Gasexplosion: Ein Knall, der St. Pölten erschütterte. Eine Katastrophe ereignete sich im Juni 2010 in der Munggenaststraße, fünf Menschen starben.

Von Martin Gruber-Dorninger. Erstellt am 28. Mai 2020 (05:16)

Am 3. Juni 2010 um 7.55 Uhr lässt ein lauter Knall viele St. Pöltner aufschrecken und innehalten. Stadtfeuerwehrkommandant Dietmar Fahrafellner ist gerade dabei, die letzten Knöpfe seiner Uniform zu schließen, als er plötzlich seine Vorbereitungen für den Fronleichnamszug vor dem St. Pöltner Dom unterbricht.

„Ich wusste, dass da etwas Gröberes passiert ist, und habe gleich Bürgermeister Matthias Stadler angerufen“, erinnert sich Fahrafellner. Die Gasexplosion in der Munggenaststraße 43 machte ein Wohnhaus dem Erdboden gleich. Fünf Menschen starben unter einem brennenden und rauchenden Schuttberg.

Teresa Wutzl war damals 21 Jahre alt. Sie verlor bei dem Unglück die Mutter und deren Lebensgefährten, ihre Schwester und ihre Großeltern.

„Ich durchlebte den Tag eigentlich wie in einem Albtraum, aus dem man hofft aufzuwachen, es aber nicht passiert.“Teresa Wutzl

„Ich durchlebte den Tag eigentlich wie in einem Albtraum, aus dem man hofft aufzuwachen, es aber nicht passiert“, denkt Wutzl zurück an den schlimmsten Tag ihres Lebens.

An vieles könne sie sich gar nicht mehr genau erinnern, andere Details seien jedoch immer noch sehr präsent. „Ein großer Trost war mir, dass mir Experten versichern konnten, dass meine Familie höchst wahrscheinlich nicht leiden musste, weil alles so schnell ging.“

Teresa Wutzl lebt heute im Bezirk St. Pölten. Sie verlor Mutter, deren Lebensgefährten, Schwester und Großeltern. Trost fand sie bei Freunden und Verwandten und auch ihrem Hund.
privat

Im Trauerprozess verarbeitete Wutzl die Geschehnisse in einer Psychotherapie. Aber auch durch den Beistand der Freunde und Familienmitglieder konnte sie wieder neue Zuversicht finden. „Ich habe durch sie gelernt, dass jeder sein ganz individuelles ,Päckchen’ zu tragen hat und dass man schwierige Zeiten im Leben als Entwicklungsprozess sehen kann“, so Wutzl. Sie brach damals ihr Studium ab und orientierte ihr Leben neu.

An ihre Familie denkt Teresa noch heute jeden Tag

Yoga und Sport halfen mit, die schwierige Verarbeitung und Trauer durchzustehen. Heute ist Wutzl Fitness- und Personal Trainerin und steht kurz vor dem Abschluss des Physiotherapie-Studiums. An ihre Familie denkt sie auch heute noch jeden Tag. Dabei versucht sie, stets die positiven Erinnerungen in den Vordergrund zu stellen. Den Einsatzkräften ist sie zehn Jahre nach der Katastrophe immer noch dankbar.

Fahrafellner traf damals mit seiner Mannschaft wenige Minuten nach der Explosion am Unglücksort ein. Mit Gasexplosionen hatte er bereits Erfahrung, da er auch 1999 in Wilhelmsburg mit dabei war. „In St. Pölten war es anders, weil es noch brannte und überall Rauch war“, erklärt Fahrafellner. Er roch auch Gas und ließ sofort die Leitungen abdrehen. „Weiträumig“, wie er erklärt, da die kaputte Leitung ein großes Areal betroffen hat.

„Mich hat das Ereignis menschlich noch sehr lange berührt.“Bürgermeister Matthias Stadler

Bei Ereignissen dieses Ausmaßes wird der Bürgermeister automatisch zum Einsatzleiter. Noch vom Auto aus bei der Anfahrt zum Unglücksort organisiert Matthias Stadler die Alarmierungskette und den Krisenstab. Wenige Minuten nach der Explosion trifft auch er ein. „Es war für mich emotional ein sehr forderndes Ereignis“, erinnert er sich.

Vor allem auch deshalb, weil er die Opfer persönlich kannte. Walter Aicher starb mit 81 Jahren. Er war langjähriger Direktor der Harlander Textilfabrik. Gattin Gerda (77) kam ebenfalls ums Leben. Ebenso die beliebte Volksschullehrerin Ursula Wutzl-Aicher und Tochter Alexandra (17) sowie Kelly Iyenkepolor (53). „Mich hat das Ereignis menschlich noch sehr lange berührt“, erklärt Matthias Stadler.

Rund 600 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr kämpften gegen die Flammen, zudem rückte ein Großaufgebot von Rettungskräften und Polizei aus. Mitarbeiter der Stadt waren ebenfalls vor Ort. 440 Tonnen Schutt wurden zur Untersuchung zum Wirtschaftshof gebracht. „Der Einsatz selbst ist von allen Einsatzkräften exzellent gelaufen. Auch die Zusammenarbeit mit der EVN war während des Einsatzes und danach bei der Aufarbeitung ausgezeichnet“, resümiert Stadler.

Untersuchungen ergaben, dass die Gas-Hauszuleitung defekt war, ausgerechnet an einer Stelle, die eine Starkstromleitung kreuzte. Ein Funke löste die Katastrophe aus. „Eine Häufung von tragischen Zufällen hat zu dieser Explosion geführt“, erklärt EVN-Pressesprecher Stefan Zach, der dazu auffordert, schon bei geringstem Verdacht den Gasnotruf 128 zu wählen.

Die Stadt hat nicht zuletzt aufgrund dieses Ereignisses seither erweiterte Katastrophenschutzpläne. Laut Magistrat werden laufend die Leitungsnetze gemeinsam mit den Betreibern kontrolliert. Außerdem wurden ein Sicherheitsbeauftragter und ein Sicherheitsstadtrat installiert. „Trotz aller Maßnahmen wird man aber ein derartiges Ereignis nicht endgültig verhindern können“, meint Stadler.