Johann Gartner: „Teamchef-Profil gibt’s seit Dezember“

Erstellt am 06. April 2022 | 05:51
Lesezeit: 7 Min
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Wenn ein neuer Teamchef für die Fußball-Nationalmannschaft gesucht wird, rückt das ÖFB-Präsidium in den Mittelpunkt. Der Ziersdorfer Johann Gartner gehört diesem als NÖFV-Präsident an. Er spielt die Macht dieses Gremiums herunter.
Foto: Wallner
Johann Gartner sitzt als NÖ-Fußballverbandspräsident auch im Präsidium des ÖFB. Bei der Auswahl des neuen Teamchefs hat das Funktionärsgremium das letzte Wort. Was der Foda-Nachfolger können soll, sei intern seit Monaten klar. Jetzt sieht der Ziersdorfer ÖFB-Sportdirektor Peter Schöttel am Zug.
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Viele meinen, die ÖFB-Struktur gehöre reformiert. Die „Amateur-Präsidenten“ der Landesverbände, die den Kern des ÖFB-Präsidiums bilden, hätten zu viel Macht. Ist das so?
Johann Gartner: Ich habe dazu einen klaren Zugang. Wir wurden in Ämter gewählt, die definierte Aufgaben mit sich bringen, und wir tragen für gewisse Dinge dadurch eben die Verantwortung. In diesen Funktionen arbeiten und handeln wir nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne des österreichischen Fußballs.

Wo liegt denn in der Teamchef-Frage die Aufgabe, wo die Verantwortung?
Gartner: Das Präsidium trägt die Verantwortung für den Bereich der Finanzen. Die Aufgabe „Teamchefsuche“ haben wir aber an Sportdirektor Peter Schöttel delegiert. Es liegt zu 100 Prozent in seinem Aufgabenbereich. Hier wird professionell gearbeitet. Bereits im Dezember hat uns Peter Schöttel ein Anforderungsprofil für den künftigen Teamchef vorgelegt, welches wir akzeptiert haben. Nun ist es seine Aufgabe, den Trainermarkt zu sondieren, Gespräche zu führen und uns dann eine klare Empfehlung zu präsentieren, wer neuer Teamchef werden soll.

Die das Präsidium dann so akzeptieren würde?
Gartner: Durchaus. Peter Schöttel ist im ÖFB der Experte für diese Thematik, seine Meinung hat daher großes Gewicht bei der Entscheidungsfindung.

Schöttel hat uns im Dezember ein Anforderungsprofil für den künftigen Teamchef vorgelegt, das wir so akzeptiert haben. Johann Gartner

Sie nannten den ehemaligen ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner einst einen „Oberlehrer“ und meinten, dass sich Nachfolger Schöttel wenigstens „was einreden“ ließe. Stehen Sie zu dieser Aussage?
Gartner: Diese Formulierung würde ich heute nicht mehr wählen. Dazu, was ich damals aber eigentlich gemeint habe, stehe ich inhaltlich nach wie vor.

Wie meinten Sie es?
Gartner: Willi Ruttensteiner kann man fachlich nichts vorwerfen. Er hat einen tollen Job gemacht. Aber es geht immer auch um emotionale Fähigkeiten wie beispielsweise Führungsqualitäten und Kommunikation. In einem Unternehmen mit wirtschaftlich abhängigen Mitarbeitern kann man – theoretisch – anders kommunizieren als mit ehrenamtlichen Mitarbeitern und Funktionären eines Verbandes. Im ÖFB und den Landesverbänden gibt es eben – Gott sei Dank – viele solcher Ehrenamtlichen. Diese sind für den Verbandsbetrieb essenziell. Und diese Menschen muss man auch sprachlich anders abholen, motivieren und begeistern. Wenn man das nicht schafft, steht man irgendwann allein auf weiter Flur. Peter Schöttel ist aus meiner Sicht einfach geschickter in der Kommunikation, und das ist gut und wichtig.

Sie betonen sehr oft die Wichtigkeit der Finanzen beim größten Sportverband des Landes. Die Zuschauerzahlen bei Länderspielen waren – nicht nur aufgrund der Corona-Einschränkungen – zuletzt erschütternd. Foda hat mit seinem Team das Stadion praktisch leer gespielt. Warum hat man da so lange zugesehen?
Gartner: Primär gab es sportliche Ziele, die bis zum Wales-Spiel auch erreichbar gewesen wären. Zum Finanziellen kann man klar sagen: Ja, für den Verband ist es wichtig, dass das Nationalteam wieder eine Euphorie im Land entfacht und die Menschen wieder vermehrt ins Stadion kommen. Lassen Sie mich dazu noch einen weiteren Aspekt erwähnen: Wir haben mit dem Trainingszentrum in Aspern ein großes ÖFB-Projekt am Start. Deshalb wird es umso wichtiger sein, dass wir gut wirtschaften. In letzter Konsequenz hängt es nämlich an den Rahmenbedingungen, wenn wir über das Thema Teamchefsuche sprechen.

Wie sind da denn die Rahmenbedingungen?
Gartner: Ein großes Thema ist anscheinend für viele Menschen, wie viel der Teamchef verdienen darf und soll. Erst unlängst hat mir ein Fußballbegeisterter erzählt, er hielte 12.000 Euro für angemessen. Da habe ich ihn gefragt: Was meinst du? Am Tag? In der Woche? Im Monat? Im Jahr? (lacht).

Themenwechsel: Der Niederösterreichische Fußballverband ist bekanntlich Betreiber der Akademie in St. Pölten. Der ortsansässige Bundesligist SKN St. Pölten kooperierte bisweilen (Anm. so wie es die Bundesligakriterien verlangen) mit dieser Akademie. Jetzt preschte der SKN mit der Ankündigung vor, sich um eine eigene Akademie-Lizenz zu bewerben. Ihre Meinung dazu?
Gartner: Ich verstehe diesen Schritt nicht ganz. Denn es wirkt ein wenig kurios, wenn man sich um etwas bewirbt, das es noch gar nicht gibt. Außerdem bleiben viele offene Fragen: Wo wollen sie diese Akademie örtlich betreiben? Mit welcher Infrastruktur? Mit welcher Schule will man kooperieren? Die genaue Motivation zu diesem Schritt müssen Sie aber beim SKN erfragen.

Es ist davon auszugehen, dass der SKN – möglicherweise mit Partnerverein Wolfsburg und Sponsor VW im Hintergrund – im Falle des Aufstieges selbst eine Akademie betreiben möchte. Sind zwei Akademien in St. Pölten denkbar?
Gartner: Für mich nicht. Ich sehe auch keine Notwendigkeit dafür. Wenn man es historisch betrachtet, sieht man, dass der Niederösterreichische Fußballverband die Akademie damals vom Verein übernommen hat, weil dieser in Konkurs gegangen ist. Und das war gut so. Nur wollen wir dieselbe Situation nicht in ein paar Jahren wieder erleben.

Das heißt, grundsätzlich wären Sie schon dazu bereit, mit dem SKN in Gespräche bezüglich einer Übernahme zu gehen?
Gartner: Für sinnvolle Gespräche auf Augenhöhe sind wir immer bereit. Der SKN sollte aber zuerst präsentieren, was er genau geplant hat, welche faktische Substanz dahintersteckt und ob das Interesse einer Übernahme auch dauerhaft bestehen würde. Wir haben hier nämlich eine langfristige Verantwortung. Es geht einerseits um das Wohl des österreichischen Fußballs, aber andererseits auch um die Menschen, die es direkt betrifft. Es geht um die Mitarbeiter der Akademie, um die Talente, die Kinder und deren Eltern. Alle müssen hier Planungssicherheit haben und wissen, woran sie sind. Als Betreiber haben wir eine große Verantwortung, der wir uns sehr bewusst sind. Deshalb möchte ich an dieser Stelle ganz klar festhalten, dass es derzeit seitens des NÖFV keine Überlegungen gibt, die erfolgreiche AKA St. Pölten NÖ abzugeben.

Seit einer Woche wird in Niederösterreich wieder flächendeckend Fußball gespielt. Trotz der hohen Infektionszahlen litt die Meisterschaft nur marginal. Hat sich der Fußball mit Corona arrangiert?
Gartner: Zuerst möchte ich mich bei den Vereinen bedanken und den engagierten Funktionärinnen und Funktionären ein ganz dickes Lob aussprechen. Dass in Anbetracht der aktuellen Coronazahlen nur so wenige Vereine von ihrem Absagerecht Gebrauch machen, beweist uns, dass es vielen nicht nur darum geht, sich da oder dort einen kleinen sportlichen Vorteil zu sichern. Die Menschen haben den Fußball vermisst und gehen wieder gerne auf den Fußballplatz. So soll es sein. Viele vergessen oft, welchen gesellschaftlichen Stellenwert der Amateurfußball gerade in der ländlichen Gegend hat.

War’s das für den Fußball dann mit Corona? Ist das Gröbste überstanden?
Gartner: Wenn wir eines in den vergangenen Monaten gelernt haben, dann die Tatsache, dass keine Prognosen möglich sind. Deshalb antworte ich mit Überzeugung und ohne schlechtes Gewissen auf diese Frage: Ich weiß es nicht! Ich bin hier auch selbstkritisch und sage, dass wir vonseiten des Verbandes im Laufe der Pandemie vielleicht öfter so reagieren hätten sollen. Wir hatten auf gewisse Fragen nicht immer Antworten, weil wir von Entscheidungen aus den Ministerien abhängig waren. Da wurde manchmal zu schnell oder auch gar nicht kommuniziert. Wichtig ist, dass wir aus unseren Fehlern lernen und so Tag für Tag in der Arbeit für unseren geliebten Fußball besser werden.