50 Jahre Prokop-Weltrekord. Verena Preiner und Ivona Dadic gehört im Siebenkampf die Gegenwart, Liese Prokop die Vergangenheit: 1969 stellte sie einen Weltrekord im Fünfkampf auf.

Von Bernhard Schiesser. Erstellt am 05. November 2019 (02:20)
zVg/Gunnar Prokop
Weltrekord! Liese Prokop freute sich im Oktober 1969 über ihre Bestmarke im Fünfkampf. 50 Jahre später können sich ihre Leistungen immer noch sehen lassen.

Ein junger Sportstudent beobachtete Anfang der 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts eine junge Frau auf der Sportanlage in der Wiener Sensengasse dabei, wie sie barfuß weitsprang. Sie hieß Liese Sykora, er Gunnar Prokop.

Und er war fasziniert vom sportlichen Talent – und womöglich auch von anderen Dingen – der gebürtigen Tullnerin, die in Wien Leibesübungen studierte. Prokop schickte einen Freund vor. „Sagst ihr, wenn sie nicht bei uns in St. Pölten im Leichtathletik-Verein anfängt, dann fällt sie bei der nächsten Prüfung durch. Dafür sorge ich“, erinnert sich der heute 79-Jährige an das Kennenlernen. „Aber keine Sorge. Das hätte ich natürlich nicht gemacht. Aber meine kleine Drohung hatte Erfolg“, lacht Prokop.

„16,01 mit der Kugel. Da kommt heutzutage keine in die Nähe.“ Gunnar Prokop über den Rekord seiner Frau Liese im Kugelstoßen

Gunnar wurde Lieses Trainer und 1965 ihr Ehemann. Ende der 60er-Jahre sollte die sportliche Partnerschaft ihre Höhepunkte erfahren: Studentenweltmeisterin im Fünfkampf 1967, Olympia-Silber im Fünfkampf 1968. Das Jahr darauf sollte überhaupt das Jahr der Liese Prokop werden. Im August knackte sie bei einem Meeting in Leoben den Weltrekord und verbesserte ihre Marke im Oktober in der Südstadt noch einmal auf 5.352 Punkte. „Diese Marke wurde nie mehr gebrochen“, ist Gunnar 50 Jahre danach stolz. Das lag freilich vornehmlich daran, dass der Mehrkampf einige Jahre danach als Siebenkampf ausgetragen wurde. Die Disziplinen Speerwurf und 800-Meter-Lauf kamen dazu.

Der Hürdensprint, der Weitsprung, das Kugelstoßen, der Hochsprung und der 200-Meter-Lauf blieben aber gleich. Und die Bestmarken von Liese Prokop wären auch in der Gegenwart absolut top. Vor allem im Kugelstoßen und Weitsprung beißen sich Österreichs aktuelle Weltklasse-Athletinnen Verena Preiner und Ivona Dadic die Zähne aus. „Ihre persönliche Bestmarke mit der Kugel lag sogar bei 16,01 Meter. Da kommt heutzutage keine in die Nähe“, ist Gunnar Prokop stolz.

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Gunnar Prokop führte seine Frau vor 50 Jahren zum Weltrekord.

Noch im selben Jahr wechselte Liese Prokop in die Politik, war erst Landtagsabgeordnete, ab 1981 Landesrätin, ab 1992 Landeshauptmann-Stellvertreterin und ab 2004 Innenministerin. Am Silvestertag 2006 starb sie unerwartet an einem Aortenaneurysma.

Gunnar wechselte nach der Leichtathletik zum Handball und führte den Klub Hypo Niederösterreich als Trainer und Manager zu acht Europacup-Titeln. Sein Herz gehört aber nach wie vor der Leichtathletik. Die Entwicklung von Preiner und Dadic beobachtet er intensiv und mit großer Freude: „Im Mehrkampf braucht’s Geduld und Trainingsjahre. Beide sind noch jung. Ihnen steht die Welt offen“, glaubt Prokop, dass Preiner und Dadic bei den nächsten Großveranstaltungen Medaillen für Österreich holen können.

Doch Prokop wäre nicht Prokop, hätte er nicht irgendetwas zu bemängeln: „Bei beiden ist im Kugelstoßen, Weitsprung und auch im Hochsprung noch viel, viel Luft nach oben.“

Warum die Leichtathletik aktuell derart boomt, erklärt sich Prokop so: „Weil es wie im Fall von Ivona Dadic in St. Pölten eine funktionierende Zelle gibt.“ Alles, was in Österreichs Sport erfolgreich war und ist, folge laut Prokop einem einfachen Muster: „Der österreichische Sport und seine Organisationen bringen gar nichts zusammen. Erfolge hat es immer dort gegeben, wo sich um positiv verrückte Spinner kleine Zellen gebildet haben.“ Beispiele, Herr Prokop? „Das war bei Thomas Muster so. Das war bei Hermann Maier so, das war bei Marcel Hirscher so und das ist aktuell bei Dominic Thiem so! Sind das genug Beispiele? Mir würden nämlich noch mehr einfallen.“

Auch Gunnar Prokop war einer dieser „Spinner“. Und das ist er noch. Vor zwei Jahren brach er sich beim Skifahren beide Beine. Mittlerweile ist er wieder topfit, beinahe täglich mit Rennrad oder Mountainbike unterwegs. Auf die Frage „Geht’s Ihnen gut?“, gibt’s eine typische Prokop-Antwort: „Nein, nicht gut ... mir geht’s hervorragend!“