die Almesberger jemals gemacht hat. 1.100 Höhenmeter Wandhöhe, zwei Biwaks, eins sitzend auf einem abschüssigenFelsband, so gut wie kein Essen, und dann ein 20 Meter Sturz von Kurt! „Ein einziger Standhaken hielt, ich habe starke Verbrennungen durch das Seil an Händen und im Genick erlitten, doch die Tour wurde trotzdem erfolgreich gemacht“, schilderte Almesberger.

Es war also alles in allem kein Wunder, dass das St. Pöltner Bergsteiger-Ass schließlich als stellvertretender Leiter bei der Himalaya-Expedition der Wiener ÖAV-Sektion Edelweiß im Jahr 1969 berufen wurde. Ziel war mit dem Dhaulagiri IV in Nepal der damals noch unbestiegene, 47-höchste Berg der Welt. Er stellte sich der Expedition in Form einer Felsbarriere und eines über 6.000 Meter hinausragenden Vorgipfels vor seinem eigentlichen Gipfelgrat den Extremkletterern entgegen. Schon schien das Ärgste überwunden, als die fünf Gipfelbergsteiger und ein Sherpa am 9. November in 6.900 Meter Höhe das letzte Lager (V) errichteten. Doch blieb der abendliche Funkkontakt an diesem Tag das letzte Lebenszeichen des gesamten Teams! Brachte ein Wächtenbruch oder eine Lawine oder ein plötzlicher orkanartiger Windstoß das Ende? Wurde vorher der Gipfel erreicht? Alles Fragen ohne Antworten, die Leo Graf heute noch beschäftigen. Die Nachsuche vor Ort und dann mit Hubschrauber blieb erfolglos und löste das schreckliche Rätsel nicht. Auch bei der durch Funkmeldung abgesicherten Erstbesteigung durch zwei Japaner (1975) wurden keinerlei Hinweise gefunden. Es verschwanden übrigens auch diese beiden Erstbesteiger im Abstieg auf ungeklärte Weise!

Alle Hoffnungen der Angehörigen, darunter Kurts Eltern, seine Gattin und des erst wenige Jahre alten Sohns Gerald („Gerry“), erwiesen sich letztendlich als vergeblich.

Für die auf so unerklärliche Weise Verschollenen fand unter Anwesenheit des damaligen Bundespräsidenten Franz Jonas eine große Trauerfeier am 12. Februar 1970 statt. Die Gemeinde Wien stiftete ein Ehrengrab und für Kurt Ring errichtete die ÖAV-Jungmannschaft St. Pölten auf dem Tirolerkogel bei Annaberg ein Erinnerungsmal.

„Die Erinnerungsfeier anlässlich des 50. Todestages meines Vaters genau dort beim Ringkreuz, war wirklich stimmungsvoll und ein Treffen vieler Freunde und Weggefährten“, freute sich Gerry Ring auch über ein Foto, das im Günter Moser überreichte. „Es wurde vor der Besteigung im Juli 1959 am Biwakplatz aufgenommen und ist das letzte Bild von meinem Vater!“