Bangen um die Jugend: „Kinder brauchen Sport“. Die Sportvereine im Bezirk Tulln werden viele Kinder und Jugendliche verlieren. Am Freitag ruft die Initiative „Kinder brauchen Sport“ einen stillen Protest aus.

Von Wolfgang Stritzl und Bettina Viveros. Erstellt am 24. Februar 2021 (03:24)
Wolfram Gruna (rechts) darf mit seinen Tormännern und -frauen bereits ein Individualtraining bestreiten (siehe auch Seite 74). Für die Fußballvereine heißt es weiter: bitte warten.
Wolfgang Stritzl

Viele Aktive drohen den Sportvereinen verloren zu gehen. Fußballvereine bangen vor allem um ihren Kicker-Nachwuchs. Insbesondere die älteren Jahrgänge könnten auf der Strecke bleiben. Hunderte Mädchen und Burschen, die im Bezirk dem runden Leder nachjagen, hängen in der Luft, eine große Zahl von ihnen wird vermutlich nicht mehr auf den Fußballplatz zurückkehren.

Am Freitag beteiligen sich zahlreiche Fußballvereine am „stillen Protest“, den die Initiative „Kinder brauchen Sport“ ausgerufen hat. Am Mittelkreis der Fußballplätze werden Fußball-Trikots aufgelegt – als Symbol dafür, dass diese so rasch wie möglich wieder mit Leben befüllt werden sollen.

Die Zahl der Mitglieder sinkt

Beim Tangun-Taekwondo-Klub Tulln wird die Entwicklung mit Sorge verfolgt: „Wir haben gut 30 Mitglieder verloren. Hinzu kommen 25 Mitglieder, die derzeit ihre Mitgliedschaft unterbrochen haben“, weiß Obmann Didi Brandl.

Der Wunsch nach einem gemeinsamen Training im Dojang oder auch im Freien ist groß. „Gerne auch in kleinen Gruppen, mit Zwei-Meter-Abstand und FFP2-Maske. Auch wenn wir Kampfsportler sind: Wir können vielseitig ohne Kontakt trainieren. Was allen fehlt, ist der persönliche Kontakt mit den Sportkameraden und Trainern.“

Ein sinnvoller Aufbau des Nachwuchses ist aktuell kaum möglich. „Viele Schüler sind durch das Home-Schooling und die anschließenden Aufgaben so lange am Computer gefesselt, dass sie dann keine Lust mehr haben, diesen auch noch für ein Training über Skype zu nutzen.“ Tullns Poomsae-Kader hat sich praktisch aufgelöst.

„Wenn Kinder mit negativem Corona-Test in die Schule gehen dürfen, warum dürfen sie dann nicht auch Sport machen?“, fragt sich Brandl und fordert, Outdoor-Trainings zuzulassen bzw. Turnsäle zu öffnen.

Tennis größtenteils noch in der Winterpause

Reinhold Kriegler, sportlicher Leiter des FTC Tulln, hofft darauf, dass ab April wieder Tennis gespielt werden darf: „Wir haben zum Glück im Moment Winterpause, weil wir nur die Freiluftplätze haben. Daher sind wir von diesem Lockdown nicht betroffen. Aber natürlich machen wir uns Gedanken, wann wir den Platz herrichten und wieder aufsperren dürfen.“ Letztes Frühjahr wurde Tennis als eine der ersten Sportarten freigegeben. „Dadurch hatten wir sogar einen Mitgliederzuwachs. Wir hoffen sehr, dass diese auch heuer wiederkommen werden. Im Jugendbereich haben wir sogar so viele Kinder, dass wir seit Längerem wieder mit zwei Mannschaften antreten können.“ Ansonsten wartet der FTC auf die Verordnungen. „Wenn es losgeht, sind wir vorbereitet. Wir haben ein elektronisches Reservierungssystem, also ist klar, wer am Platz ist. Ob wir Duschen, Kantine und Klubhaus öffnen können, wird sich zeigen.“

TTV Tulln verliert im Hobbybereich

Der Tischtennisverein Tulln ist froh, grundsätzlich loyale Mitglieder zu haben. „Vor allem die Meisterschaftsspieler halten uns geschlossen die Treue“, weiß Andreas Hammerschmid. Rückläufige Zahlen verzeichnet der TTV allerdings im Hobby- und Nachwuchsbereich. „Einige haben sich teilweise den Mitgliedsbeitrag erspart. Die Bedenken der Eltern sind groß, und auch die Motivation der Kinder und Jugendlichen durch den ,Sportentzug‘ sinkt.“

Gerade die Nachwuchsarbeit ist das große Aushängeschild des TTV Tulln. „Wir sind sehr froh, dass vor allem jene Nachwuchsspieler, die für Spitzenleistungen gesorgt haben, auch weiterhin sehr ehrgeizig sind. Sie trainieren sehr diszipliniert und durch den Wegfall anderer Aktivitäten zum Teil sogar öfters als sonst.“ Nina Skerbinz wurde ins U-15-Mädchen-Nationalteam nominiert, Patrick Skerbinz und Thao Nowak sind im erweiterten Nationalteamkader. In der Breite sieht es weniger gut aus: „Es wird sehr schwierig werden, neue Nachwuchstalente für den Tischtennissport zu begeistern.“

Hammerschmid wünscht sich möglichst niederschwellige Testangebote. „Gerade wenn Sportvereine mit Selbsttests ausgestattet werden würden, könnte man einen weitgehend sicheren Trainings- und Wettkampfbetrieb gewährleisten.“ Natürlich wäre es zu begrüßen, wenn von geschultem Personal vorgenommene Antigen-Tests für Amateursportler anerkannt werden würden. „Hierbei bin ich aber skeptisch, ob die Testbereitschaft hoch genug wäre.“

Nur Bundesliga-Damen dürfen trainieren

Trainieren darf bei den Tullner Tischtennis-Spielern die Damen-Bundesliga-Mannschaft. „Da sind die Regeln sehr streng: negativer Covid-Test (PCR: fünf Tage, Antigen: drei Tage), Tragen einer FFP2-Maske im gesamten Hallenbereich außer bei der Sportausübung am Tisch. Die Tische werden regelmäßig desinfiziert. Viel mehr Sicherheit ist eigentlich nicht möglich ...“

Und weiter: „Mein größter Wunsch wäre es, endlich eine realistische Perspektive zu haben. Das ist für Funktionäre frustrierend, wenngleich ich auch Verständnis für die verschiedenen Interessenslagen habe. Trotzdem muss man mehr Mut und Einfallsreichtum zeigen und nicht ewig das gesamte Sozialleben herunterfahren.“

Was das Finanzielle betrifft, ist der TTV Tulln solide aufgestellt: „Wir haben immer gut gewirtschaftet und können uns gerade mit unseren langjährigen Unterstüzern wirklich glücklich schätzen. Deshalb trifft uns die Krise etwas schwächer.“