Thiem will "big three"-Dominanz brechen. Zwei Mal Finale French Open, Endspiel bei den ATP Finals in London und jetzt der Titelkampf bei den Australian Open. Eigentlich ist es für Dominic Thiem das vierte ganz große Finale seiner Karriere, eben das dritte auf Major-Niveau. Der 26-jährige Niederösterreicher hat allerdings am Sonntag in Melbourne mit Novak Djokovic eine Riesenhürde vor sich, will er seinen ersten Grand-Slam-Titel holen.

Von APA, Redaktion. Erstellt am 01. Februar 2020 (06:00)
Dominic Thiem
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Es ist auch die Chance für den Schützling von Nicolas Massu, die schon wieder drei Jahre bzw. zwölf Turniere währende Major-Siegesserie von Roger Federer, Rafael Nadal und Djokovic zu durchbrechen. Von einer "Wachablöse" zu sprechen wäre zu früh, aber zumindest wäre Thiem der erste Grand-Slam-Sieger seit Stan Wawrinka bei den US Open 2016 der nicht aus den "big three" stammt. Gegen Djokovic (9.30 Uhr MEZ/live ServusTV) hat Thiem eine 4:6-Bilanz, allerdings hat er die vergangenen zwei Begegnungen im Halbfinale der French Open und im Gruppenspiel der ATP Finals (beides 2019) jeweils sehr knapp gewonnen.

Immer wieder hatte Thiem in den vergangenen Monaten betont: Will man eines der ganz großen Turniere gewinnen, dann muss man wohl innerhalb eines Majors zwei der "großen Drei" bezwingen. Mit dem Viertelfinal-Triumph über Nadal hat er den ersten Schritt gesetzt, nun folgt mit Djokovic der nächste Riesenprüfstein. Und bei den ATP Finals im November hatte er der Reihe nach Federer und Djokovic bezwungen. Ein besonders starker Hinweis, dass Thiem bereit ist für den ganz großen Coup.

Dennoch: Thiem bleibt Außenseiter gegen Djokovic. "Er ist wahrscheinlich vor allem da in Australien der beste Spieler aller Zeiten", erinnerte Thiem an die erstaunliche Melbourne-Bilanz des "Djoker": Der 32-jährige Serbe steht zum achten Mal im Finale, die bisherigen sieben hat er "down under" allesamt gewonnen. Bei den beiden Roland-Garros-Endspielen war Thiem im Finale Sandplatz-König Nadal zum Stolperstein geworden, darauf bezog sich Thiem auch gleich. "Ich hab meine zwei Grand-Slam-Finali in Paris gegen Nadal gespielt, der zum damaligen Zeitpunkt zehn bzw. elfmal das Turnier gewonnen hat. Am Sonntag geht es gegen Djokovic, der hat das Turnier sieben Mal gewonnen. Ich spiele immer gegen die Könige des (aktuellen) Grand-Slam-Turniers, aber es ist die ultimative Herausforderung", sagte Thiem.

Hinzu kommt, dass Djokovic vergleichsweise ins Endspiel "spaziert" ist: Thiem benötigte 18:24 Stunden bis ins erste Finale eines Österreichers bei den Australian Open, Djokovic stand fast sechs Stunden (12:29) weniger auf dem Platz. Doch diese Fakten muss und wird Thiem beiseiteschieben und sich auf die guten Zahlen und Erinnerungen fokussieren. "Ich habe das letzte Match gegen ihn in London gewonnen, wo ich unglaublich gespielt habe. Will ich eine Chance haben, muss ich ähnlich spielen wie damals. Natürlich viel riskieren, aber trotzdem dosieren", weiß Thiem, der mit dem Triumph in Melbourne seinen insgesamt 17. Titel holen könnte.

Neben der bekannten Mentalität von Djokovic ist auch seine Erfahrung hoch einzuschätzen: Für den 140-Millionen-Dollar-Mann allein an Preisgeldern steht am Sonntag das bereits 26. Endspiel auf Major-Niveau an, Thiem ist auf Hartplatz Final-Debütant, aber blickt immerhin auf zwei weitere zurück. Er hat aber sicher etwas weniger zu verlieren als im Halbfinale gegen Alexander Zverev, als man den Sieg von ihm irgendwie erwartet hatte.

Ein Kuriosum ist, dass Thiem nun nach einer sehr unruhigen ersten Turnier-Woche und der Trennung von Thomas Muster als "Supercoach" im Endspiel steht. Muster war geholt worden, um Thiem den letzten Schliff zum erhofften ersten Major-Titel zu geben. Thiem trennte sich, weil es von der internen Stimmung nicht zusammengepasst hat zwischen ihm und der steirischen Tennis-Legende. Ein möglicherweise sehr wichtiger Schritt, um wieder Ruhe ins Team zu bringen.

"Es ist für ihn ganz wichtig, dass atmosphärisch alles passt, und das ist der Fall", meinte Thiem-Manager Herwig Straka schon vor dem Finaleinzug seines Schützling. Für den Steirer wird die Vermarktung mit dem Finaleinzug in Australien weiter anziehen. "Prinzipiell sind Grand-Slam-Turniere sehr wichtig, weil das sind die Eyecatcher im Tennis-Business, wo die ganze Welt zusieht", weiß Straka.

Besonders wichtig wäre freilich die Etablierung in den Top 3. "Wenn er sich irgendwann in den Top 3 festsetzt, ist sein Marktwert noch höher. Das Wichtigste ist das Ranking und natürlich ein Grand-Slam-Sieg, das wäre die Sahne drauf", meint Straka lächelnd. Holt Thiem tatsächlich ausgerechnet in Australien den Titel, dann hätte er erstmals den Sprung in die Top 3 geschafft, schon jetzt fehlen ihm nur 85 Punkte auf den 38-jährigen Federer. Unabhängig vom Ausgang kann Straka (und auch Thiem) schon jetzt sagen: "Das war ein super Saisonstart, so gut wie noch nie in seiner ganze Karriere, und das lässt einmal für das heurige Jahr sehr viel hoffen."