Top-10-Ergebnis für Marie Wolf. Top-10-Ergebnis für Marie Wolf bei ihrer Premiere in der höchsten internationalen Wettkampfklasse anlässlich der Staatsmeisterschaften in Egg.

Von Claus Stumpfer. Erstellt am 18. November 2020 (01:21)
Marie Wolf mit ihren Trainern Laurentiu Nistor und Szimonetta Lehota.
Weinberger

Inmitten des November-Lockdowns gingen die 74. österreichischen Meisterschaften im Kunstturnen tatsächlich unter strengen Covid-19-Auflagen als behördlich genehmigte Spitzensportveranstaltung in Egg im Bregenzerwald (Vorarlberg) in Szene. „In diesem so besonderen Jahr bedurfte es einer außerordentlichen Kraftanstrengung, um sich auf dieses nationale Spitzenevent vorzubereiten, denn in NÖ hatte heuer niemand — mit Ausnahme vielleicht der Elite-Nationalkadermitglieder — konkurrenzfähige Trainingsbedingungen und durchgängigen Hallenzugang“, erklärt Martina Weinberger, Koordinatorin im Leistungszentrum (LLZT St. Pölten).

Dennoch gelang es insgesamt fünf Turnern und vier Turnerinnen, den Fokus zu behalten und sich auf diesen Höhepunkt vorzubereiten. Auch die beiden Tullnerbacher Geschwister Marie und Martin Wolf, 16 beziehungsweise 14 Jahre alt, haben sich für dieses nationale Spitzenevent qualifiziert.

„Wir haben de facto mit diesem Wettkampf gar nicht mehr gerechnet und zielen seit September in der Übungsvorbereitung bereits voll auf die kommende Saison ab.“ Guido Zelaya, Cheftrainer des LLZT St. Pölten, sah die Staatsmeisterschaften heuer nur als sehr gutes Training

Für Martin Wolf wurde dieser Wettkampf zum Testevent, befindet er sich nach dem BORGL/SLZ-Eintritt im September aktuell mit LLZT-Cheftrainger Guido Zelaya doch noch in einer längerfristig angelegten Übergangsphase, in der eine Reihe von neuen Kürelementenerarbeitet wird. Für diesen Wettkampf wurde beschlossen, aufs Ganze zu gehen und teils noch nicht wettkampfreife, frisch erlernte Elemente zu zeigen. „Es war daher erwartbar, dass einzelne Geräte nicht durchgingen“, sagt Martin. Leider passierten die Missgeschicke dann aber gerade bei jenen, an denen er seine Stärken hätte voll ausspielen wollen.

Nach seiner Knieverletzung im Sommer hatte er insbesondere am Boden und Sprung „aufmagaziniert“. Ein Finaleinzug war an beiden Geräten erhofft worden, allerdings verhinderten Stürze (u. a. beim Doppelsalto am Boden), vergessene Kürteile (Abzug 4,0 Punkte) und noch nicht vollständig austrainierte neue Elemente (Ausführungsfehler) einen besseren Gesamtscore. „Wir haben de facto mit diesem Wettkampf gar nicht mehr gerechnet und zielen seit September in der Übungsvorbereitung bereits voll auf die kommende Saison ab“, betont Zelaya, sieht in diesem Wettkampf aber einen wichtigen Motivationsschub. Gemeinsam bereitet er mit mit einem „Katchev“ gerade das erste Flugelement am Reck mit Martin vor.

„So viele Mädchen und Talente habe ich auf meinem Weg aufgeben sehen, das erfüllt mich schon mit Stolz jetzt hier zu stehen“

Martins Schwester Marie Wolf musste sich erstmals und quasi „blank“ seit über einem Jahr ohne Wettkampf (zuletzt in Malta im November 2019) als frisch gebackene Elite-Turnerin einer gefühlt übermächtigen Konkurrenz stellen, insbesondere da Nationalteammitglieder heuer als einzige durchgängig offene Trainingshallen vorfanden, was ihr verwehrt geblieben war. „Dementsprechend niedrig war meine eigene Erwartung an diesen Wettkampf“, meinte die junge BORGL/SLZ-Athletin, die es nach zehn Jahren Ausbildung doch tatsächlich geschafft hat, die internationale Eliteklasse erreicht zu haben. „So viele Mädchen und Talente habe ich auf meinem Weg aufgeben sehen, das erfüllt mich schon mit Stolz jetzt hier zu stehen“, verriet sie noch kurz vor ihrem Wettkampfdebüt.

LLZT-Cheftrainer Guido Zelaya (hinten) mit seinen Jungs Martin Wolf, Bruno Baccolini sowie dem erst 12-jährigen Toptalent Jeremy Balazc (v. l.).
Weinberger

Trotz niedriger Erwartungen konnte Marie speziell am Sprung mit einem Tsukahara und Yurtchenko über sich hinauswachsen und ein Top-10-Ergebnis (9.) für NÖ nach Hause bringen. Der erste Sprung reüssierte sogar punktegleich — sowohl vom Schwierigkeitswert als auch in puncto Ausführung — mit jenem von Olympiateilnehmerin Hämmerle. Leider folgte beim zweiten Sprung ein Sturz, sodass der finalrelevante Durchschnittswert der beiden Sprünge hinter wesentlich einfacheren Sprüngen der Konkurrenz landete. „Zusätzlich wurde die internationale Regel, nur zwei Athleten desselben Landesverbands ins Finale zu entsenden, nicht angewandt“, erzählt Weinberger. Aber das Motto „Hätti (einfacher und sicher geturnt), wari (im Finale)“, lässt Maries Trainerin Sissy Lehota ohnehin nicht gelten. „Natürlich wäre es schön gewesen, so zu einer Medaille zu kommen, aber Marie ist noch jung und will ja auch irgendwann an die Spitze aufschließen, da sind höherwertige Elemente Voraussetzung.“ Und daran arbeiten die beiden auch schon intensiv. Als nächstes soll der Doppelsalto am Boden folgen, den Bruder Martin bereits in seiner Kür hat. „Trainer Laurentiu Nistor von der Sportunion St. Pölten wird gemeinsam mit LLZT-Trainerin Lehota dafür sorgen, dass auch hier der Weg weiter geht“, ist Weinberger überzeugt.