Interview mit Peter McDonald: „Wir sind Leister“. Die Sportunion feierte am 2. Mai 75. Geburtstag. Präsident Peter McDonald sieht den Dachverband in der Krise wichtiger denn je. Für den Sport fordert er mehr Stellenwert.

Von Bernhard Schiesser. Erstellt am 06. Mai 2020 (05:38)
Die Politik verkennt wichtige Themen, meint Union-Präsident McDonald.
Sportunion

NÖN: 75 Jahre Sportunion – 921.000 Mitglieder, 4.370 Vereine (Anm. Stand 2019). Erfolgsgeschichte oder einfach eine über Jahrzehnte gelebte Institution?

Peter McDonald: Mir nötigt das Respekt ab. Vor 75 Jahren haben Menschen in einer schwierigen Zeit den Weitblick gehabt, einen Vereinsverband zu gründen. Gerade jetzt in der Coronakrise merkt man die Wichtigkeit der Dachverbände. Wir sind die ersten Ansprechpartner für insgesamt 15.000 Sportvereine in Österreich. Und wir wollen 100 Prozent der Vereine durch diese Krise bringen und keinen Verein verlieren.

Läuft der Sport aktuell Gefahr, finanziell zu kollabieren?

McDonald: Im Sport wurde praktisch alles auf Null gefahren. Sportvereine sind gemeinnützig. Das heißt, dass alles, was eingenommen wird, auch wieder ausgegeben wird. Das bedeutet auch, dass es zumeist keine Rücklagen gibt. Die Gefahr ist also groß, dass es diese Vereine jetzt zerreißt. Man muss sehen, dass diese Vereine von mehr als einer halben Million Ehrenamtlicher erhalten werden. Das ist ein Gut. Das dürfen wir nicht riskieren zu verlieren.

Dachverbände sind auch für die Verteilung von Geldern zuständig. Wie können sie rausfiltern, ob ein Verein in der Coronakrise Hilfe braucht oder nur so tut?

McDonald: Auch ich habe in meiner Jugend Fußball gespielt und hab‘ eine Ahnung, wie das im Unterhaus abläuft, falls Sie auf manche Gagen dort anspielen. Wir dürfen da nicht nur die ersten Mannschaften sehen, die in der Auslage stehen. Dahinter gibt’s eben viele Nachwuchsmannschaften von Burschen und Mädels, die es zu schützen gilt. Aber ganz klar: Das Geld muss dort ankommen, wo es gebraucht wird. Da haben wir als Dachverband aber unsere Expertise, um das sicherzustellen. Ich bin dazu mit Sportminister Werner Kogler regelmäßig in Kontakt und habe ihm da auch meine Unterstützung angeboten.

Werner Kogler wird in der Sportwelt harsch kritisiert. Zurecht?

McDonald: Ich halte nichts von Politiker-Bashing. Ich weiß nur zu gut, welch harter Job das ist. Noch dazu in einer solch schwierigen Phase. Kogler zeigt sich bemüht und beratbar. Das finde ich gut.

Stichwort Tägliche Turnstunde. Sie waren ab 2015 für ein Jahr Generalsekretär der ÖVP, wenn man so will im Maschinenraum der Macht. Hand aufs Herz: Warum gelingt es nicht, eine Sache, die alle gut und wichtig finden, politisch auf den Boden zu bringen? Das versteht doch keiner…

McDonald: Die Antwort ist trivial. Weil die Politik immer schnelllebiger wird. Weil sie vom Tagesgeschäft überrollt wird. Strategisch wichtige Themen werden oft verkannt, obwohl jeder vierte Erwachsene und jedes zweite Kind in Österreich in einem Sportverein sind. Das ist in unseren Familien ein wichtiges Thema.

Die Sportunion ist mit ASKÖ und ASVÖ einer von drei Dachverbänden. Die sind wiederum in neun Landesorganisationen gegliedert. Darunter gibt’s Fachverbände, darüber gibt’s die Bundessportorganisation und parallel dazu die Sportpolitik. Selbst als Insider blickt man da kaum durch. Ist so eine Struktur zeitgemäß?

McDonald: Nicht nur das. Viele Länder beneiden uns genau um unsere Struktur. Unser Sport ist mit Ehrenamtlichen bis in die kleinsten Dörfer organisiert, ohne dass das den Staat bzw. der Gesellschaft großartig viel kostet. Die Dachverbände sind für mich Vereinsverbände. Dass es davon drei gibt, ist nicht so schlecht. Die Anzahl der zu betreuenden Vereine bleibt ja gleich. Natürlich ist das aus der Tradition gewachsen. In Wien fragt aber auch keiner, warum es Rapid und Austria gibt und die nicht längst fusioniert haben.

Kann so etwas effizient sein?

McDonald: Ich kann gewisses Unbehagen durch die Komplexität schon verstehen, aber die braucht es. Was wir uns aber genauer anschauen müssten, ist die Schnittstelle zwischen autonomem Sport und der Politik. Ich halte den Terminus „Förderungen“ für irreführend. Nicht wir haben den Förderbedarf, wir sind Leister. Ich will Leistungsvereinbarungen für das, was unsere Vereine für die Gesellschaft erbringen.