Das erste Match war das letzte für Lucas Miedler. Für Lucas Miedler war das Duell mit Dominic Thiem ein Karriere-Highlight. Dann das bittere Aus wegen Adduktoren-Verletzung.

Von Wolfgang Stritzl. Erstellt am 03. Juni 2020 (01:38)
Das Duell mit Dominic Thiem war für Lucas Miedler etwas ganz Besonderes. Der Tullner trainiert zwar seit einigen Wochen mit der Nummer drei der Welt, aber ein Bewerbsspiel auf diesem Niveau hat er noch nie gehabt.
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Die Augen von ganz Tennis-Österreich waren am Mittwoch auf die Südstadt gerichtet. Dorthin, wo Dominic Thiem sein erstes Bewerbsspiel seit Beginn der Covid-19-Maßnahmen bestritt. Im Rahmen der Generali Austrian Pro Series traf er im Auftaktspiel auf Lucas Miedler. Für den Tullner war das Duell mit dem Superstar ein Karriere-Höhepunkt, fast schon das Spiel seines Lebens.

Nummer 293 forderte Nummer drei der Welt

Es waren zwei Tennis-Welten, die aufeinander krachten. Auf der einen Seite die Nummer drei der Welt, die 16 Einzel-Titel auf der ATP-Tour errungen und Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer auf seiner Abschussliste hat, auf der anderen die Nummer 293 im ATP-Ranking, die sich fast ausschließlich auf Challenger-Ebene bewegt und heuer fünf von sechs Spielen verloren hat.

Ich bin gegen Dominic Thiem unter Dauerdruck gestanden. Es ist Weltklasse, was er spielt.“ Lucas Miedler traf auf einen übermächtigen Gegner

Miedler kennt Thiem, dessen Vater Wolfgang den 23-Jährigen erst kürzlich unter seine Fittiche genommen hat, von gemeinsamen Trainings in Alt Erlaa. Dort hatten sie sich vor ihrem Aufeinandertreffen auch eingespielt.

Dass Training und Wettkampf allerdings zwei Paar Schuhe sind, bekam Miedler am eigenen Leib zu spüren. Das erste Aufschlags-Spiel ging gleich zu Null verloren. „Zwischen dem heavy spin vom ,Domi‘ und anderen guten Spielern liegen Welten. Sobald er den ersten Ball ziehen kann, ist unglaublich viel Power und Drall dabei. Ich bin unter Dauerdruck gestanden. Es ist schon Weltklasse, was er spielt.“

Hinzu kamen die Verhältnisse, die Miedlers Spiel ganz im Gegensatz zu jenem von Thiem so gar nicht behagten. „Der Ball ist ähnlich wie bei den French Open extrem hoch abgesprungen. Die Bedingungen waren maßgeschneidert für mich. Und Luci sind sie sicher nicht entgegen gekommen“, so Thiem.

Fast wie bei den French-Open

Miedler pflichtete bei: „Für mein Spiel war der hohe Ballabsprung nicht so optimal, für ,Domi‘ aber gibt es nichts besseres.“ Wobei der Tullner gleich relativierte und schmunzelnd hinzu fügte: „Das heißt natürlich nicht, dass ich unter anderen Verhältnissen gewonnen hätte. Zwischen uns liegen natürlich Welten.“

Natürlich hatte sich Miedler vorgenommen, den Ball im Aufsteigen zu nehmen, die Ballwechsel kurz zu halten. „Weil versuchen, von hinten mitzuspielen, brauche ich gar nicht erst anfangen.“ Allein, es blieb beim Willen. Tatsächlich kam der Tullner insbesondere im ersten Satz mit dem druckvollen Spiel Thiems nicht zurecht. Großes Risiko nehmend, landeten viele Bälle klar im Out. Miedler unterliefen im ersten Satz 15 unerzwungene Fehler. „Da war ich schwer überfordert“, gab Miedler zu, der zumindest ein Ehren-Game holte.

Thiem schickte Miedler auf die Reise

Im zweiten Satz lief es besser, gelang Miedler Resultatskosmetik. Als Thiem versuchte, serve & volley zu spielen, kam Österreichs Nummer sechs beim Stand von 1:2 prompt zu seinen ersten Breakbällen. Thiems nächstes Aufschlag-Game nahm ihm Miedler dann tatsächlich ab. Mitunter gab es sehenswerte Rallyes, spektakuläre Passierbälle Miedlers. Beide hatten sichtlich Spaß, so auch beim Matchball, den Thiem zum 6:1-, 6:2-Sieg verwertete.

Miedler lobte Thiem in höchsten Tönen. „Der ,Domi‘ ist ein lässiger Typ. Dafür, dass er Nummer drei der Welt ist, ist er noch so normal geblieben. Und das Tennis, das er spielt, ist sowieso Weltklasse. Was er kann, ist unglaublich. Es war etwas windig. Aber bei Thiem ist es egal, ob er Gegenwind hat. Die Bälle kommen fast gleich, ich war immer auf der Reise.“ Wie viel seines Potenzials er in diesem Spiel „ausgepackt“ hätte, wollte Miedler im persönlichen Gespräch wissen. Thiems Antwort: „Ja, ich habe voll gespielt.“ Was Miedler aus dem Duell mit Thiem mitnehmen kann? „Alles. Mir wurden klar die Grenzen aufgezeigt. Ich kann noch an sehr viel arbeiten. Mein Ziel sind zumindest die Top-100. Und um dorthin zu kommen, muss ich viele Dinge verbessern, darf ich mir nichts erlauben.“

Rückzug nachAdduktoren-Verletzung

So viel hätte sich Lucas Miedler für die Austrian Pro Series noch vorgenommen gehabt. In den Duellen mit David Pichler und Sandro Kopp wäre er Favorit gewesen. „Ich möchte bis in die letzte Woche kommen“, sagte Miedler am Donnerstag. Am Freitag musste er w.o. geben. Eine Adduktoren-Verletzung zwang ihn zur Aufgabe. „Dass ich zurück ziehen musste, ist natürlich bitter. Ich muss es erst abklären lassen. Jetzt einfach schauen, was los ist und dann weiter machen!“