Als die Felixdorf-Fans in die Schlacht zogen. Das NÖFV-Cup-Duell zwischen Sollenau und Felixdorf war am Freitag das erste Südbahn-Derby seit März 1998. Klar: Dass das für beide Fanlager eine ganz besondere Angelegenheit war. Die Felixdorfer organisierten gar eine kleine Pilgerreise zum Lokalrivalen. Und die Idee schlug ein.

Von Malcolm Zottl. Erstellt am 12. August 2019 (20:26)

Um 17 Uhr, zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff, ist das Felixdorfer „Vereinslokal“, das Pauki’s schon gesteckt voll. Während Christian Secco launig über seine Verbindungen zum Lokalrivalen erzählt:

„Mein Vater ist ja Sollenauer. Wer weiß, ob ich da als Überläufer überhaupt noch einreisen darf?“ sitzt Ex-Trainer Andreas Zöger im hintersten Eck des Lokals, gleich neben der Kinderrutsche spielt der Felixdorfer Meistermacher mit ein paar Kumpels „Bauernschnapsen“.

Zöger hat eine Felixdorf-Dress an, auf die Brust gestickt die Buchstaben „TR“ für Trainer. Offensichtlich, dass er immer noch mit seinem Verein sympathisiert, obwohl er ja erst vor knapp zwei Monaten (trotz zweier Meistertitel) entlassen wurde. Den Fanmarsch will Zöger aber nicht mitmachen. „Bist narrisch, das sind zwei Kilometer“, scherzt er: „Aber das Match schaue ich mir sicher an.“

120 Menschen wanderten in Nachbarort

Während Zöger also zurückbleibt, machen sich geschätzte 120 Menschen und ein Hund auf den Weg nach Sollenau. Der Weg in den Nachbarort ist nicht weit, nur über eine Brücke muss man gehen. Damit nichts passiert sichert den Fanmarsch vorne und hinten eine Polizeistreife ab. Der Begleitwagen mit Musik- und Schankanlage stillt währenddessen schon einmal den ersten Durst. Oben auf der Brücke angekommen, spielt erstmals das eigens engagierte Dudelsack-Quartett auf. Einem gefällt das anscheinend besonders, dem Hund, der gleich mit heult.

Im „gegnerischen Gebiet“ angekommen, gibt es gleich die ersten Nadelstiche. Ein Mann steht am Straßenrad, schreit: „Buh, so sehen Verlierer aus.“ Das Ganze ist  eine „Häckelei“, Sekunden später schlägt er freundschaftlich mit Felixdorf-Obmann Anton Haderer ein. Zeitgleich macht die Fan-Kolonne: „Hu, hu, hu“. Der legendäre Fußball-Schlachtruf der Isländer wird traditionell mit einem immer schneller werdenden Klatschen begleitet. Da muss der Felixdorf-Fan kreativ sein, trägt den Bierbecher halt mit den Zähnen.

Doch nicht alle können genau einordnen, was diese Menschenmasse mit wehende, riesige Fahne und Trommelschlägen vorhat. „Was macht ihr da“, fragt eine Frau, die neugierig vor ihrer Haustür steht. Als sie aufgeklärt wird, lacht sie vor Begeisterung: „Das ist super!“

Der Weg zum Sollenauer Sportplatz ist da nicht mehr weit, nur noch unter der Bahnunterführung müssen die Fans durch. Vor dem Eingang wartet bereits Georg „Schurrl“ Kögl, der Sollenauer Funktionär hat eine neongelbe Jacke an, auf dem Rücken steht in großen schwarzen Buchstaben Ordner. Flott und ohne Gedränge wickelt er den Einlass ab. Als alle drinnen sind, versammelt sich die Fanschar auf der Wiese hinter dem Tor. Zu Dudelsackklängen, Trommelschlägen und wehender Fahne wird noch einmal „Hu, hu, hu“ angestimmt, das Ganze wirkt fast wie das schottische Einschwören auf eine entscheidende Schlacht. Zu Braveheart fehlt eigentlich nur noch Schauspieler Mel Gibson.

Dann nehmen die Fans nach und nach ihre Plätze ein, das Reserve-Spiel läuft bereits. Das erste Tor von Semir Ramic bekommen die Pilger aber live mit. Die Stimmung ist bereits beim Vorspiel am kochen.

„Bei der Kulisse brauche ich keinen motivieren."Sollenau-Trainer Jürgen „Hopi“ Riedl

Großer Jubel brandet ebenso auf als Sollenau plötzlich das Spiel drehte mit 2:1 in Führung geht, aber genauso als Felixdorf den Platz doch noch als 3:2-Sieger verlässt. Am Spielfeldrand wärmen bereits die beiden Kampfmannschaften auf. Sollenau-Trainer Jürgen „Hopi“ Riedl lehnt vor dem Anpfiff noch am Geländer, weiß: „Bei der Kulisse brauche ich keinen motivieren. Das ist wahrscheinlich die beste Stimmung seit den Landesliga-Derbies zwischen Sollenau und dem SC und die sind über zehn Jahre her.“

Begleitet von Ballkindern, die kleine schwarz/weiße Sollenau-Fahnen schwenken, betreten die beiden Mannschaften das Spielfeld. Gleich zwei Ehrenankicks gibt es. „Sind die Kamera-Teams bereit“, fragt Schiri Johannes Stögerer mit einem Schmunzeln, es kommt nicht oft vor, dass solche Szenen gleich mit zwei Fotoapparaten und einer Videokamera festgehalten werden. Das Spiel selbst beginnt dann etwas schleppend, bevor Felixdorf immer mehr das Kommando übernimmt. Die Felixdorf-Fans auf den Rängen bekommen von den eingefleischten Sollenau-Anhängern, den Steinfeldkämpfern, mehr Gegenwehr, als die Felixdorfer am grünen Rasen  von den Sollenauer Kickern  - Führungstreffer gibt es aber keinen.

Die Stimmung reißt nur kurz ab, als die große, wehende Felixdorf-Fahne den Assistenten am Kopf trifft, dieser zu Boden geht. Absicht steckt keine dahinter. Dennoch bittet Schiri Stögerer den Fahnenträger die Position hinter der Seitenlinie zu verlassen, er begibt sich auf die Wiese hinter dem Tor, wo sich die Felixdorfer vor Spielbeginn noch eingestimmt hatten.

Der Assistent rafft sich erst langsam wieder auf. Auf der anderen Seite des Feldes ruft Sollenau-Obmann Jürgen Hütterer: „Wir brauchen dort bitte fünf, sechs Ordner.“ Eilig werden in der Kabine die neongelben Ordnerschürzen gesucht. Abgeschirmt von einer neongelben Wand geht es dem Assistenten wieder gut, das Spiel geht weiter. Wieder stimmen beide Fanlager ihre Lieder an, ehe die Felixdorfer in Minute 76 in Jubelstimmung verfallen. Dominik Bichler versenkt einen Freistoß in den Maschen.

Zwölf Minuten später die totale Euphorie, mit dem 2:0 ist das Spiel entschieden. Die Sollenauer Kicker sitzen nach Abpfiff am Boden, doch die Steinfeldkämpfer singen weiter: „Sollenau, Sollenau, Sollenau.“ Dann geht es für beide Mannschaften zu den Fanblöcken. Eilig eilt der Felixdorfer Fahnenträger wieder zu seinen Kameraden, fest wird auf die blau-weiße Trommel eingeschlagen, als die Spieler die Laola-Welle machen.

Und während Neo-Trainer Dietmar Lueger freudestrahlend Siegerposen performt, steht am Geländer wieder sein Vorgänger, Andreas Zöger, der seinen ehemaligen Schützlingen, als einer der allerersten zum Derbysieg gratuliert.