Harte Bandagen bei Österreichs Boxern. A-Kader rund um den Neustädter Marcel Rumpler erhebt schwere Vorwürfe gegen Nationaltrainer Daniel Nader. Anzeige bei Wirtschafts- und Korruptions-Staatsanwaltschaft.

Von Malcolm Zottl. Erstellt am 27. Januar 2021 (02:12)
Die verbalen Boxhandschuhe sind ausgezogen. Die Gangart ist hart. Der A-Kader erhob in der Vorwoche schwere Vorwürfe gegen Nationalteamtrainer Daniel Nader. Gegenüber anderen Medien bezeichnete Nader die Anschuldigungen als haltlos beziehungsweise entkräftbar. Gegenüber der NÖN wollte sich Nader vor einer Verbands-Vorstandssitzung am gestrigen Dienstag (nach Redaktionsschluss) nicht äußern.
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„Es kommt auf das Umfeld an“, ist der Wiener Neustädter Boxer Marcel Rumpler überzeugt: „In der Hölle ist der Teufel ein Held.“ Kein Zufall, dass er dieses Zitat just an jenem Tag in seine Social Media-Story stellte, als er mit seinen fünf A-Kaderkollegen – Umar Dzambekov, Aleksandar Mraovic, Edin Avdic, Ahmed Hagag und Deshire Kurtaj – schwere Vorwürfe gegen Nationalteamtrainer Daniel Nader erhob.

In einem sechsseitigen Schreiben mit dem Titel „Die Zerstörung junger Sportler und des gesamten olympischen Boxsports durch Daniel Nader“, erörtern die Boxer mutmaßliche Missstände. Unter anderem ist von jahrelangem psychischem Missbrauch, extremem Druck und zu wenigen Trainingslagern die Rede.

Nader soll Sportler manipuliert haben. Im Falle von Rumpler etwa im Vorfeld der Nationalteamtrainer-Wahl 2018. In der Praxis habe das so ausgesehen: Nader soll mit eloquentem Auftreten und Sprachgewandtheit Vertrauen gewonnen haben. Der damalige Pressemitarbeiter von Naders Boxclub überzeugte Rumpler schlussendlich, „Die Stimme der Sportler“ zu unterschreiben. Rumpler habe dann auch andere Boxer überredet, für Nader zu votieren. „Uns ist gesagt worden, er ist der Einzige, der das Beste für uns will und wir haben das geglaubt. Die westlichen Bundesländer waren schon damals gegen ihn, das wäre die richtige Entscheidung gewesen“, fühlt sich Rumpler hintergangen.

„Bis heute haben die Sportler kein einziges Dokument oder irgendeinen Beweis dem ÖBV vorlegt.“ Verbandschef Daniel Fleissner

Die Trainingsqualität soll unter Nader gelitten haben. Das bestätigt auch der Gänserndorfer Daniel Janicijevic, er boxte von 2008 bis 2020 in Naders Boxclub, stand im Nationalteam und hegte den Traum von einer Olympia-Teilnahme: „Wir haben zusammen mit Hobbysportlern trainiert und die haben mehr Aufmerksamkeit bekommen als wir“, beschreibt Janicijevic, der die Handschuhe an den Nagel hing, aus mehreren Gründen, aber Nader sei einer der Hauptfaktoren gewesen: „Ich kann die Aussagen des A-Kaders zu hundert Prozent bestätigen. In Wahrheit ist das nicht einmal die Hälfte, von dem, was passiert ist. Da gibt es so viele Geschichten, da könnte man ein Buch schreiben“, meint der Ex-Boxer im NÖN-Gespräch. Während sich die A-Kader-Boxer echauffieren: „Nader wird seit der Revolte nicht müde zu beteuern, dass es sich nur um ein paar Athleten handelt, die zu schwach sind und Anforderungen nicht entsprechen wollten. Tatsächlich ist es der gesamte A-Kader des Nationalteams, der Nader den Rücken kehrt.“

Marcel Rumpler und seine fünf A-Kader-Kollegen erheben das Wort gegen Nationalteamtrainer Daniel Nader.
privat

Doch warum kam das Thema erst jetzt an die Öffentlichkeit? „Wir sind Millimeter vor dem Bild gestanden. Durch die Corona-Krise haben wir etwas Abstand gewonnen und sehen das ganze Bild“, bedient sich Rumpler einer Metapher. Das Motto lautet: Zu viel ist zu viel. Im Oktober verließen die Boxer Naders Club, der auch Bundesstützpunkt ist. Als Reaktion kam ein Anwaltsbrief, mit einer Unterlassungserklärung – diese liegt der NÖN vor – mit der Aufforderung, dass Clubinterna nicht an Dritte weitergegeben werden dürfen. Die Sportler unterzeichneten nicht.

Daniel Janicijevic aus Gänserndorf-Süd bestätigt die Aussagen des A-Kaders.
NÖN

So zahlten die Kadersportler einen monatlichen Mitgliedsbeitrag im Club, obwohl dieser Bundesstützpunkt ist. In einem Artikel der Ottakringer Bezirksblätter rechtfertigt Nader das mit der für Österreich einmaligen Infrastruktur in seinem Club. Eine weitere Anschuldigung: Bei der von ihm veranstalteten Fight Night sollen die Sportler keinen Cent erhalten haben. Selbst die Eltern der Kämpfer sollen keine Freikarten bekommen haben. „Wir waren Werbeträger“, sagt Janicijevic. Die Sportler wurden außerdem gedrängt, auf ihren Social Media-Kanälen Werbung für den Club zu machen, ansonsten drohten vage Sanktionen. Der NÖN wurde eine WhatsApp-Nachricht zugespielt. In dieser schreibt eine Vertraute Naders an Kadersportlerin Kurtaj unter anderem: „Mach das nicht und es schließen sich viele Türen. Sei klüger als andere.“ Als Konsequenz drohte, laut der A-Kadersportler, in so einem Fall die Ausgrenzung im Trainingsbetrieb.

Die NÖN konfrontierte mit diesem Vorwurf Nader und die Pressesprecherin seines Clubs per Mail. Ein Dementi blieb bisher aus, ebenso wie die Antworten auf die insgesamt 23 Fragen. Die Pressesprecherin schrieb am Montag: „Am Dienstag findet in dieser Causa eine ÖBV-Vorstandssitzung statt, wo möglicherweise neue Sachverhalte zutage treten. Dieser Entwicklung wollen wir nicht vorgreifen. Wir bitten daher um Ihr Verständnis, dass Herr Nader erst danach für ein Statement zur Verfügung steht.“

Bei der Sitzung (nach Redaktionsschluss) nahmen die eingeladenen Sportler – Dzambekov, Kurtaj und Rumpler – nicht persönlich teil, stellten nur eine schriftliche Stellungnahme zur Verfügung. Zu tief sind die Wunden der ersten Online-Vorstandssitzung am 14. Oktober, infolge derer die sechs Sportler suspendiert wurden. Was damals wirklich passierte? Darüber scheiden sich die Geister. Die Sportler behaupten, bei kritischen Bemerkungen sofort stumm geschalten worden zu sein. Anders hat das Verbandspräsident Daniel Fleissner in Erinnerung: „Diese Aussage ist unwahr. Die Athlet/innen haben ein angemessenes Zeitfenster erhalten, um ihre Vorwürfe zu konkretisieren. Ich halte fest, dass ich als Präsident für den Sitzungsverlauf verantwortlich bin und darauf zu achten habe, dass dieser auch eingehalten wird. Da die Athlet/innen die Mitglieder des Vorstandes regelmäßig bei ihren Fragen und Wortmeldungen unterbrochen haben, wurden die Sportler/innen zur Einhaltung der Sitzungskultur (Videokonferenz) hingewiesen.“ Für Rumpler eine „Kindergartenbehauptung“. Die Sitzung sei eine Farce gewesen, den Sportlern kein Gehör geschenkt worden.

Zankapfel ist unter anderem auch eine Beweismappe der Sportler (Auszüge wurden der NÖN zur Verfügung gestellt). „Die Beweismappe ist für die Staatsanwaltschaft bestimmt, aber jeder kann darauf Einsicht nehmen. Einfach vorbeikommen und fragen“, geben die sechs Sportler auf Nachfrage Auskunft. Rumpler ergänzt: „Aber wir werden sie nicht einfach per Mail verschicken.“

Verbandschef Fleissner hält gegenüber der NÖN fest: „Bis heute haben die Sportler/innen kein einziges Dokument oder irgendeinen Beweis dem ÖBV vorlegt.“ Er könne die Motive der Athleten persönlich nicht verstehen. In der Tageszeitung „Der Standard“ wird Fleissner zitiert mit: „Ich kann nicht meinen Nationaltrainer entlassen, wenn ich keinen Beweis habe.“ Vor der Sitzung am gestrigen Dienstag wurden die Sportler aufgefordert, Beweise zu liefern. Welche Konsequenzen es für die Sportler gibt – im Raum steht auch ein Verbandsausschluss – wird der Verbandsvorstand entscheiden. Auf dem Spiel steht jedenfalls einiges, etwa die Qualifikationschance für die Olympischen Spiele in Tokio.