Doppel-Bronze für Kickinger, Silber-Sensation durch Baccolini

Erstellt am 22. Juni 2022 | 02:49
Lesezeit: 7 Min
Und Tullnerbachs Marie Wolf holt erstmals Bronze für die Union St. Pölten seit 49 Jahren.
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Tolle Leistungen zeigten die Turner aus dem St. Pöltner Bezirk bei den Staatsmeisterschaften am Wochenende in Graz, allen voran Selina Kickinger. Für die Böheimkirchnerin gab es gleich zu Beginn der Bewerbe eine sehr schöne Geste des Verbands. Sie erhielt die goldene Nadel des ÖFT aufgrund ihrer ersten Teilnahme an der WM in Kitakyushu (Japan) letzten Herbst.

„Ich bin grundsätzlich zufrieden, war es doch das erste Mal seit fast einem Jahr, dass ich wieder einen Mehrkampf geturnt hab. Es hat richtig Spaß gemacht.“ Selina Kickinger

Die Athletin der Sportunion Böheimkirchen war bei den Staatsmeisterschaften dann auch eine der Favoritinnen vor allem am Stufenbarren. Aber auch die Mehrkampfleistung war hinsichtlich der WM im Juli in München für sie wichtig. Am ersten Wettkampftag, an dem es um die Gesamtplatzierung gegangen ist, hat Kickinger bis auf zwei Fehler am Balken sehr gute Leistungen erbracht.

„Diese Unsicherheiten am Balken erklären sich auch dadurch, weil die Übung vollkommen neue Choreographien und akrobatische Serien beinhaltet, die ich erst vor einem Monat zu trainieren begonnen habe — das braucht noch Zeit, um zu reifen“, war sie nicht allzu enttäuscht, auch wenn ihr die zwei Patzer wohl den Vizestaatsmeistertitel im Mehrkampf gekostet haben. Am Ende musste sie sich mit dem fünften Platz in einem eng gereihten Feld begnügen.

„Ich bin grundsätzlich zufrieden, war es doch das erste Mal seit fast einem Jahr, dass ich wieder einen Mehrkampf geturnt hab. Es hat richtig Spaß gemacht“, meinte sie. „Natürlich ist der Balken ein bisschen ärgerlich, aber ich habe eine tolle Übung performt und wenn die aufgeht, schießen meine Punkte in die Höhe!“

Am Stufenbarren ist Kickinger mit der Bestwertung des Tages ins Finale gekommen. Viele Offizielle waren schon aufgrund ihrer Spitzenleistung beim vergangenen Weltcup sehr gespannt auf ihr Auftreten. „Am Finaltag habe ich meine Übung mit einem neuen, schwierigeren Abgang aufzuwerten versucht, das hat aber bei der Landung zu einem schweren Fehler geführt, der acht Zehntel gekostet hat“, schildert sie.

Trotz dieser Panne konnte Kickinger allerdings noch den dritten Platz für sich behaupten. „Ich habe mich so geärgert, Gold wäre zum Greifen nah gewesen. Die Übung selbst war noch schöner als am Vortag, also hätte ich meine Wertung der Qualifikation sogar um ein paar Zehntel übertrumpfen können. Trotz allem war es wichtig, diesen schwierigen Abgang jetzt auszuprobieren, damit mir so ein Fehler bei der EM in der Qualifikation nicht mehr passiert.“

Umso erfreulicher stuft sie dann ihre Leistungen am Boden ein. „Wenn man in Betracht zieht, dass ich vor sieben Monaten operiert worden bin, am rechten Sprunggelenk einen Gips und am linken eine Schiene tragen musste, und wochenlang nicht Stehen konnte, muss ich zufrieden sein.“ Am Finaltag durfte sie sich am Boden jedenfalls auch über die Bronzemedaille freuen.

Nicht nur Kickinger, sondern das gesamte Nationalteam legte wenig Augenmerk auf den Sprung. „Mit Absicht“, wie Kickinger verrät.

„Für viele Vereinstrainer war es unverständlich, warum wir nur einen Sprung trainiert hatten, wo man doch mindestens zwei benötigt, um bei der Staatsmeisterschaft ins Finale zu kommen. Aber für uns Elite-Kaderturnerinnen stand die Staatsmeisterschaft nicht im Fokus, vielmehr wird alles auf die EM in München ausgerichtet, weshalb uns empfohlen wurde, uns vorerst nur auf einen Sprung zu konzentrieren. Und bei mir kam außerdem noch hinzu, dass ich meine Sprunggelenke für die EM schonen wollte“, so Kickinger.

Vor der EM in München, die von 6. bis 14. August in Szene geht, stehen noch zwei Qualis an. „Eins ist ein größerer Internationaler Wettkampf (1. Austrian Team Challenge Cup), an dem mehrere Nationen wie Finnland, Tschechien, Ungarn, Schweiz oder Wales teilnehmen werden“, verrät Kickinger.

Marie Wolf schafft mit Bronze Historisches

Aber nicht nur die Böheimkirchnerin konnte nach der Staatsmeisterschaft zufrieden Bilanz ziehen. Ebenso erfreulich lief es für zwei Turner der Union St. Pölten.

Exakt 49 Jahre, nachdem mit Irene Wallner die letzte Kunstturnerin des Traditionsvereins zum letzten Mal einen Stockerlplatz bei einer Staatsmeisterschaft erringen konnte, wiederholte die 17-jährige Tullnerbacherin Marie Wolf dieses Resultat von 1973 und holte einen Stockerlplatz in der höchsten Wertungsklasse (Elite).

Die SLZ/BORGL-Schülerin (8. Klasse) setzte sich im Finale am Sprung gegen starke Konkurrentinnen auch vom Elite-Nationalteamkader durch und holte sich Bronze. Übrigens auch am selben Gerät wie einst Wallner, die sich dann im selben Jahr auch für die EM qualifizieren hatte können. Sie belegte bei der EM Endrang 39.

Auch wenn der Hauptstadtverein einer der wenigen Vereine Niederösterreichs ist, der noch aktiv in dieser olympischen Sportart anfangs selbst ausbildet, war er in den letzten Jahrzehnten nicht erfolgsverwöhnt. Sehr aufwendig und kostenintensiv ist es, ein durchgängiges Ausbildungssystem aufzustellen und zu erhalten, das das Vordringen auf dieses Niveau überhaupt erst möglich werden lässt.

„Wir bilden im Verein ab dem Alter von vier Jahren im Prinzip alle nach demselben Konzept aus, erst im Volksschulalter zeigt sich dann aber, ob Hochleistungssport denkbar wird oder Gerätturnen lebensbegleitende Sportart bleibt“, erläutert Sektionsleiterin Martina Weinberger das St. Pöltner Konzept.

„Ohne Hilfe des Landesleistungszentrums LLZT des NÖ Turnverbands, angesiedelt im Olympiazentrum, des SLZ St. Pölten und dem Besuch des BORGL samt Internat wäre ein solcher Erfolg allerdings nicht möglich“, weiß auch Wolf. „Das LLZT greift dort ein, wo der Verein nicht mehr weiter kommt, sei es durch Infrastruktur oder Trainerqualität.

„Ich bin hin und weg, ganz besonders möchte ich meinen Trainern danken, Sissy Lehota und vor allem auch Laurentiu Nistor und Christoph Schlager, die mir wieder Selbstvertrauen in mein Können gegeben haben“, meinte die Turnerin, die im Mehrkampf den neunten Rang erturnte und sich damit heuer auch hier vor einige Turnerinnen, die am neuen Bundesstützpunkt in Linz trainieren und dem Nationalteam angehören.

„Ich brauche mein vertrautes Umfeld, habe in St. Pölten alles, was meinen Erfolg ermöglicht. Mein Team mit Physiotherapeut, Ernährungsberater, Sportwissenschaftler, Mentaltrainer und meine Familie!“ Nach der Matura wird, aber auch sie, ähnlich wie Kickinger, sich ein neues Trainingsumfeld suchen müssen.

Martin Wolf bleibt das Pech an den Fersen kleben

Die zweite Sensation in Graz aus Sicht der Union St. Pölten lieferte Wolfs BORGL/SLZ-Kollege Bruno Baccolini (17). Der solide Mehrkämpfer erreichte in seinem letzten Juniorenjahr den sechsten Platz im Mehrkampf und qualifizierte sich für zwei Finals, wobei in einem Krimi der Sprung letztlich eine Silbermedaille brachte.

Auch er wird nächstes Jahr in die Eliteklasse vorstoßen, womit der Verein erstmals seit Michael Fedorchuk (2005, Bronze Boden) wieder Chancen auf Titel in der höchsten Männerklasse haben wird.

Den jüngsten SLZler Martin Wolf (16) verfolgt aber eine Pechsträhne. Unmittelbar vor der Staatsmeisterschaft von einem Fieberschub gebeutelt, war insbesondere sein aussichtsreichstes Gerät aufgrund der fehlenden Kraft vom Tisch. Als dann auch noch seine Wettkampfutensilien auf mysteriöse Weise verschwanden, waren auch Reck und Ringe kein Thema mehr.

An den Einzelgeräten konnte der Tullnerbacher trotzdem an allen Geräten Top-10-Plätze in der U 18 erzielen. Am Barren gab es den fünften Rang, am Boden den sechsten und am Pferd Platz acht. „Er wird weitere zwei Jahre in dieser Klasse die Chance auf Erfolge haben“, weiß sein Trainer.

In der Mannschaftswertung landeten die Niederösterreicher am undankbaren vierten Platz, „allerdings mit Tendenz nach oben“, wie Weinberger betont. Auf Bronze fehlten den Kunstturnerinnen nur knapp 2,5 Punkte.