Extremsportler Helmut Tschellnig: Mit 66 Jahren ist nicht Schluss

Der Purkersdorfer Helmut Tschellnig hat in Bolivien sein nächstes Ultra-Race als Gesamt-Zwölfter bravourös gemeistert.

Erstellt am 13. Oktober 2021 | 02:15
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Helmut Tschellnig r.) und Sascha Gramm, der sich im Ziel über den zweiten Gesamtrang freuen durfte, mit der Frauensiegerin Nicole Keller.
Foto: privat

 üstenrennen sind die Passion von Helmut Tschellnig. Auch heuer hat sich der Purkersdorfer zu seinem 66. Geburtstag wieder ein Rennen in Übersee gegönnt. Das Ultra Bolivia Race setzte dabei aber auch für ihn neue Maßstäbe.

Zwar war es mit rund 220 Kilometern (sieben Etappen) das bislang kürzeste seiner internationalen Laufabenteuer, aber auf bis zu 4.675 Metern Seehöhe sah er sich dann in der Salzwüste doch mit neuen Herausforderungen konfrontiert. „Das ist nochmals eine andere Welt da oben“, weiß er zu berichten.

Dabei hatte sich der Routinier so akribisch wie noch nie vorbereitet - die NÖN berichtete:

„Die Form stimmt hundertprozentig“, meinte er noch beim Abflug. Und als Erster checkte er auch im Sportlerquartier in La Paz auf 3.750 Metern Seehöhe eine Woche vor dem eigentlichen Start ein.

Nach und nach trafen auch die übrigen Läufer im Hotel ein, sowie die Franzosen von der Organisation Canal Aventure samt Sportmediziner. „Das war ein distinguierter, älterer Herr, der seinen Job sehr genau nahm“, erzählt Tschellnig. Daher ordnete er beim Medizincheck gleich die Untersuchung des Sauerstoffgehalts im Blut an. Bei unter 72 Prozent würde es keine Starterlaubnis geben.

„Ich hab mich schon unverrichteter Dinge auf der Heimreise gesehen, denn Doktor Knechlt hat das bei mir nie gemessen“, kam bei Tschellnig leichte Panik hoch. Zumal ihm der deutsche Mitfavorit auf den Gesamtsieg, Sascha Gramm, erzählte, dass er mit Sauerstoffgerät trainiert und in einer Druckkammer geschlafen habe. Beides stand nicht auf Tschellnigs Trainingsprogramm. Und „Streber“ Gramm hatte dann 97 Prozent Sauerstoffgehalt!

Tschellnig war als Nächster dran und der Arzt schüttelte ungläubig den Kopf. Bei einem 66-Jährigen habe er einen solchen Wert noch nie gemessen — 92 Prozent! „Ab dann hat er mich AC/DC genannt!“ Ein Spitzname, der sich für Tschellnig auch bei seinen Laufkollegen durchzusetzen begann. „Manche riefen aber auch ‚Rockstar‘ in Anlehnung an mein wehendes Haupthaar.“

Powergels waren wegen Zuckergehalt wertlos

Gleich auf der ersten Etappe wurde die gute Laune aber getrübt. Tschellnig machte erstmals die Erfahrung, dass Zucker in extremer Höhe vom Körper nicht verarbeitet werden kann. Beim ersten Schluck von seinem Powergel wurde ihm schwindelig. „Zum Glück hab ich nur gekostet, aber zehn Minuten wusste ich nicht, wo hinten und vorne ist!“

Also musste Tschellnig mit seinen Trockenfrüchten, die er sonst noch mit hatte, haushalten. Im Zelt riet ihm Gramm, die Powergels zu entsorgen. „Aber ich schmeiß keine 120 Euroweg“, hat er sie bis zum Schluss mitgeschleppt und sich auch mit der schnellsten Dame im Feld, Nicole Keller, gut gestellt. „Die war eine schwache Esserin und ich hab brav ihr Curryzeugs weggefuttert!“

Derart gestärkt hatte der 68-jährige Franzose als einziger Gegner in der Masterswertung nicht den Funken einer Chance. Und auch Keller war am Ende jeder Etappe nur noch als kleiner Punkt weit hinter ihm für Tschellnig sichtbar.

„Noch ehe wir am vierten Tag richtig in die Salzwüste abgebogen sind, bin ich regelrecht geflogen“, berichtet Tschellnig vom Eins-Sein mit der Natur. „Inmitten von friedlichen Lamas und Alpakas mit ihren Hirten, die einen anfeuern, zu laufen, ist das Lässigste.“ Da war auch die lästige Sonne, die jeden Körperteil verbrannte, der nicht mit Sonnenschutzfaktor 60 eingeschmiert worden war, verkraftbar. „Egal ob Knöchel oder Kniekehle, jede Schlamperei beim Sonnenschutz bedeutete Schmerzen“, erzählt Tschellnig. „Und im Gesicht half auch kein Sonnenschutz!“

Dafür blieb den Athleten die extreme Kälte in der Nacht erspart. Statt der angekündigten minus 20 Grad hielt das Thermometer bei „gemütlichen“ minus drei bis fünf Grad an.

Dazu kam für Tschellnig die „tolle“ Zeltgemeinschaft mit Sascha Gramm. Der Deutsche aus Fulda kämpfte um den Gesamtsieg gegen den rumänischen Feuerwehrmann Iulian Rotariu. Letzterer setzte sich am Ende mit dem Streckenrekord von 23:32:30 Stunden zwar durch, doch auch Gramm, der eine 100-km-Bestzeit von unter sieben Stunden vorweisen kann, war zufrieden. Beide Stars des Rennens sprachen am Ende vom schwersten Ultra-Race, das sie je gelaufen wären. Und beide waren schon im australischen Outback über 500 Kilometer unterwegs. Ein Abenteuer, zu dem sie Tschellnig aber nicht überreden können.

Tschellnig will nochmals in der Höhe laufen

Die französischen Organisatoren planen in zwei Jahren ein Rennen von Peru nach Bolivien auf zehn Etappen über rund 550 Kilometer. „Ich will mich dann auch mit Druckkammer und Sauerstoff vorbereiten, um zu sehen, was möglich ist“, sagt er. Bis dahin will Tschellnig mit dem Laufen pausieren und stattdessen sich nochmals seiner alten Leidenschaft, dem Radsport, hingeben. „Ich werde noch eine große Tour machen!“