Michael Weiss und die WM in der Wüste

Erstellt am 06. Mai 2022 | 11:05
Lesezeit: 5 Min
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Foto: APA/EXPA
In St. Georges kämpft der Gumpoldskirchner Ironman Michael Weiss um ein Spitzenergebnis. Kurz vor der Ironman-WM in Utah stand der 41-Jährige der NÖN exklusiv Rede und Antwort.
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3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42,195 Kilometer Laufen: Was vor einem Ironman nicht fehlen darf? "Ein Burrito bei Chipotle. Den esse ich immer, wenn ich den USA bin", erwischte die NÖN Michael Weiss am Donnerstag kurz nach dem Mittagessen. Der Ironman-Profi aus Gumpoldskirchen gönnte sich bei der mexikanisch-amerikanischen Burrito-Kette eine große Portion mit Fleisch, Reis und Bohnen. Die Kohlenhydrat-Speicher werden aufgeladen. Die Energie braucht er 41-Jährige am Samstag ganz sicher, denn um 6.15 Uhr Ortszeit startet die Ironman-WM in St. Georges (Utah). 

Doppelte Premiere am Ort der Premiere

Es ist eine Premiere: Erstmals geht es für die "eisernen Frauen und Männer" außerhalb von Hawaii um WM-Medaillen. Eigentlich hätte es die Titelkämpfe in St. Georges bereits im letzten Herbst geben sollen, doch die Pandemie durchkreuzte den Zeitplan. Nun ist es nach zweieinhalb Jahren ohne WM endlich wieder so weit. Für Weiss ist der Austragungsort kein neues Terrain. Er gewann den allerersten Ironman in St. Georges. Das war 2010 und gleichzeitig Weiss' Premierensieg auf der Langdistanz. 2018 wurde er beim Half-Ironman Dritter. Die Erinnerungen sind also durchwegs positiv.

Doch eine Weltmeisterschaft zu dieser Jahreszeit ist etwas Neues: "Das hat es im Mai noch nie gegeben. Das bricht etwas den Rhythmus, aber ich hatte in der Vergangenheit im Frühjahr immer wieder gute Ergebnisse", ist Weiss optimistisch. Zu den Mitfavoriten zählt er sich nicht. Die Norweger Gustav Iden (zweifacher Half-Ironman-Weltmeister) und Kristian Blummenfelt (Olympiasierger und Weltrekordhalter) sind die Gejagten. 

Trio jagt die Norwegen, Weiss will Top Ten

Dahinter sieht Weiss den Australier Cameron Wurf, der nicht nur Profi-Triathlet ist, sondern auch im Radsport für das Ineos-Team fährt, zuletzt bei Paris-Roubaix am Start war. Außenseiterchancen rechnet der Österreicher US-Boy Sam Long und dem Dänen Daniel Baekkegaard zu. Andere Favoriten wie die beiden Deutschen Jan Frodeno und Patrick Lange fehlen. Weiss will unter die Top Ten: "Das wäre dann auch ziemlich sicher die Quali für die nächste Ironman-WM auf Hawaii im Oktober. Acht Plätze gibt es und ein paar sind schon qualifiziert", rechnet Weiss vor.

Höhentraining war "kein Experiment"

Der einzige Österreicher im Profi-Feld - "Das ist für mich eine Ehre" - wählte bei der Vorbereitung auf den ersten Saison-Höhepunkt einen anderen Zugang als die meisten Konkurrenten. Im Winter verzichtete Weiss auf den für ihn obligatorischen Ausgleichssport, wie Skilanglauf. "Ich war viermal zwei Wochen auf Trainingslager auf den Kanaren, so oft wie überhaupt noch nie", erzählt Weiss, der sich die letzten vier Wochen in Colorado vorbereitete. Dort lebte Weiss acht Jahre lang. Eine unmittelbare Wettkampfvorbereitung in der Höhe von 2.000 bis 3.000 Metern ist nicht lehrbuchmäßig: "Es klingt für viele vielleicht wie ein Experiment. Für mich ist es aber business as usal. Ich habe mich auf die Wettkämpfe in St. Georges immer so vorbereitet und es hat immer gut funktioniert."

Extreme Hitze und trockenes Klima

Der Wettkampfort liegt immerhin auf 800 Metern. Der höchste Punkt der Radstrecke sogar auf 1.450 Metern, ist also mit den Rennen auf Hawaii nicht wirklich zu vergleichen. Die einzige Parallele: Die große Hitze. Bis zu 32 Grad werden am Samstag erwartet. "Hier herrscht Wüsten-Klima. Es ist sehr trocken. Der Hitze-Peak ist erst um 15 oder 16 Uhr", da will Weiss freilich schon im Ziel sein. Vor zweieinhalb Wochen inspizierte er die Strecken. Da hatte es nur fünf Prozent Luftfeuchtigkeit. Nase und Mund trocknen sofort aus. Das wird beim Radfahren und Laufen eine Rolle spielen. Das Schwimmen in den Morgenstunden wird hingegen richtig kühl. "Das Wasser hat 15 Grad. Wir schwimmen mit Neopren." 

Nach Kiefer-OP kam die Familie

Der Rennverlauf sei schwer zu prognostizieren. Weiss rechnet aber damit, dass die starken Radfahrer auf den hügeligen 180 Kilometern (mit 2.300 Höhenmeter) eine Vorentscheidung suchen. Neue Rekorde erwartet der Gumpoldskirchner nicht: "Dafür ist die Strecke zu schwer, meiner Meinung nach." Für die Herausforderung ist der Routinier jedenfalls gewappnet. Der einzige große Rückschlag in der Vorbereitung war eine Backenzahnentzündung unmittelbar nach der Ankunft in den USA vor einem Monat. "Da hatte ich dann sogar eine Kiefer-OP", die Schmerzen sind mittlerweile verklungen. 

Kraft schöpfte Weiss auch aus dem Kurzbesuch seiner Verlobten und seiner beiden kleinen Töchtern: "Insgesamt bin ich sechs Wochen in den USA, das ist für eine junge Familie doch eine lange Zeit", wird die Familie Weiss am Samstag aus der Ferne die Daumen drücken.